Irlands fast unbekannter wilder Westen

Inseltrip Das County Mayo ist eine weniger bekannte, aber spektakuläre Landschaft.
  • Downpatrick Head – eindrucksvoller Felsturm Foto: Ekkehart Eichler

Es gibt vollere Orte als Downpatrick Head. Dabei braucht dieses Küsten-Wunder im Norden von Mayo keinen Vergleich zu scheuen mit den weltberühmten Brüdern und Schwestern am Wild Atlantic Way. An diesem sonnigen Vormittag haben nur eine Handvoll Leute den Hügel über die Grasnelkenteppiche erklommen, um einen für Irland einzigartigen Solitär in Augenschein zu nehmen. Die ohnehin schon grandiose Küstenformation wird gekrönt von dem gigantischen Brandungspfeiler Dún Briste. Einem 50 Meter hohen Felsturm aus vielfarbigen und quasi aufgestapelten Gesteinsschichten, der umspült wird von brodelnden Wellen. 1393 brach der Klotz aus der Küste heraus. Seither trotzt Dún Briste Wind und Brandung.

Mehr Fantasie zum Staunen braucht es gleich nebenan. Dabei ist das, was in Ceide Fields herumliegt, einer der größten archäologischen Schätze des Landes. Unter einer meterdicken, über Jahrtausende gewachsenen Torfdecke blieb das ausgedehnteste prähistorische Monument der Welt erhalten. Die Reste einer neolithischen Siedlung, in der vor über 5 000 Jahren Ackerbau und Viehzucht betrieben wurden. Wie man den Schatz geortet hat, zeigt Archäologin Gretta Byrne. Sie nimmt dazu einen Eisenstab und drückt ihn so lange in den weichen Torfboden, bis sie auf Widerstand stößt. „Die Messung ist nicht nur simpel, sondern auch präziser als mit teuren Lasern.“ Aus den Überresten von Steinhäusern, Feuerstellen, Gräbern und Mauern zeichnet die Fachfrau so das Bild einer hochorganisierten Sozialstruktur, die lange vor Stonehenge existierte und sogar älter ist als die Pyramiden von Gizeh. Herzstück der Ausstellung im Besucherzentrum ist eine gut 4?000 Jahre alte Schottische Kiefer, die vom Moor prächtig konserviert wurde.

Beliebt dank Heinrich Böll

Wer Mayo besucht, kommt auch an Achill Island nicht vorbei. Die seit Heinrich Bölls „Irischem Tagebuch“ (1957) vor allem bei Deutschen ungemein populäre Insel versprüht wildromantischen Charme. Mit spektakulären Küstenabschnitten und wilden Berglandschaften. Mit fünf Blaue-Flagge-Stränden und bester zertifizierter Sand- und Wasserqualität also. Mit seiner Hauptattraktion, dem „Verlassenen Dorf“ samt Überresten von fast 100 traditionellen Stein-Cottages.

Manchmal geht es rau zu auf dieser Reise. Heute etwa tobt sich ein strammer Ostwind aus, dessen Böen den Sand wie eine Geisterarmee über den breiten Strand von Keel fegen. Wohl dem, der da ein gemütliches Nest hat. Das „Bervie“ war mal eine Küstenwachstation, bevor es Elizabeth und John Barrett in eine Perle der Gastlich- und Gemütlichkeit verwandelten. Humor inklusive. „Ihr könnt nach dem Frühstück nicht Auto fahren“, scherzt etwa Elizabeth. Lacht sich schlapp über unsere verdutzten Gesichter und klärt dann schmunzelnd auf: „Wir haben Whiskey in der Marmelade und Guinness im Käse.“

Die Piratenkönigin von Clew Bay

Am Kildavnet Tower trifft man auf eine Legende, die als Piratenkönigin in die Annalen einging und bis heute in der Region verehrt wird: Grace O’Malley bzw. Granuaille auf Irisch. 1530 auf Clare Island geboren, lernte sie von ihrem Vater und Clan-Chef „Black Oak“ die Seefahrt und konnte bald segeln wie der Teufel. Von ihren Stützpunkten aus kontrollierte sie die inselreiche Clew Bay. Als ihr Sohn vom Feind gefangen genommen wurde, segelte sie nach London und legte im Angesicht von Elisabeth I. einen denkwürdigen Auftritt hin. Auf Augenhöhe sozusagen, denn auch Grace sah sich als Königin ihres Reiches. Beide starben übrigens 1603.Ekkehart Eichler

© Schwäbische Post 30.08.2019 14:56
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