Warum Bahnreisen so sehr an Beliebtheit zulegen

Seitdem in den 1950ern und 1960ern zunächst das Auto zum Jedermann-Fortbewegungsmittel wurde und sich dann das Fliegen stark verbilligte, rückten Bahnreisen in den Hintergrund, für viele war die Schiene eher ein Pendler-Metier denn eines für Reisefiebrige.

In jüngster Zeit begann jedoch ein Wandel dieses Trends. Die Bahn kommt – zurück. Für Experten eine logische Entwicklung, die sich an genau fünf Gründen festmachen lässt.

1. Europas Schienennetz wuchs zusammen

Dass die innereuropäischen Grenzen verschwanden, liegt einige Jahre in der Vergangenheit – immerhin wurde das Schengener Abkommen bereits 1985 auf den Weg gebracht. Und auf der Straße war die Umsetzung einfach: Schlagbäume entfernen, Zollbeamte abziehen, die Grenze ist offen.

Auf der Schiene hingegen war diese Entwicklung zäher. Zwar gibt es in fast ganz Europa seit langen Jahren eine einheitliche Schienen-Spurweite von 1435 Millimetern, es war also kein technisches Problem. Der Casus Knacksus lag vielmehr darin, dass bei den nationalen Betreiberfirmen Abstimmung vonnöten war. Vor allem, was die Fahrpläne anbelangt.

Das hat sich mittlerweile gewandelt. Bahnverbindungen in Deutschland und Europa gibt es nunmehr nicht bloß in Hülle und Fülle. Sie sind auch aufeinander abgestimmt. Heißt, wenn man umsteigen muss, kann man nun darauf vertrauen, dass der Anschlusszug zeitnah eintrifft, man weder in Hektik verfallen, noch unnötige Zeit auf Zwischenbahnhöfen verbringen muss.

2. Mehr Umwelt-Awareness

Etwa seit dem Beginn der 2000er erlebte der Kurzstrecken-Flugverkehr einen dramatischen Aufschwung. Kein Wunder, hatten sich doch immer mehr „Billig-Airlines“ etabliert, die solche Strecken zu beständig sinkenden Preisen bedienten.

Seitdem jedoch das Thema Klimawandel immer präsenter wird, immer mehr Menschen versuchen, auch auf Reisen ihren ökologischen Fußabdruck kleinzuhalten, hat Kurzstreckenfliegerei einen schlechten Ruf, rückt die Bahn wieder in den Vordergrund. Und dies nicht nur, weil unser Vokabular durch Begriffe wie „Flugscham“ bereichert wurde.

Abermals steht für Experten dahinter ein verständlicher Automatismus. Das europäische Streckennetz ist weitläufig elektrifiziert. Sowohl was die Umweltbilanz bei der Stromherstellung anbelangt wie die Ökonomie seines Verbrauchs sind Zugfahrten die großen Gewinner. Und selbst wo Dieselloks eingesetzt werden müssen, haben diese pro Passagier-Kopf eine wesentlich bessere CO2-Bilanz als jeder Flieger.

Bahnreisen sind deshalb auch auf größeren europäischen Distanzen die optimale Reiseform für alle, denen die Umwelt nur etwas am Herzen liegt. Und gerade auf diesen Strecken haben sie auch kaum einen Geschwindigkeitsnachteil – denn was die reine Flugzeit verkürzt, wird durch Check-Ins und Sicherheitskontrollen vollständig aufgefressen.

3. Infrastruktur-Erneuerung

Vor allem in Deutschland war das Zugfahren auch deshalb längere Zeit aus der Mode, weil:

a) die Bahn Strecken und Fahrpläne zusammengestrichen hatte und

b) die Infrastruktur über Jahre nicht die Pflege bekommen hatte, die sie benötigte.

Mit den Milliarden-Investitionen, die Anfang 2020 angekündigt wurden, wird jedoch die Trendwende auf ein nicht nur sprichwörtlich festes Fundament gestellt. Auch versprach die Bahn Ende 2019, es würde künftig keine Netz-Stilllegungen mehr geben, ferner würden Strecken, bei denen das bereits geschehen war, reanimiert werden. Auch auf der anderen Seite tut sich etwas: mehrere Gesetze wurden erlassen oder verändert. Ein wichtiger Inhalt daraus (§11 AEG):

„Beabsichtigt ein öffentliches Eisenbahninfrastrukturunternehmen die dauernde
Einstellung des Betriebes einer Strecke, […] so hat es dies bei der zuständigen
Aufsichtsbehörde zu beantragen. Dabei hat es darzulegen, dass ihm der Betrieb der Infrastruktureinrichtung nicht mehr zugemutet werden kann und Verhandlungen
mit Dritten […] erfolglos geblieben sind.“

Diese Gründe werden als wichtiges Signal für die Zukunft des Bahnverkehrs gesehen. Denn dadurch kann wieder im verstärkten Maß eine durchgängige Verbindung vom kleinsten Dorfbahnhof bis über die Staatsgrenzen hinaus realisiert werden. Ein Vorteil, dem die notwendige Anbindung der Fliegerei an zumindest halbwegs zentralgelegene Flughäfen nichts entgegensetzen kann.

4. Verstärkte Komfort-Orientierung der Fahrgäste

Just in der angesprochenen Kurzstreckenfliegerei kennt Komfort seit Jahren nur einen Weg, abwärts. Das gilt bei Erfrischungen schon lange. Und immer lauter werdende Denkkonzepte wie Stehplätze auf Kurzstreckenflügen befeuern es. Bedeutet, wer sich heute in einen Billig-Kurzstreckenflug begibt, wird eher transportiert als dass er reist.

Just diese Trends verlaufen jedoch umgekehrt zu den Wünschen, die eine immer größere Zahl von Reisenden hegt. Die möchte es immer seltener „Hauptsache billig“, sondern sieht den Urlaub als Gesamtkonzept. Und bei dem soll der Komfort nicht erst im Urlaubsort oder Hotel beginnen, sondern so dicht wie möglich an der heimischen Haustür – aus dem gleichen Grund verliert auch das Auto, trotz aller jüngst hinzugekommenen Finessen, auf Kurz- und vor allem Mittelstrecken an Beliebtheit als Reisevehikel.

Die Eisenbahn ist hier abermals und aus mehreren Gründen der lachende Dritte:

a) Das Raumangebot sowohl in der zweiten wie besonders der ersten Klasse liegt über allem, was man in der gleichen Preisklasse im Flieger bekommt. Und sowieso über dem Auto.

b) Alle Annehmlichkeiten des Chauffiert-Werdens wie im Flieger, dafür aber mit mehr Freiräumen für die Kinder und auf längeren Routen oft auch einer Bordgastronomie.

c) Keine Luftlöcher, keine Staus, keine zeitaufwendigen Sicherheitskontrollen und Check-In-Prozeduren.

Und wenn am Zielort dennoch ein Auto gewünscht wird, können Mietwagen- und Carsharing-Unternehmen die persönliche Mobilität ähnlich günstig und niedrigschwellig verfügbar gewährleisten wie beim eigenen Auto.

© Schwäbische Post 01.04.2020 11:16
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