Das beliebte bayerische Meer verschwindet langsam im Sediment der Ache

Bayern In rund 8.000 Jahren wird der Chiemsee Geschichte sein, denn die Tiroler Ache füllt ihn mit Alpengestein.
  • Das Delta der Ache - Hier wird Neuland geschaffen Foto: Chiemgau-Tourismus

Wo sind sie denn, die blaugrünen Buchten der Tiroler Ache? Am Vortag noch kühlten sich hier mutige Schwimmer im 14 Grad kalten, klaren Wasser des Gebirgsflusses und wärmten sich danach auf den feinen, weißen Kiesstränden in der Sonne. Die Szenerie bescherte den Wanderern auf dem Schmugglerweg – durch die Klamm der Ache hinauf zum Klobenstein – wunderbare Fotomotive. Schwitzend und leicht neidisch blickten sie von der Hängebrücke über der Engstelle namens „Entenloch“ hinunter auf die Badenden und zückten Kameras und Handys.

Jetzt ist kein Mensch mehr unterwegs in den regenverhangenen Bergen zwischen Österreich und Bayern, nicht einmal Grenzschützer. Nur eine Gruppe von Michelin-Männchen mit roten Helmen, eingehüllt in Neoprenanzüge und Schwimmwesten, im Schlepptau ein großes, orangefarbenes Schlauchboot. Sie sind die einzigen Farbtupfer, denn der Himmel trägt Grau, der Wald Graugrün und die Tiroler Ache präsentiert sich als schäumende, hellbraune Brühe. So hatte sich keiner die Raftingtour vorgestellt. Stefan Lukas, der Raftingguide vom gleichnamigen Sportgeschäft in Schleching, lacht. „Der viele Regen hat Sediment aufgewühlt. Dafür hat er das Wasser ein bisserl wild gemacht. Und nass werden wir eh!“ Spricht’s und lässt das Boot zu Wasser, irgendwo am Acheufer beim österreichischen Ort Kössen. Hier fließt der Fluss im breiten Bett dahin, perfekt, um Stefans Kommandos zu üben und rechts oder links die Paddel ins Wasser zu tauchen und kräftig durchzuziehen.

Wie in einem Fantasyfilm

Kaum klappt das, sorgen passend die ersten Wirbel und Absätze für Dynamik. Die Ache wird schmaler und gräbt sich tiefer ins Gelände ein. Zu beiden Seiten wachsen Wände in die Höhe, teils bewaldet, teils aus nacktem Fels. Hier scheint die Natur tatsächlich noch weitgehend unberührt. Bis auf das Plätschern des Wassers herrscht Stille, die Kulisse erinnert an einen Fantasyfilm, erst recht mit den langsam aufsteigenden Nebelschwaden überm Wasser.

Stefan hatte recht: Das Wetter ist schnell vergessen, zu spektakulär präsentiert sich die Landschaft, zu fordernd der angeschwollene Fluss. Die Badepause will kaum einer nutzen, die zwei einzigen Helden schlottern hinterher in der regenkühlen Luft.

Am Nachmittag hat sich die Sonne durchgesetzt und im Naturschutzgebiet Tiroler Achendelta trifft man den Fluss wieder. Zwischen Übersee und Grabenstätt schüttet er sein gesammeltes Geschiebe – von Kälte gesprengtes Felswerk aus den Kalkalpen, Kies und feines Sediment – in den See. Dadurch entsteht neues Land, auf dem sich Auwälder aus Weiden, Eschen, Erlen und Eichen ansiedeln, wo Biber, Wasserfledermaus und Eisvogel wohnen.

Jährlich 1,5 neue Fußballfelder

Rund 310 000 Kubikmeter Fracht bringt der Fluss jährlich ein und schafft damit die Fläche von 1,5 Fußballfeldern Neuland. „Noch vor 100 Jahren versuchte man, dem Chiemsee Land abzutrotzen für den Ackerbau. Heute jammert man darüber, dass er verlandet“, sagt Stefan Kattari, der Macher einer Sonderausstellung zur Ache im örtlichen Museum.

Stand-Up-Paddling zum Sonnenuntergang „Es ist einmalig, diesen Prozess beobachten zu können“, schwärmt auch der Chiemsee-Naturführer Peter Nentwig. Denn nur, weil der Ache – unter anderem dank dauernder Grenzstreitigkeiten – Stauwerke und andere Regulierungen erspart blieben, funktioniere die Flussdynamik hier ausnahmsweise noch. Ein bisschen schade ist die Vorstellung schon, dass vom Chiemsee in etwa 8.000 Jahren nur noch ein größerer Tümpel übrig sein soll.

Aussicht vom Wasser

Zu schön ist die Aussicht aufs Wasser und vom Wasser, zum Sonnenuntergang beim Stand-up-Paddling auf dem See.

Zur Linken schüttet die Ache dekorativ ihre Mitbringsel in den See, zur Rechten lockt die Feldwieser Strandbar mit ihren Liegestühlen und Schirmchendrinks.

Wäre da nicht so viel Natur in der Gestalt hungriger Stechmücken, könnte man ewig übers Wasser gleiten. Bettina Bernhard

© Schwäbische Post 24.08.2018 16:33
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