Nostalgischer Sound aus dem Plattentrichter

Tipp Zur Grammophonausstellung nach Bad Urach-Hengen.

Manchmal beneide ich Menschen, deren Sammlerherz für Briefmarken schlägt“, seufzt Rolf Geigle. Dabei blitzt der Schalk aus seinen Augenwinkeln. Niemals würde er tauschen wollen – kleine Papierschnipsel gegen riesige Grammophone. Riesig sind zumindest die Exemplare, die Besucher im alten Bauernhaus im Bad Uracher Stadtteil Hengen empfangen.

Voluminöse Trichter

Das ist kein Wunder, denn die vom Sammler konzipierte Ausstellung beginnt mit Wirtshausgrammophonen. Deren voluminöse Trichter erzeugten den nötigen Sound, um in einer vollen Kneipe Gehör zu finden. Manche versuchten sich sogar in Stereo mit zwei Trichtern, die in verschiedene Richtungen pusteten, was der Tonabnehmer auf der Wachswalze ertastete. Ein bisschen kleiner, dafür edel ausgestattet waren die damaligen Geräte für den Privatgebrauch. „In den Anfängen von 1890 bis 1910 war ein Grammophon ein Luxusprodukt, das sich höchstens der Adel leisten konnte“, weiß Geigle. Die frühen Exemplare kosteten umgerechnet den mehrfachen Jahreslohn eines einfachen Facharbeiters. Dafür warteten sie auch mit kunstvoll geschnitzten Kästen aus edlen Hölzern, mit Metall- und Glastrichtern sowie mit allerlei technischen Spielereien auf.

Als die Walzen nach und nach durch Platten ersetzt wurden, wurde das Grammophon gesellschaftsfähig und bezahlbar. Und sogenannte Reisegrammophone machten die damalige Musik mobil. In den 1930er Jahren traten die Koffergrammophone dann ihren Siegeszug an. „Ein junger Kerl, der so etwas besaß, konnte darauf zählen, zu jedem Fest eingeladen zu werden“, erzählt Geigle.

Er hat viel zu erzählen, weshalb man für eine Führung durch die Sammlung auch Zeit mitbringen muss. Das ist aber auch kein Wunder bei einer Sammlung von rund 500 Grammophonen, sowie 40 000 Schellack- und Vinylplatten und reichlich Beifang aus einem halben Jahrhundert Sammelleidenschaft.

Ursprung der Leidenschaft

Zum Grammophon kam Rolf Geigle wie die Jungfrau zum Kinde, als 14-jähriger Lehrbub beim örtlichen Radio- und Fernsehtechniker. „Wir waren beim Kunden, einem Arzt. Der Gesell sollte den Fernseher reparieren und ich zusehen. Der Arzt sah, dass mir langweilig war, und zeigte mir ein Mini-Grammophon, das mich völlig begeistert hat“, erinnert er sich. Heute hat dieses kleinste je in Serie gebaute Exemplar einen Ehrenplatz bei Rolf Geigle.

Wer möchte, kann tief in Technik und Historie der Geräte eintauchen, denn Geigle hat die meisten Stücke persönlich restauriert und kennt fast alle ihre Geschichten. Bettina Bernhard

© Schwäbische Post 19.01.2018 17:31
714 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.