328 Mal ohne Führerschein unterwegs

Amtsgericht Für ein Unternehmen aus der Region ist ein 60 Jahre alter Mann des Öfteren mit dem Auto gefahren – ohne Führerschein. Das wurde ihm zum Verhängnis.

Aalen

Zu einer Bewährungsstrafe wegen fortlaufendem Fahren ohne Führerschein ist ein 60-jähriger Oberkochener von Richter Martin Reuff am Amtsgericht Aalen verurteilt worden. Ihm waren 809 Fahrten ohne Fahrerlaubnis vorgeworfen worden.

Staatsanwältin Sarah Weidel warf dem Angeklagten vor, vier Mal mit dem Privatauto und 805 Mal mit dem Firmenfahrzeug seines Arbeitgebers zwischen Juli 2017 und Dezember 2018 unterwegs gewesen zu sein. Dazu hatte der Angeklagte mit diesem Fahrzeug im Dezember 2018 in Oberkochen einen Zusammenstoß mit einem anderen Fahrzeug. Er entfernte sich unerlaubt von der Unfallstelle. Im Januar und im April 2019 fiel er jeweils bei Alkoholkontrollen mit 0,94 und 1,55 Promille in Oberkochen auf, als er mit seinem Privat-Auto unterwegs war.

Keiner fragte nach Führerschein

Der 60-Jährige bestätigte den Tatbestand. Er sei lange arbeitslos gewesen und hatte im Juli 2017 eine Stelle bei einem Handwerksbetrieb in einem Aalener Teilort bekommen. Dort wurde zu Beginn sein Führerschein nicht kontrolliert. Er habe seit mindestens 20 Jahren keinen Führerschein mehr. Das Fahren sei ein Fehler gewesen, es habe sich für ihn quasi immer mehr „normalisiert“. Für den Geschäftswagen hatten die Mitarbeiter einen Chip bekommen, mit dem Fahrten und Ziele registriert wurden. Das Fahrzeug habe er mit einem Kollegen gefahren, überwiegend aber er selbst. Er hatte auch viele Privatfahrten damit gemacht.

Als heraus kam, dass er keinen Führerschein besaß, wurde er fristlos gekündigt.

Die den Unfall im Februar 2019 ermittelnde Polizeibeamtin hatte den Flüchtigen über den Arbeitgeber identifiziert. Bei der Nachfrage bei der Führerscheinstelle kam heraus, dass der 60-Jährige keine gültige Fahrerlaubnis besaß. Der ehemalige Geschäftsführer konnte sich nicht erklären, warum weder der Kollege beim Vorstellungsgespräch noch der Disponent den Führerschein überprüft hatten, obwohl das Regel im Betrieb gewesen wäre. Auch seien Privatfahrten eigentlich nicht erlaubt gewesen.

Nicht alle Fahrten zählen

Richter Reuff stellte fest, dass nach Recht nur sichere Fahrten des Angeklagten zu beurteilen seien. Das sei schwierig, da die Kollegen auch mal mit dem Chip des anderen gefahren waren. Richter, Staatsanwältin und Verteidiger einigten sich, dass nur Fahrten an Sonn- und Feiertagen und abends nach Feierabend dem Angeklagten sicher zugeordnet werden konnten. Dazu kamen die Unfallfahrt und die Fahrten mit dem Privat-PKW – das ergebe zusammen 328 Fahrten.

Das Urteil

Die Staatsanwältin forderte aufgrund der dramatischen Vielzahl an Fahrten, wegen Unfallflucht und alkoholisiertem Fahren eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten auf Bewährung. Der Verteidiger fand dieses Strafmaß in Ordnung. Richter Reuff schloss sich diesem Strafmaß an, das auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt ist.

Das Urteil des Richters: Der 60-Jährige habe den Fehler eingestanden, hätte aber auch den Arbeitgeber auf den Umstand hinweisen können, zudem habe sich dieser fahrlässig verhalten.

© Schwäbische Post 05.02.2020 17:55
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Kommentare

Häberle & Pfleiderer

Bei solch einem Strafmaß braucht man sich nicht wundern,

das es genügend Nachahmer gibt,

welche tgl. ohne gültige Fahrerlaubnis unterwegs sind *** 

so langsam zweifle ich an der Deutschen Rechtssprechung * 

* Im Namen des Volkes ? 

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