Nicht nur Rasta, Reggae und Rauch

Karibik Manche Jamaikaner entscheiden sich für ein Eremitendasein, andere nutzen den kreativen Ruf ihrer Heimat für eine Weltkarriere. Armut und Gewalt wollen die Touristiker lieber verstecken.
  • Foto: Michael Werner

In seinem ersten Leben hat Rasta Fire als Automechaniker gearbeitet: „Dann habe ich mein Werkzeug zurückgelassen und bin aus der Stadt geflüchtet.“ Warum? „Manchmal ist es schwierig für den Rasta, in der Stadt zu leben, vor allem ohne Geld.“ In den Bergen benötige er es nicht. „Da kann ich anbauen, was ich brauche!“

In den bewaldeten Canaan-Bergen im Bezirk Westmoreland hat er aus Brettern und Ästen eine offene Behausung gebaut. „Bei Rasta geht es um Liebe“, sagt er. Die Jungs in Negril, die sich von den Klippen in Rick’s Cafe vor den Augen bewundernder Touristinnen und neidischer Touristen ins Meer stürzen, trügen zwar ihre Dreadlocks spazieren, aber sie seien keine Rastas, sagt er auch. Ein Rasta müsse etwas anbauen, immer. So wie er.

„One blood!“

Die Bäume tragen Brotfrucht, Jackfrucht, Passionsfrucht, Avocado. Die Früchte seien sein Arzt, sagt Fire. Dann kocht er, und die Sojabohnen schmecken so echt nach Ziege, dass auch seine drei Hunde darauf abfahren. Je mehr Marihuana-Joints Fire anschließend raucht, desto euphorischer betont er dieselbe rote Farbe des Blutes, das hinter seiner dunklen Haut ebenso wie hinter der hellen seiner Gäste fließt. „One Blood!“, singt er. Das Lied ist vor 30 Jahren in Jamaika ein Hit gewesen. Damals war Rasta Fire noch kein systemkritischer Eremit, der Wanderungen für Touristen anbietet.

Keine Kifferdestination

Die Touristen mögen den kauzigen Rasta und die Journalisten, denen seine Naturverbundenheit von der jamaikanischen Tourismusbehörde vorgeführt wird, finden ihn und seine Philosophie interessant. Deshalb möchten sie ein paar Tage später einen Abstecher zu Bob Marleys Grab in dessen Geburtsort Nine Mile unternehmen. Aber das geht nicht so kurzfristig. Denn dort drohen weitere Hanf-Hommagen, aber Jamaika möchte nicht als Kifferdestination rüberkommen. Auch nicht als Reiseziel im Würgegriff der Armut und der Kriminalität. Darum bedarf es einiger Anstrengung, um ein paar Minuten lang durch die Orange Street fahren zu dürfen, das pochende Herz jamaikanischen Hauptstadtlebens, wo die raue Herzlichkeit jederzeit kippen kann. Die Armutshändler sind noch da, aber die Plattenläden gibt es nicht mehr. Was das Jamaika Tourist Board (JTB) lieber herzeigt, ist die offensiv optimistische Ordnung in den Vielstern-All-inclusive-Resorts. Auf den Toiletten der Hotelkette Sandals zum Beispiel haben dienstbare Geister die Klopapierrollen mit himmelblauen Geschenkschleifchen verziert und sie so dem unmittelbaren Zugriff des Banalsten entzogen. Auf dem Black River im Süden kann man vom Motorboot aus Krokodile beobachten. „Das Krokodil rettet den Vogel vorm Ertrinken, indem es ihn frisst“, sagt der Bootsführer trocken. Auf dem Martha Brae River im Norden hingegen kann man auf Bambusflößen raften, was nett ist aber immer dann ein bisschen absurd wirkt, wenn man rechter Hand die Lastwagen mit den aufgeladenen Flößen die Straße hinaufbrettern sieht.

Tarzan spielen am Wochenende

Wir rauchen zu festen Zeiten.

