Bretagne – Durch den Zauberwald

Der märchenhafte Forêt de Brocéliande ist ein Ort der Seltsamkeiten.
  • Guide Fanny Goujon führt durch den verzauberten Forêt de Brocéliande. Foto: Claudia Diemar

Jedes Kind weiß, dass Wildschweine die Leibspeise von Obelix sind. Das macht Sinn, denn einst bestanden weite Teile der Bretagne aus dichtem Wald. Vom Urwald Armoricas ist jedoch nicht viel geblieben.

Nur fünf Prozent der Bretagne sind heute noch von Wald bedeckt. Eines der verbliebenen größeren Grüngebiete, ziemlich exakt zwischen Süd- und Nordküste gelegen, nennt sich offiziell Forêt de Paimpont, im Volksmund jedoch Forêt de Brocéliande. Dieser wohlklingende Begriff, erläutert Waldführerin Fanny Goujon, bedeute in etwa „Land der andren Welt“ oder „Land der kleinen Leute“.

König Artus in der Bretagne

Da der Märchenglaube in der Bretagne noch nicht ausgerottet scheint, ist man überzeugt davon, dass sogenannte Korrigans, vulgo Kobolde, in großer Zahl die Natur bevölkern. Korrigans (Kennzeichen: moosgrüne Haut und spitze Ohren sowie Gartenzwerggröße) wohnen im Wurzelwerk von Bäumen. Bodennah unterwegs pflegen sie Eindringlingen ein Bein zu stellen oder die Schnürsenkel zu verknoten. Aber mit den Korrigans ist es im Wald von Brocéliande nicht getan. Vielmehr will man hier die Sage um König Artus verwurzelt wissen. Dazu gehört auch dessen Entourage, also Edelmänner, Feen und der Zauberer Merlin. Nicht in Großbritannien, sondern im „kleinen Britannien“, also der Bretagne, sei die wahre Heimat der Ritter der Tafelrunde angesiedelt. Vermarktet wird die Idee in einer „Szenografie“ im Hauptdorf Paimpont.

Wer derlei Animation nicht braucht, fährt zum 117-Seelen-Weiler Tréhorenteuc und spaziert dort auf einem gut ausgeschilderten, etwa vier Kilometer langen Rundweg durch den höchst idyllischen Wald des Val sans retour. Ein „Tal ohne Wiederkehr“ sei die Gegend jedoch nur für Zeitgenossen, die ihren Liebsten untreu geworden sind, wird versichert.

Lange vor Fanny bot der Reformpriester Abbé Henri Gillard (1901 – 1979) bereits solche Wanderungen an. Pfarrer Gillard, sozusagen Pionier der örtlichen touristischen Erschließung, wurde wegen nicht vatikankonformer Ideen hierher zwangsversetzt, lief aber erst in Tréhorenteuc zur Hochform auf. Sein Ziel wurde die Vereinigung des Katholizismus mit keltischer Götterverehrung und bretonischer Sagenwelt zu einer Art regionaltypischem Rundumglauben, der alle selig machen sollte. Abbé Gillard wacht noch heute als Bronzestandbild vor der Kirche über seine Schäfchen. Auf dem benachbarten Friedhof ließ er auch Selbstmörder bestatten. Übrigens ist hier in Tréhorenteuc der siebte Band „Bretonische Geheimnisse“ der Krimireihe um Kommissar Dupont angesiedelt.

Der Bach aus Feenblut

Die Waldwanderung durchs Val sans retour unter Buchen, Kiefern und knorrigen Eichen stellt sich als Vergnügen heraus. Sie führt vorbei an einem See, der sich „Feenspiegel“ nennt, und weiter am rot leuchtenden Bachbett des Rauco entlang. Während Wissenschaftler die Farbgebung des Wasserlaufs in gelösten Eisen begründet sehen, sprechen märchenaffine Naturen wie Fanny von Feenblut, das sich hier seinen Weg suche. Und als ein Fuchs den Weg kreuzt, ist sie sicher, dass Merlin heute in Tiergestalt auftrete.

Wirklich märchenhaft wirkt der goldene Baum. Er hat jedoch rein gar nichts mit irgendwelchen Legenden zu tun, sondern soll, mit 12 000 Blättchen purem Gold belegt, an einen verheerenden Waldbrand in der Nähe erinnern und die Menschen davon überzeugen, dass die Natur wertvoll wie Gold und darum zu schützen sei.

Aber die vielen kniehohen Spitzsteine, die ungebetene Gäste vom Goldschürfen an seinem Stamm abhalten sollen, wirken tatsächlich wie eine ganze Armee von Korrigans. Zur Sicherheit sollte man seine Schnürsenkel im Blick behalten. Claudia Diemar

© Schwäbische Post 13.03.2020 16:22
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