Alpen – Besuch beim König der Berge

Wenn der Schnee schmilzt, fressen die Steinböcke lieber frisches Gras und kommen ins Tal.

Imposant ragt das schön gebogene Gehörn in den blauen Himmel. Majestätisch, selbstsicher, frei, von der Aura der Einsamkeit umgeben, blickt der Herrscher der Gipfel über sein schneebedecktes Reich.

Der Steinbock ist der König der Berge, sein Thron ist die Felsspitze. Er steht dort, wo wir am liebsten selbst auch stehen würden: ganz oben. Doch im Hochalpinen ist die Luft dünn.

Der Alpensteinbock ist das imposanteste Tier der Alpenwelt. Viele Bergfreunde wollen so gerne einmal einen erblicken. Steile Felsen, senkrechte Abbrüche, überhängende Platten und Felshänge oberhalb der Baumgrenze – das ist sein Gelände. Die Vierbeiner meistern extreme Kletterpartien, wagen halsbrecherische Sprünge. Selbst an senkrechten Wänden halten sie sich, als hätten sie Saugnäpfe an den Füßen. In der kargen Felsenwelt, wo Edelweiße und Alpenrosen blühen, bekommt der Wanderer den Kletterspezialisten fast nie zu Gesicht.

Grasen am Dorfrand

Erschöpft von der schwierigen Bergtour kehrt der Wanderer am späten Nachmittag nach Pontresina zurück. Aber was für eine Überraschung: Unterhalb des Piz Albris, dem 3 139 Meter hohen Gipfel des Hausberges, grasen gut 50 Böcke vor den Häusern am Dorfrand wie Haustiere. Auf dem Höhenweg haben sich bereits einige Beobachter gruppiert, die dem seltenen Schauspiel auf den unteren Matten, wo der Schnee schon komplett weggetaut ist, fasziniert zuschauen.

Da futtern die stolzen Unerreichbaren mit Gehörn und Bart am gedeckten Tisch. „Mit der Schneeschmelze steigen die Steinböcke zum Dorf hinunter“, sagt Wildhüter Daniel Godli (Foto). Sie haben im wahren Sinne des Wortes keinen Bock mehr auf ihr Winterfutter: Nadelfraß, Flechten und Moos. „Frisches Gras ist ihr Salat“, scherzt er. Das gehe jetzt schon seit einiger Zeit so und ist zur Touristenattraktion geworden.

Vor drei Jahren wurde das Steinbock-Paradies mit einer ausgewiesenen Steinbock-Promenade am oberen Ortsrand eröffnet. „Man muss jetzt nicht mehr bergsüchtig sein, um Steinböcke zu sehen“, sagt Godli. In Pontresina lassen sich die hochalpinen Kletterspezialisten von April bis Juni mühelos aus der Nähe beobachten – beinahe wie im Streichelzoo. „Da spielen Intuition, Gewohnheit und Bequemlichkeit zusammen“, sagt der Tierfreund. Geißen sind nicht dabei. „Die Tierverbände leben nach Geschlechtern getrennt“, erklärt Godli. Während die Böcke sich ohne Scheu die Bäuche vollschlagen, müssen die trächtigen Geißen, die im Juni die Kitze werfen, sich mit dem begnügen, was die winterkargen Gipfelregionen an Nahrung bieten.

Man muss jetzt nicht mehr bergsüchtig sein, um Steinböcke zu sehen.

Daniel Godli
Wildhüter

Im Sommer dagegen muss man in die steilen, felsigen Südosthänge klettern, um einen Steinbock zu Gesicht zu bekommen. An Nordhängen, in geschlossenen Wäldern und unter 2 500 bis 3 000 Metern seien sie dann nicht mehr anzutreffen, so Godli, der seit 34 Jahren Ranger ist. Jeden Tag sind sie stundenlang auf Nahrungssuche und legen dabei an die 30 Kilometer zurück. Das mache es zusätzlich schwer, eins der Tiere zu erblicken. „Der Klimawandel macht auch vor den Steinböcken nicht halt“, sagt der Ranger. Die Hitze treibt sie immer höher.

Hemmungsloser Fressdrang

Unten im Tal verliert der König der Berge seine Majestät. Ohne den Kopf zu heben, weidet der Wiederkäuer das Gras ab wie ein Rasenmäher. Nach dem entbehrungsreichen Winter im Hochgebirge geben sie sich unten hemmungslos dem Fressdrang hin. Auf dem saftigen Grün verlieren die Wildtiere jede Zurückhaltung, ja, sie offenbaren sogar eine ziegenhafte Neugierde. Auch der Ranghöchste ist unter ihnen, der mit den gelb markierten Ohren. Godli nennt ihn Curdin. Der 13-jährige Steinbock trägt ein Imponierhorn von gut einem Meter Länge – so lang wie sein Körper hoch ist. Das geschätzte Gewicht des Horns liegt bei mehr als sechs Kilogramm.

Von den Zuschauern auf der Steinbockpromenade fühlen sich die Tiere völlig ungestört und laufen im Abstand von fünf Metern an ihnen vorbei. Hirsche wären längst im Dickicht verschwunden. Doch die Steinböcke senken den Kopf und äsen.

„Tock, tock“, macht es auf einmal, als würde jemand auf einen hohlen Baum schlagen. Auf der grünen Wiese gehen zwei Böcke aufeinander los. Vom Horn bis zu den Hufen Körperspannung. Ihre Köpfe sind gegeneinander gesenkt, verhaken sich an den Knoten des Horns, lösen sich und steigen wie auf Kommando auf die Hinterbeine. „Die spielen nur“, stellt der Ranger fest, und der Betrachter ist froh, in sicherer Entfernung zu stehen. „Die Rangordnung haben die stärksten längst geklärt.“ Dies sei reines Imponiergehabe, auch wenn die Würde jedes Jahr neu behauptet werden muss. Auffallen ist alles. Trotzdem scheint die Erde zu beben, wenn zweimal 100 Kilo Körpergewicht zusammenrauschen. Ungefährlich sei das für sie nicht, so Godli. Bei einem richtigen Kräftemessen können sich die Kontrahenten mit den Hörnern kräftig in die Flanken schlagen.

Die Verklärung des Steinbocks hält bis heute an. „Das Bild vom einsamen Steinbock auf der Felsspitze ist ein Mythos“, korrigiert Godli das Image des Bergkönigs. Einen Einzelgänger anzutreffen, so wie man ihn auf den meisten Fotos sehe, sei äußerst schwierig. „Der Steinbock ist ein Herdentier“, betont der Wildhüter. Er entferne sich selten von der Gruppe. Die Fotografen warten auf ein imposantes Exemplar, und wenn sie ihn auf einer Felsnase allein haben, drücken sie ab. Die Herde ist natürlich immer in der Nähe. „Ein bisschen weniger Legende“, sagt Godli, „kann dem König der Berge nicht schaden.“ Beate Schümann

© Schwäbische Post 13.03.2020 16:22
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