Der lange Schlaf mit offenen Augen

Blick durch das Schlüsselloch: Es ist eine Zeit zwischen zwei Leben – das sogenannte Wachkoma. Wir haben die Wachkoma-AktivPflege in Bopfingen besucht und mit zwei Betroffenen gesprochen.
  • Fotos: Chrstian Frumolt
  • Der Raum der Sinne wird genutzt, um bei den Patienten das Hören, Sehen, Riechen und Fühlen zu schulen.

Manchmal ist es nur ein kleines Ereignis, welches das Leben eines Menschen auf den Kopf stellen kann. Und manchmal geht es auch ganz schnell. So wie bei Alexander Hammer. Der heute 42-Jährige wollte an einem Abend zu Hause eine Treppe nach oben steigen. Dabei passierte es: Er stolperte und stürzte. Bei seinem Sturz fiel er auf den Hinterkopf. Was dann alles geschah, liegt für Hammer völlig im Dunkeln. Er kann sich nicht mehr erinnern. Nur anhand von Bildern weiß er, dass er in die Akutklinik nach Burgau kam. Ebenso, dass er im Rollstuhl saß und am Rollator ging. Etwa drei Monate war er in der Akutklinik.

Lückenhafte Erinnerung

Erste bruchstückhafte Erinnerungen flackern bei ihm an die anschließende Reha in Ichenhausen auf. Alexander Hammer hatte Doppelbilder beim Sehen. Er bekam eine Augenklappe und musste in die Augenklinik. Dort trainierte das medizinische Personal mit ihm das Sehen. Dann kam er in die Wachkoma-AktivPflege nach Bopfingen. Dort kann sich der 42-Jährige noch an die Schwestern erinnern. Er erkennt sein Zimmer und den Aufenthaltsraum.

Aber den Zustand des Wachkomas – den kann er nicht beschreiben, geschweige sich an diesen erinnern. „Vielleicht ist es ein inneres Verdrängen ausgehend vom Gehirn, um sich zu schützen“, meint Hammer. „So wie man sich zum Beispiel auch an Schmerzen nicht mehr erinnert. Eine reine Sicherheitsmaßnahme der Natur.“

Alltägliches neu erlernen

In der Wachkoma-AktivPflege lernte Alexander Hammer wieder zu sprechen, zu essen, zu trinken und zu gehen. Er eignete sich einfach alles wieder von Grund auf neu an. Lernte mühevoll die Dinge, die für Menschen im Alltag selbstverständlich sind. Knut Frank, Stationsleiter der Wachkoma-AktivPflege, beschreibt es als eine Art detektivische Kleinarbeit. Es gehe darum, die Potenziale zu finden, um den jeweiligen Mensch wieder ins Leben zurückzuholen. „Manchmal sind die Bewohner für ein paar Minuten wacher als sonst. Diese Zeit muss man erkennen und nutzen“, schildert er.

Bevor ein Patient zur Wachkoma-AktivPflege nach Bopfingen kommt, hat er meist eine Krankenhaus-Odyssee hinter sich. Außerdem belasten auch schwere Schicksale die Wachkoma-Patienten. Bei Alexander Hammer trennte sich beispielsweise dessen Frau mit den drei Kindern von ihm, als er sich im Wachkoma befand.

Als Hammer wieder zu sich kam, kümmerte sich sein Bruder um ihn. Bei diesem konnte er auch nach der Entlassung einziehen. Auch finanziell ist der 42-Jährige wegen seines Schicksals in Not geraten: So hat er sein Haus verloren und arbeiten kann er nur bedingt – derzeit ist er bei der Samariterstiftung in Aalen beschäftigt.

Positive Einstellung

Und dennoch ist Alexander Hammer glücklich, denn er kommt wieder selbstständig im einfachen Alltag klar und kann in die Zukunft blicken. „Das ist auch immer mein Ziel: Nach vorne zu schauen“, sagt er und lacht dabei fröhlich.

Das ist auch immer mein Ziel: Nach vorne zu schauen.

Alexander Hammer
ehemaliger Wachkoma-Patient

Dreieinhalb Jahre dauerte der Wachkoma-Zustand von Hammer. Erst dann kam er zurück ins Leben. „Zehn Prozent der Patienten gelingt das“, sagt der Pflegedirektor des Ostalbklinikums Günter Schneider. „Das ist für alle Beteiligten dann ein Gefühl wie ein Sechser im Lotto.“

Auch Michael Sanwald hatte Glück im Unglück. Er war der erste Patient der Wachkoma-AktivPflege in Bopfingen. Sanwald wurde am Fuße einer Außentreppe bei seiner Wohnung gefunden. Bis heute ist nicht klar, was geschehen ist. Ob er durch Fremdeinwirkung oder aber durch einen falschen Tritt stürzte. Offensichtlich waren nur seine schweren Kopfverletzungen.

