Moor für Gesundheit und Entspannung

Erholungsurlaub Zum Reinsetzen, zum Durchwandern, zum Entdecken: Moor ist allgegenwärtig in Bad Wurzach. Das Heilbad präsentiert sein schwarzes Gold für die Kurgäste ganz schön modern.
  • Foto: Naturschutzzentrum / Thomas Hoppe

Das Zeug im Holzzuber erinnert an die flüssige Schokoladenglasur, die man auf den Kuchen streicht. So lecker riecht es freilich nicht, eher nach Moder und Wald. Der Geschmack der Brühe – der Test ist nicht wirklich zu empfehlen – geht ins harzig-bittere und ist ein bisschen säuerlich, das macht die Huminsäure. Sie ist mitverantwortlich für das, was Moor als Heilmittel kann: Bandscheibenschäden, Arthrose und anderen Verschleiß von Knochen und Knorpeln lindern. Aber auch Gesunden tut Moor gut. „Mit dem heißen Moorbad versetzen wir den Körper in eine Art künstliches Fieber. Das aktiviert und stärkt seine Abwehrkräfte“, erklärt Kurarzt Simon Buchholz.

Versinken im Nirgendwo

Also tapfer hinein in die dunkelbraune Tunke. Dafür, dass sie 40 Grad heiß ist, geht das erstaunlich gut und brennt überhaupt nicht. Dann versinkt der Körper im Nirgendwo. Könnte man Arme und Beine nicht herausziehen und in ihrer schwarzen Schönheit bewundern, bekäme man Zweifel, ob sie noch da sind. Sehr präsent sind dagegen die Pflanzenreste. Die Finger kämmen durchs Bademoor und fischen Stängel, Würzelchen und Blätter heraus. Bald wird es gut warm und auf der noch moorfreien Stirn bilden sich Schweißperlen. Spontanes Abwischen zaubert eine wilde Kriegsbemalung ins Gesicht, die, wie sich zeigt, super haftet. Nach 20 Minuten ist Schluss, der medizinische Bademeister Franz Vonier rückt mit dem Schlauch an und legt weiße Haut unter schwarzem Moor frei.

Kur-Urlauber im Blick

„Das Moor ist unser Schatz, wir setzen ganz darauf“, sagt Marcel Wiesendt, Vize-Geschäftsführer des städtischen Kurbetriebs. Je etwa ein Drittel der Gäste sind Reha-Patienten, selbst zahlende Gesundheitsurlauber und Wellnessgäste. „In der stationären Reha fließt das Geld Richtung Psychosomatik. Im Bereich Orthopädie und auch bei chronische Schmerzen, wo Moor das Heilmittel der Wahl ist, geht der Trend zur ambulanten Rehabilitation“, bedauert Wiesendt. Weil weniger Patienten kommen und „Wellness heute jeder macht“, hat er vor allem Kur-Urlauber im Blick. Für sie baute man die Therme mit Saunalandschaft, für sie werden 2018 rund zwei Millionen Euro in eine neue Moorbadeabteilung investiert. „Wir wollen Deutschlands schönstes Moorbad werden“, sagt Wiesendt. Bei 64 Konkurrenten hat er sich einiges vorgenommen.

Teure Aufbereitung

Außerdem will er dem Moor zur Renaissance verhelfen. Dass das natürliche Heilmittel, das in Bad Wurzach erstmals Ordensschwestern im Jahr 1936 verabreichten, etwas außer Mode geriet, liegt vor allem an der teuren Aufbereitung. „Moor ist ein ganz eigener Stoff – dem kommt man mit normalen Maschinen nicht bei“, weiß Franz Netzer, der Haustechniker des Kurbetriebs. Das hatte er schon dem Maschinenbauer erklärt, der das Mahlwerk für die Kurbetriebe lieferte – und prompt nachbessern musste, bis es rund lief.

Etwa 300 Kubikmeter Moor fallen jeden Monat in dicken Klumpen aufs Förderband, wo sie von groben Ästen, Wurzeln, Rindenstücken und Steinen befreit werden. Ein gewaltiges Mahlwerk zerlegt die Brocken in grobe Fasern, dann wird mit eigenem Thermalwasser aufgerührt, und fertig ist das Bademoor. Bis 1996 kam das Moor aus dem Wurzacher Ried direkt vor der Haustür. Doch das hat mittlerweile Schutzstatus, hier darf kein Torf mehr gestochen werden, weder für Heilmittel noch zum Heizen oder als Einstreu für die Tiere.

Das Moor ist unser Schatz. Wir setzen ganz darauf.

Marcel Wiesendt
Vize-Geschäftsführer des
städtischen Kurbetriebs

Erholung auf 20 KIlometern

Das Moor gehört seit jeher zu Bad Wurzach – auch wenn sich die Aufgabe des größten intakten Hochmoores in Mitteleuropa gewandelt hat: Der einstige Energielieferant bietet heute Erholung auf 20 Kilometer Wanderwegen. Teils auf Holzbohlen, teils auf schmalen Pfaden spaziert man durch lichten Wald aus Moorkiefern und Birken, vorbei an Besenheide und schwarzbraun glänzenden Pfützen, bis zum Riedsee.

Der düstere, schweigende See scheint direkt aus der Kulisse eines Fantasyfilms zu stammen, ist aber erstens echt und zweitens sehr lebendig. „Hier leben 2572 verschiedene Arten von Tieren, Pflanzen, Moosen, Flechten und Pilzen – darunter auch viele bedrohte Spezies“, sagt Elsa Löffler vom Naturschutzzentrum Wurzacher Ried.

Eine nette Moorhexe

Erstaunlicherweise hat Bad Wurzach weder verbürgte Moorleichen noch sagenhafte Moorgeister – dafür eine nette Moorhexe und allerlei Fundstücke aus mehreren Jahrtausenden. Beides findet man in der futuristischen, ganz in Grün gehaltenen Ausstellung „Moor extrem“ im Naturschutzzentrum.

Hier erzählt die nette Moorhexe Calluna die Fakten zu Bildern und Filmen in kindgerechter Form. Für die Großen gibt es alternative Ansagen über Kopfhörer. Dazu gesellen sich verschiedene Mitmachstationen, an denen man tief in die Entstehungsgeschichte des Moors eintauchen kann – ganz ohne schwarz zu werden.

© Schwäbische Post 22.12.2017 17:37
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