Die Stadt Köln erleben wie Heinrich Böll

Ausflug Der deutsche Autor wurde vor 100 Jahren in der Rheinmetropole geboren und verbrachte dort fast sein ganzes Leben. Bei einem Spaziergang betrachten wir die Millionenstadt aus Sicht des Schriftstellers.
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  • Der Schriftsteller Heinrich Theodor Böll in seiner Wohnung in Köln im Dezember des Jahres 1977. Böll verbrachte fast sein ganzes Leben in der Stadt. Foto: Heinz Wieseler/dpa/dpa-mag

Wenn Freunde den Schriftsteller Heinrich Böll in den 1970er Jahren in seiner Heimatstadt Köln besuchten, dann erwartete sie ein straffes Besichtigungsprogramm. Bis heute kann man dieses als Köln-Tourist wiederholen – allerdings braucht man dafür ein gewisses Durchhaltevermögen.

Streifzug durch die Metropole

Der Schriftsteller führte seine Gäste zunächst in die romanischen Kirchen. Er zeigte ihnen St. Maria im Kapitol, St. Georg, St. Severin, St. Gereon und St. Ursula. Danach folgten der ausgegrabene römische Statthalterpalast und dann erst der Kölner Dom – denn diesen mochte Böll nicht besonders: Ihn störten an dem Wahrzeichen der Rheinmetropole einfach die Türme.

Der weitere Stadtspaziergang führte die Freunde von Heinrich Böll zu zwei Museen: dem Römisch-Germanischen Museum und dem Wallraf-Richartz-Museum. Im letztgenannten Museum können Besucher Meisterwerke der europäischen Kunstmalerei bestaunen.

Nach dem Abstecher zu den zwei Museen führte der Stadtrundgang zum Rhein. Während des Spaziergangs entlang des Stroms referierte Heinrich Böll in seiner tiefen Kettenraucher-Stimme dann zum Beispiel über Köln als Brückenstadt.

Heinrich Böll hat fast sein ganzes Leben in Köln verbracht. Und doch war es so, als hätte er in drei verschiedenen Städten gelebt: im Vorkriegs-Köln, im zerstörten Köln und im Nachkriegs-Köln.

Besondere Atmosphäre

Das Haus in der Südstadt, in dem er vor 100 Jahren – am 21. Dezember 1917 – geboren wurde, steht noch. Es befindet sich an der Ecke Teutoburger Straße und Alteburger Straße. Im alten Köln mit seinen Gassen und Giebeln sei man sich wie in einer Stadt in Flandern vorgekommen, etwa wie in Antwerpen oder Gent, sagte Böll später. Nur im Martinsviertel in der sogenannten Altstadt rund um Groß St. Martin hat sich diese Atmosphäre erhalten. Hier kann man bis zum heutigen Tag dem Köln des Kaiserreichs nachspüren.

Köln ist für mich eine versunkene Stadt.

Heinrich Böll
Schriftsteller

Böll kannte auch noch das unzerstörte Zentrum mit seinen Gassen und Giebeln. Kölns Altstadt war bei Beginn des Zweiten Weltkriegs neben Lübeck, Nürnberg und Frankfurt eine der größten in ganz Deutschland. Einen Eindruck davon bekommt man heute nur noch im Martinsviertel, dem kleinen Bezirk zwischen Alter Markt, Heumarkt und Rhein.

Das zweite Köln erlebte Böll, als er im September des Jahres 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Die Stadt war stärker bombardiert als Dresden. „Das zerstörte Köln hatte, was das unzerstörte nie gehabt hatte: Größe und Ernst“, sagte Böll. Die Ruinenstadt war für ihn auch ein Ort der Hoffnung. Vergangen war schließlich die Stadt unter dem Hakenkreuz. Stattdessen entstand in seinen Augen nun so etwas wie die klassenlose Gesellschaft.

Einige glückliche Stunden

In der Trümmerwüste erlebte der junge Schriftsteller glückliche Stunden. Er saß in seiner Mansarde, trank dort Tee, rauchte Zigaretten und tippte auf der alten Schreibmaschine seines Vaters.

Das moderne Köln interessierte Böll dagegen nicht mehr. Er nannte es das „Auto-Köln“. „Köln ist für mich eine verschwundene, versunkene Stadt, in der ich einige Punkte noch erkenne. Und das sind eben hauptsächlich die Kirchen – die romanischen Kirchen“, sagte er ein Jahr vor seinem Tod. In gewisser Weise sehnte sich Heinrich Böll nach der Kargheit der Trümmer zurück. Einen Eindruck davonvermittelt sein Arbeitszimmer im zweiten Stock der Kölner Stadtbibliothek.

Heimat den Rücken gekehrt

Heinrich Böll stand als Person und Schriftsteller in Opposition zu vielem, was die junge Bundesrepublik ausmachte. Am Ende seines Lebens fühlte er sich in seiner Heimatstadt so fremd, dass er sie verließ. Er wohnte danach entweder in Bornheim-Merten oder in Langenbroich in der Eifel. Nach Köln zurück wollte er nicht. Heinrich Böll starb am 16. Juli 1985 in Kreuzau-Langenbroich. dpa

Die Biografie eines großen Schriftstellers

Kleine Biografie
Heinrich Theodor Böll wurde am 21. Dezember 1917 in Köln geboren. Er war der Sohn des Ehepaars Viktor und Maria Böll. Die Eheleute hatten insgesamt acht Kinder. Bölls Vater arbeitete als Schreinermeister und Holzbildhauer. Heinrich Böll selbst begann im Jahr 1937 nach seinem Abitur eine Lehre als Buchhändler in Bonn. Dies brach er aber ohne Abschluss frühzeitig ab. An der Universität in Köln beginnt Böll im April 1938 ein Studium der Germanistik und der klassischen Philologie. Noch im selben Jahr wurde Böll allerdings in die Wehrmacht einberufen. Rund sieben Jahre war Heinrich Böll während des Zweiten Weltkriegs in verschiedenen Ländern für die deutsche Wehrmacht im Einsatz. Im Jahr 1945 kehrte Böll nach Köln zurück, nachdem er zuvor in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten war. In Köln nahm er zwar sein Studium wieder auf, führte aber auch verschiedene Gelegenheitsjobs aus. Bis zu seinem Durchbruch als Schriftsteller im Jahr 1951, ernährte vor allem seine Frau Annemarie die Familie mit ihrem Verdienst als Lehrerin. Die beiden hatten vier Söhne. Der Kriegsgegner und Gesellschaftskritiker Heinrich Böll starb am 16. Juli 1985 in Kreuzau-Langenbroich.

Literarisches Wirken
Heinrich Böll verfasste zeitgenössische Romane, Satiren, Hörspiele und auch Kurzgeschichten. In einigen seiner Werke behandelte Böll das Thema „Nachkriegsdeutschland“ und greift auch sonstige gesellschaftliche Missstände auf. Zu seinen bekannten Werken zählen beispielsweise „Die schwarzen Schafe“ oder auch „Ansichten eines Clowns“. 1972 erhielt Böll den Literaturnobelpreis. nad

© Schwäbische Post 22.12.2017 16:07
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