Nach dem Krankenhausaufenthalt kam er zunächst in ein Pflegeheim. Als sein Vater von der Eröffnung der Wachkoma-Station hörte, meldete er seinen Sohn sofort dort an.

Seine Familie kam regelmäßig zu Besuch. Aus Liebe, aber auch, um ihm zu helfen. Denn soziale Kontakte sind bei Wachkoma-Patienten sehr wichtig. Wie das medizinische Team der Wachkoma-AktivPflege erläutert, geht man davon aus, dass die Betroffenen alles wahrnehmen.

Michael Sanwald liebt das Kegeln. Er war 20 Jahre lang aktiver Kegler und ist noch heute beim KC Schrezheim bei jedem Spiel dabei. Sein Bruder ist dort Vorsitzender und Michael Sanwald hilft ihm, wo er kann – zum Beispiel bei der Organisation von Veranstaltungen wie der Country-Night. Auch an Veranstaltungen, die in der Wachkomastation stattgefunden haben, kann er sich noch erinnern. Ebenso an sein Zimmer und den Aufenthaltsraum. Aber der Zustand des Wachkomas ist auch für ihn nicht greifbar – sondern ganz aus dem Gedächtnis gelöscht.

Während die Familie zu Michael Sanwald hielt, verlieren viele Wachkoma-Patienten leider ihr soziales Umfeld. „Das ist kein Einzelfall“, erklärt Günter Schneider. „Viele verlieren die sozialen Kontakte zur Familie und zu Freunden. Zunächst kommen die Angehörigen nicht mehr zu Besuch und vergessen den Bewohner irgendwann ganz“, schildert Schneider, wie sich die Familie meist immer weiter vom Patienten zurückzieht.

Finanzielles Fiasko

Und auch finanziell ist ein Wachkoma ein Fiasko: Die Sozialversicherung fängt hier niemanden auf. Und auch die Pflegeversicherung ist oft ein Problem. Der jüngste Betroffene bei der Wachkoma-AktivPflege ist gerade einmal 14 Jahre alt. Da greift noch keine Pflegeversicherung. Die Krankenkassen sehen keine organischen Krankheiten und darum auch keinen Bedarf, sich finanziell zu beteiligen. Schneider berichtet, wie er zum Beispiel drei Stunden mit einer Krankenkasse verhandeln musste, um einen Antrieb für den Rollstuhl eines Patienten zu erhalten.

Ein Dilemma, denn die moderne Medizin macht zwar viel möglich, aber die Gesellschaft zieht nicht mit. Pflegedirektor Günter Schneider betont: „Man kann sagen, es ist ein Nirwana der Sozialversicherung.“

Was ist eigentlich das Wachkoma?

Beim Wachkoma oder apallischen Syndrom kann die betroffene Person nicht essen, nicht trinken und kaum bis gar nicht kommunizieren. Dennoch schlafen die Patienten und manche reagieren sogar auf Reize. Viele erwachen niemals ganz aus diesem Dämmerschlaf. Die Augen sind geöffnet, die Mimik ist erstarrt, nicht fähig, sich zu bewegen oder Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen.

Eine erste Beschreibung des Zustandes ist: „Der Patient liegt wach da mit offenen Augen. Der Blick starrt gerade oder gleitet ohne Fixationspunkt verständnislos hin und her. Auch der Versuch, die Aufmerksamkeit hinzulenken, gelingt nicht oder höchstens spurweise, reflektorische Flucht- und Abwehrbewegungen können fehlen...“ Das Ansprechen des Patienten, Anfassen oder Vorhalten von Gegenständen erweckt keinen erkennbaren Widerhall bei ihm oder ihr.

Der Zustand des Wachkomas ist immer Folge einer schweren Schädigung des Gehirns. Diese wird am häufigsten durch ein Schädel-Hirn-Trauma oder Sauerstoffmangel (Hypoxie) als Folge eines Kreislaufstillstandes hervorgerufen. Weiterhin können Schlaganfall, Meningitis/Enzephalitis, Hirntumore oder neurodegenerative Erkrankungen (zum Beispiel Parkinson-Syndrome) zu einem apallischen Syndrom führen. Auch eine massiv anhaltende Unterzuckerung kann das Wachkoma verursachen.

Es kommt zu einer Schädigung des Großhirns, wobei hier neben dem Untergang der Hirnrinde beispielsweise auch eine beidseitige Schädigung des Thalamus oder der Formatio reticularis zu einem apallischen Syndrom führen können. Meisten liegen Mischformen mit Schädigung mehrerer wichtiger Hirnregionen vor. Man kann dem Wachkoma nicht vorbeugen.

Quelle: wikipedia.de

© Schwäbische Post 04.01.2018 16:36
471 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.