Berlin – mit Absinth und Swing

2020 erinnert die Hauptstadt an die Goldenen Zwanziger vor 100 Jahren.
  • Liv Lisa Fries in einer Szene der dritten Staffel der Serie „Babylon Berlin“ Foto: Frederic Batier/X Filme/Sky

Man läuft vorbei, so unscheinbar wirkt das Delphi mit seinem bröckelnden Putz. Innen dagegen: Lüster, Absinth, an der Garderobe Männer mit Schiebermützen, Frauen im Charleston-Kleid.

Auf der Empore gibt es Logen mit Holzgeländer. Das Theater im Delphi in Weißensee, in der Serie „Babylon Berlin“ der berüchtigte Amüsierschuppen Moka Efti, ist das letzte Stummfilmkino Berlins, 1929 eröffnet – und immer noch da, zum Glück.

Wo fast 800 Zuschauer saßen, stehen Tische, am Rand eine Gruppe, man kennt sich in der Swing-Szene. Heute sind alle da, es spielt das Rufus Temple Orchestra. Die Musik geht in die Beine. In der Loge wippt ein junger Spanier mit, Serienfan. Eigentlich wollte er nur ein Foto vom Saal, nun gibt es ein Konzert dazu. Und was für eines. Man wundert sich, dass es solche Orte in Berlin noch gibt, mehr, als man denkt. Daniel Zielske hat viele im Buch „Berlin - Licht und Schatten“ festgehalten. Wie den Behrens-Bau in Oberschöneweide, eine lichte Fabrik mit Arkaden, in der man bis 1934 Autos herstellte, und zur DDR-Zeit Bildröhren.

Die Fabrik als Sanatorium

In „Babylon Berlin“ wird sie zum Sanatorium. Es geht um den Rausch und die Kunst: Der Tonfilm wird erfunden. Die Studios ziehen an den Rand Berlins, ins Grüne. Der S-Bahnhof Griebnitzsee hier sieht noch aus wie einst, 1938 wird daraus „Babelsberg-Ufastadt“, das deutsche Hollywood. Dort ermittelt Kommissar Gereon Rath in der dritten Staffel von „Babylon Berlin“: ein Mord in den Studios, das Ende des Stummfilms, Zeitenwende. Nicht jeder kommt damit zurecht.

In dieser jungen Weimarer Republik gibt es Armut, Wohnungsnot, Antisemitismus, Börsencrash, neue Parteien, Drogen, Waffen und Verführer, wie geschaffen für einen Krimi. „So golden waren die Goldenen Zwanziger nicht“, hat Regisseur Tom Tykwer oft erklärt.

So golden waren die Goldenen Zwanziger nicht.

Tom Tykwer
Regisseur

„Babylon Berlin“ ist in mehr als 100 Länder verkauft, China, Afrika, Russland. Netflix hat sich die US-Rechte gesichert. Bessere Werbung geht kaum. Besonders Amerikaner, so die Tourismusmarketingstelle, fasziniert diese Epoche. Die Komische Oper zeigt Operetten von Paul Abraham und Oscar Straus, der der jüdischen Sängerin Fritzi Massary 1932 eine letzte Operette schrieb: „Eine Frau, die weiß, was sie will“.

Mancher Drehort ändert sich nicht

Katharine Mehrling singt Kurt Weill, der in den USA bekannter ist als Brecht. Es gibt Burlesque, Zwanziger-Jahre-Partys, Absinth-Bars und Stummfilmkinos wie im Theater im Delphi. Manche Drehorte ändern sich nicht: der Alexanderplatz, das Rote Rathaus als Polizeipräsidium Rote Burg. Neue kommen dazu: das Ullsteinhaus, das Bode-Museum, das in „Babylon Berlin“ zum Grandhotel wird. Andere sind schon geschlossen wie die Bellmann-Bar in Kreuzberg, in der sich die Hauptfigur Gereon Rath die Seele aus dem Leib tanzt, mit Grammofon und Kerzen auf der Holztheke. Weil man so etwas selbst nie finden würde, bucht man am besten eine Tour bei Historiker Arne Krasting. Sie beginnt meist vor dem zweiten Stummfilmkino von 1929, dem Babylon, an der Volksbühne. Krasting trägt Knickerbocker und Fuchspelz um den Hals und führt klug, mit Witz und Distanz durch das Berlin der Zwanziger. Er zeigt auf Tablets Serien-Ausschnitte, historische Fotos und Filme. Drei Stunden dauert die Tour zu Fuß oder im Videobus. Am Alexanderplatz stehen heute noch Gebäude von dem Architekten Peter Behrens, Star der Zwanziger: das Alexanderhaus und das Berolinahaus. „Damals fuhren hier noch Autos, Straßenbahnen, Busse, es herrschte Verkehrschaos“, sagt Krasting und steigt in den Bus.

Mampe und Schmalzstulle

Er hält vor der Immanuelkirche, 1893 von Kaiser Wilhelm II. eingeweiht, von außen eine Backsteinkirche wie viele, innen grandios erhalten. In der Serie wurde der hintere Teil Krankenraum von Charlotte Ritter, der Stenotypistin der Mordkommission. Man lernt viel über Orte, die man sonst nie gesehen hätte, trinkt Mampe, einen Kräuterschnaps, zur Schmalzstulle und Sekt im Ballhaus, in dem es noch Tischtelefone gibt. Die dritte Staffel wird Berlin noch mehr Gäste bescheren. Man taucht wieder gern ein in das Gestern. Es ist 1929, Weltwirtschaftskrise, Inflation, gleichzeitig wird gefeiert und gekokst – eine Stadt, die zwischen Dekadenz und Elend taumelt. Für Stefan Zweig war Berlin „das Babel der Welt“. Arne Krasting ist Fan der Serie „Babylon Berlin“, war in der dritten Staffel sogar Statist, aber er ist ein noch größerer Fan von Berlin. Das zwar nicht jeden Tag wild, frei, glamourös und aufregend ist, aber doch immerhin an manchen. Viola Keeve

© Schwäbische Post 27.03.2020 16:24
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