First Man Dorfsprecher

Oder Wasserfälle: An den Y.S. Falls im Süden der Insel verbringen viele Einheimische und ein paar Touristen ihre Wochenenden mit Tarzan-Spielen mitsamt Eintauchen in unwirklich schön grünlich leuchtende Naturpools. Und während die Kreuzfahrer im Norden die berühmten Dunn’s River Falls erklimmen, vergnügen sich einheimische Schulkinder ein paar Hundert Meter weiter in den sympathischen Little Dunn’s River Falls, die man auch fußgekühlt besteigen kann. Aber zur kleinen Variante, die sogar im Meer mündet, gelangt man ohne Kassenhäuschen durch ein Loch im Zaun, das so groß klafft, dass es offiziell erscheint.

Was das JTB auch gerne herzeigt: die Traumstrände bei Port Antonio im Nordosten, wo sich vor türkis schimmerndem Wasser immer jemand findet, der im weißen Sand erzählt, der Schauspielerin Brooke Shields leibhaftig begegnet zu sein. Oder den Friedhof auf dem Weg: Ein Grabmal ist offenbar von Schloss Neuschwanstein inspiriert. Unweit davon liegt eine Leiche unter einem Betonflugzeug. Daneben ein Totenporträt mit nacktem Oberkörper. Auch das ist Jamaika: sympathisch großspurig. Unerschütterlich verliebt in den eigenen Traum und den der Nächsten. Auch gerne hergezeigt – das Hauptquartier des Rum-Herstellers Hampden: In der angejahrten Produktionsanlage stinkt es, und davor gibt eine Fremdenführerin Landeskundliches zum Besten. Sätze wie „Kingston ist unsere Hauptstadt“ oder „Jamaika ist ein demokratisches Land, genauso wie die USA.“

Die Gitarre von Peter Tosh

Reggae-Tradition von ganz ganz früher wird auch gerne präsentiert: Vor der schwarz lackierten Maschinengewehr-Gitarre von Peter Tosh im gleichnamigen Museum in Kingston schwärmt eine Museumsmitarbeiterin davon, dass der Rasta-Rebell 1986 auf der Bühne einen Joint geraucht hat: „Das war das erste Mal, dass ihm seine Grundrechte nicht vorenthalten wurden!“ Da drängt die Journalistenbetreuerin vom JTB zum Aufbruch. Das passiert öfters, zum Beispiel abends über der Stadt im Dub Club, einer Zeitkapsel, in der zu Roots Reggae aus den 70er und 80er Jahren ältere Männer Marihuana rauchen. Oder im Trenchtown Culture Yard, wo einst Bob Marley jung war und jetzt zwei Musiker der Retro-Band LivinKulcha euphorisch ihre gerade erst produzierten Songs im Sound der 70er vom Laptop abspielen Dann steht ein Besuch bei „echten Rastafaris“ auf dem Programm. Deshalb fährt man von der Touristen- und Gewalthochburg Montego Bay ins „Rastafari Indigenous Village“, wo Rasseln verkauft werden, auf denen genau das steht.

„Tourismus ist Prostitution“

Der Dorfsprecher, der sich First Man nennt, sagt zur Begrüßung: „Tourism is Whoreism!“ („Tourismus ist Prostitution“). Niemand raucht einen Joint, solange die Journalisten anwesend sind. „Wir rauchen zu festen Zeiten“, sagt First Man, „grundsätzlich gilt, dass wir immer rauchen.“ Als die Journalisten von den Beauftragten des JTB zum Aufbruch gedrängt werden, zerreiben die Dorfbewohner die Blätter der Cannabis-Stauden schon in ihren Händen. Noch ein Foto mit dem Trommelmacher: First Man weist ihn an, die Tür zur Hütte zu schließen, damit man nicht sieht, dass drinnen der Fernseher läuft.

© Schwäbische Post 27.07.2018 14:57
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