Eintauchen in die Geschichte mit Mario Adorf

Worms Die Nibelungenstadt erinnert an vergangene Jahrhunderte.
  • Über 1?000 Jahre alt: Der Wormser Dom Foto: Martin Wein

Willkommen in der Nibelungenstadt Worms“. An die glorreiche Geschichte der Oberrhein-Stadt erinnert auf den ersten Blick wenig außer dem Schild über dem Bahnhofsportal. Draußen stößt man dann allenfalls auf die Rheingold-Apotheke am Eingang der Fußgängerzone. Ansonsten prägen kastenförmige Zweckbauten der 50er und 60er Jahre die Innenstadt. Selbst den mächtigen Kaiserdom haben Grundstückseigentümer nach dem Zweiten Weltkrieg mit steingewordenen Scheußlichkeiten regelrecht umstellt. Wer aber im Bürgerturm der alten Stadtmauer Mario Adorf aufmerksam zuhört, der sieht Worms als Schnittpunkt deutscher Geschichte und deutscher Mythen.

2001 ist Adorf, der einst in der Nachbarstadt Mainz studiert hatte, zumindest mit seiner Stimme in die alten Gemäuer eingezogen. Er gibt über die Audiogeräte des Nibelungenmuseums jenem unbekannten Autor ein Eigenleben, der im 13. Jahrhundert das weitaus ältere Nibelungenlied zu Papier brachte. Die schöne Kriemhild, ihr Bruder Gunther, ihr eifersüchtiger Ratgeber Hagen von Tronje und der blonde Siegfried sind der Stoff für eine deutsche Version von „Game of Thrones“. Zwar verzichtet das Museum auf Visualisierungen, aber mit Adorfs Stimme im Ohr kann man auf verschiedenen Thronen sitzend das Geschehen verfolgen und vom „Sehturm“ später einen Panoramablick auf den realen Hauptschauplatz werfen. Schließlich liegt der Ursprung des Liedes hier, wo 436 das abtrünnige Burgundenreich von römischen und hunnischen Truppen zerschlagen wurde.

Der älteste deutsche Ortsname

So geschult entdeckt man sie dann auch in der Stadt: Die Protagonisten. Den (fast) unverwundbaren Siegfried auf einem Brunnen am Neumarkt, den garstigen Hagen als Bronze am Rheinufer, wo er das gestohlene Gold in den Rhein kippt. Und natürlich den Drachen als Symbol der Stadt aus Bronze und in 25 bunt bemalten freundlicheren Versionen. Ihren Namen habe die Stadt indessen nicht von diesem „Wurm“, sondern von ihrem keltischen Namen Bormetomagus, dem ältesten erhaltenen Ortsnamen in Deutschland überhaupt, berichtet Stadtführer Rüdiger Schlebach, der sich sichtlich mühen muss, so viel Geschichte in drei Stunden Stadtspaziergang unterzubringen. „Übersetzt heißt er so etwas wie Quellenfeld des Gottes Bormo.“ Daraus machten die Römer Bprbetomagus, die Germanen Worbetomagus und die Franken im frühen Mittelalter Warmazfeld, Warmazia und schließlich Worms.

Dass der Dom letztes Jahr seine 1 000-jährige Weihe feierte, war wohl einem Zufall geschuldet. Schließlich habe Kaiser Heinrich II. auf dem Weg in einen Feldzug am 8. Juni 1018 vorbeigeschaut und die fast fertige Kirche vorgefunden. Eine christliche Tat kam ihm gelegen. Noch in der Nacht wurde die Baustelle geräumt und am nächsten Tag die Kirche geweiht. Dass der in nur 20 Jahren wohl etwas stümperhaft auf unsolidem Grund hochgezogene Westchor schon zwei Jahre später wieder einstürzte, störte den Regenten wenig. Erst ein Jahrhundert später war der Dom in heutiger Form fertig.

Der Dackel am Südportal

Die Franzosen zündeten ihn 1689 an. Aus Geldnot verkauften die Katholiken die Steine des Kreuzgangs.

Auch der Dackel von Dombaumeister Philipp Brand wurde am Südportal in Stein gemeißelt. Angeblich hatte der Hund sein Herrchen ins Bein gebissen und so vom Baugerüst fortgelockt und vor einem herabfallenden Stein bewahrt. Im Dom und der verschwundenen Pfalz nebenan kam es zu Schicksalsstunden der Geschichte. 1076 schrieb hier Kaiser Heinrich IV. jenen Brief an den Papst, der den Investiturstreit auslöste und in Heinrichs Gang nach Canossa endete. Erst mit dem Wormser Konkordat wurde der größte Konflikt des Mittelalters 1122 beigelegt. Der Papst behielt das Recht, die Bischöfe zu ernennen. 1521 zog dann Martin Luther wie ein Popstar in die Stadt ein. Das Geschehen ist auf einem Glasfenster im bis heute katholischen Dom verewigt. Nicht vergessen sei indessen, das Worms im Mittelalter Zufluchtsort zahlreicher gelehrter Juden wurde. Man sprach von einem „Jerusalem am Rhein“ und meinte die Talmudschulen von Worms, Speyer und Mainz. Mit einer geliehenen Kippa auf dem Kopf führt Schlebach in die Synagoge, die Ende der 1950er Jahre nach alten Plänen neu entstand. Auf dem jüdischen Friedhof Heiliger Sand erzählen uralte Grabsteine im Gras vom jüdischen Erbe. Der älteste wurde 1076 gesetzt. Martin Wein

© Schwäbische Post 06.09.2019 15:14
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