Entdecken Sie die Welt der Maya

Zentralamerika In Guatemala kann man die Kultur der Maya kennenlernen. Bei einem Streifzug durch die Souvenirmeilen lässt sich dabei viel entdecken.
  • Foto: Franz Lerchenmüller

Böller krachen, Glocken läuten, die Luft vor der Kirche San Tomás in Chichicastenango ist grau von Kopal, dem heimischen Weihrauch. Eben zieht die Gesellschaft aus der Kirche aus. Die Mitglieder der Laienbruderschaft Jesus Nazareno tragen knielange, schwarze Hosen, schwarz-blaue Jacken, die mit mohnroten Blumen bestickt sind, und bunte Kopftücher mit langen Fransen. Es ist ihr Tag, der „Dia de Sacramento“. Viele von ihnen sind Maya, gedrungene Männer und Frauen mit braunen, verschlossenen Gesichtern, aber auch hellere Ladinos gehen mit, ihre spanischstämmigen Mitbürger. Auf den Stufen türmen sich Sträuße gelber Chrysanthemen. Zum schrägen Klang von Tröten und Flöten schreitet der Zug die Treppe hinunter. Für ein paar Minuten vibriert die Luft vor Stolz, Hingebung und heiligem Eifer.

Spagat meistern

Die Kameras der Touristen klicken: Maya-Exotik vom Feinsten. Aber wofür dieses Bild tatsächlich steht, erfassen sie nicht: Das Volk der Ureinwohner, fast die Hälfte aller 14,15 Millionen Guatemalteken, versucht den Spagat. Es will seine uralten Wurzeln nicht kappen. Und sucht doch seinen Platz in der Gegenwart.

Viele Maya haben sich rund um den Atitlán-See angesiedelt. Gesäumt von einer Krone bläulicher Zacken liegt das buchtenreiche Gewässer in einem alten Vulkankessel auf 1560 Meter Höhe – einer der schönsten Seen der Welt. Die Straßen, die sich vom Wasser in die Dörfer hochziehen, sind Souvenirmeilen: Geschnitzte Jaguarmasken, Aras aus winzigen Perlen und vor allem Webarbeiten.

Wolle mit Kräutern färben

Wer will, kann Kooperativen besuchen, in denen die Arbeitsschritte gezeigt werden, und lernt, Wolle mit Kräutern zu färben. Nirgendwo leuchten Meerblau, Türkis und Flaschengrün, die Lieblingsfarben der Maya, tiefer als auf ihren Gürteln und Blusen. Und in den Mustern aus Sternen, Pflanzen und Tieren, von denen eines der geistige Begleiter jedes Maya ist, scheint die ganze spirituelle Welt des Volkes enthalten zu sein, nicht entzifferbar für Außenstehende.

Luca, knapp 20, Maya mit verspiegelter Sonnenbrille, bringt die Besucher im dreirädrigen Tuctuc zu dem Haus, in dem der Maximón für ein Jahr haust. Im verräucherten Halbdunkel thront der Halbheilige mit dem grob geschnitzten Gesicht auf einem Stuhl, Hut auf dem Kopf, Zigarette im Mund. Er ist mit Krawatten und Schals behängt und mit Geldscheinen besteckt, eine komische Mischung aus Maya-Gott und christlicher Prominenz. Er steht für das Böse – und wehrt es doch ab. Luftballons und Girlanden hängen von der Decke, ein Radio dudelt, im flackernden Licht der Kerzen leiert ein Maya-Zauberer Litaneien herunter. Immer wieder mal gönnt er seinem hölzernen Gegenüber ein Schlückchen Rum und dann sich selbst. Gäste kommen, Gäste gehen, noch ein Schlückchen, noch ein Gebet, und, ach ja, zehn Quetzales für das Foto bitte, ein Euro vierzig. Dann wird es Zeit, sich geografisch den Wurzeln der Maya im Norden zu nähern. Schwarzgrau und steil wie eine Himmelsleiter steigt die Treppe am berühmten Jaguartempel in Tikal nach oben. Wie verwitterte Schanzen ragen die abgeflachten Pyramiden aus dem Grün. Die Maya haben zu Ehren der Götter möglichst viele Steine möglichst hoch und steil aufgetürmt, und das mit einer gewissen architektonischen Eleganz. Gefiel einer der Bauten nicht mehr, wurde er nicht etwa abgerissen, sondern mit noch mehr Fels neu ummantelt. Fast alle Tempel haben mehrere Häute.

Mitten im Dschungel

Heute liegt Tikal im Dschungel, eine weitläufige Anlage mit täglich gefegten Wegen. Doch wo jetzt Tillandsien-Ketten von den Ästen hängen und Brüllaffen akustische Schlachten austragen, öffnete sich damals eine weite Savanne. Bis zum Horizont erstreckten sich Maisfelder.

Gehöfte und Kultstätten verteilten sich dazwischen. Im 8. und 9. Jahrhundert wurde die Gegend verlassen. Vermutlich war der Boden erschöpft, Dürren kamen dazu und Rebellionen – vom einstigen Image der Maya als friedfertige, ökologisch korrekte Mustervorfahren lässt die moderne Forschung wenig übrig.

Fantasie spielen lassen

Schon der kahle Stein der Tempel wirkt imposant genug. Zum Leben aber erwacht er, wenn man die Fantasie auf Reisen schickt – 1300, 1400 Jahre zurück: Über die Stufen des Tempels steigen die Priester hoch. Ihre Masken aus grünem Jade leuchten, die wippenden Quetzalfedern auf den Köpfen schimmern wie ein türkisfarbener Wasserfall. Sie treten ein in die kleine Kammer und werden die Nacht dort verbringen.

Werden Blut auf Stoffstreifen tröpfeln und diese verbrennen, sich mit Krötengift in Trance versetzen und von dem Gott, der aus der Visionsschlange zu ihnen spricht, erfahren, was das Volk als Nächstes zu tun hat. Trance, Visionen, innige Anrufung der Götter – alles für immer vorbei? Aber nein: Tikal lebt in Chichicastenango.

© Schwäbische Post 04.08.2017 15:01
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