Sanftes Schinden im Schnee

Schwarzwald Fast könnte man es Weitwandern nennen, so angenehm ist eine Skitour auf den Kandel. Wer ganz hinauf will, sollte aber früh los.
  • Foto: Wolfgang Albers

Weite weiße Hänge im Schwarzwald? Klingt schon vom Namen des höchsten Mittelgebirges Deutschlands her wie ein Widerspruch. Wer Skitouren geht im Schwarzwald, muss auch immer zwischen Bäumen durch. Aber eine Tour nutzt die Wiesen dazwischen so geschickt aus, dass man gut 500 Höhenmeter fast nur auf freien Flächen unterwegs ist, mit ständigen Panoramablicken und der Aussicht auf eine breite Abfahrtspiste. Das ist die Tour auf den Kandel, den Ausguck am Westrand des Schwarzwalds.

Derart perfekte Bedingungen, die natürlich auch Schneeschuhgeher und Winterwanderer locken, laufen nicht unter Geheimtipp. Die Hauptschwierigkeit dieser Tour ist daher, überhaupt mal einen Startplatz zu bekommen.

Ein sehr guter Ausgangspunkt ist Sägendobel. Ein kleiner Ortsteil von St. Peter, der sich, auf 735 Meter Höhe, tief in das Tal des Glotterbaches duckt. Platz zum Parken – nicht so üppig – ist nur beim Café Schuler. Wenn jetzt die Nacht klar war und einen Tag mit Sonne satt verspricht, wenn der Schnee reichlich liegt, dann sollte man vor allem am Wochenende früh starten – zu beliebt ist diese Tour. Auch, weil sie so einfach ist – fast immer sanft geneigt, eigentlich lawinensicher. Da können Schwarzwaldtouren sonst schon fordernder sein.

Sanft ansteigende Pisten

Der Einstieg, ein paar Meter unterhalb des Parkplatzes, ist beim Wegweiser mit dem Schild „Kandel (steil)“. Nicht irritieren lassen, der Wiesenweg den Hang hinauf macht bald eine Rechtskurve – und schon steht man vor einer breiten, sanft ansteigenden weißen Piste, die auch einem Skigebiet Ehre machen würde.

Die ersten Spuren sind schon gelegt, der erste Anhaltspunkt ist eine Baumgruppe mit einem Feldkreuz. „Im großen Garten der Natur siehst du des Allerhöchsten Spur“, dichtet eine Inschrift nicht ganz unpassend zum Treiben auf diesem Hang, an dem sich schon einige Tourengänger hochschieben.

Ein erster Rundumblick lohnt. Im Süden glänzt der breite Schneerücken des Feldbergs, schön erkennt man seinen Steilabbruch hinunter zum Zastler Loch. Dazwischen wellen sich Täler, in denen noch der Kältenebel hängt, und Höhen, akzentuiert durch Waldgruppen, Baumreihen, Höfe und weiße Wiesen. Eine perfekte Winterlandschaft.

Der Wald wächst

Weiter geht es hoch bis zu einem Waldrand, wo das „Tausend-Meter-Bänkle“ anzeigt, dass diese Höhenmarke erreicht ist. Fast 300 Höhenmeter Skitourengenuss – selbstverständlich ist das nicht, wie eine Infotafel kundtut: „Wie wäre es, wenn Sie hier statt auf einer Wiese mitten im Wald stehen würden?“ Tja, wäre vor allem für die Abfahrt nicht so genussvoll. Ist aber eigentlich die Regel, informiert die Tafel: „Im Schwarzwald wandeln immer mehr Landwirte ihre Weiden in Aufforstungen um. Oder sie geben ihre landwirtschaftlichen Flächen ganz auf, so dass der Wald die Wiesen zurückerobert.“ Aber hier sei die Lage noch nicht so dramatisch. Ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert und ein Foto von heute belegen: Der Wald hat sich nicht ausgebreitet. Auch dank des Förderprogramms „Offene Landschaft“.

Verschiedene Möglichkeiten

So kommt man durch eine breite Schneise auf die andere Seite des Waldstückchens. Die auseinanderlaufenden Spuren zeigen: Es gibt mehrere Möglichkeiten aufzusteigen. Wer auf den offenen Hängen bleiben will, orientiere sich Richtung Doldenhof. Mitten in den Wiesen stehen auch einige alte Häuser. Sie sehen urgemütlich aus und sind längst gesuchte Freizeit-Immobilien. Aber eine Info-Stele des Heimatgeschichtlichen Arbeitskreises St. Peter gibt den Vorbeiziehenden eine Heimatkunde der desillusionierenden Art. In diesen Häusern wohnten bis in die 50er Jahre Tagelöhner, die bei den Bauern mitarbeiteten. Auch die Kinder: Ab einem Alter von neun Jahren waren sie als Hütekinder von Mai bis November auf den Weiden. Und vormittags liefen sie noch zur Schule in Sägendobel und zurück, jeden Tag, bei Wind und Wetter, rund 400 Höhenmeter. Erst die Einführung von Weidezäunen beendete diese harte Kinderarbeit.

Das sind jetzt schon bessere Zeiten, in denen man sich während der Freizeit freiwillig schindet. Obwohl: So schlimm ist es zum Kandel hinauf auch wieder nicht. Manchmal sind die Wiesen so flach, dass es eher Weitwandern als Aufstieg ist.

Zum Schluss, wenn man auf einen Waldgürtel zuläuft, hat man die Wahl: entweder rechts auf den Hauptweg oder direkt durch den Wald hoch, kurz und ein bisschen knackig. Oben, wo ein Steintürmchen die Spitze markiert, ist viel Volk – von der anderen Seite führt eine Straße hoch. Aber es ist auch viel Platz und viel Aussicht – zum Beispiel über die oft unter Hochnebel liegende Rheinebene hinüber zu den Vogesen.

Abfahrt durchs Kanonenrohr?

Wer es sich jetzt richtig geben will, kann die steile Nordrinne des Kandel mit ihrem bezeichnenden Namen Kanonenrohr abfahren – aber das ist definitiv im Lawinengelände. Die anderen nehmen die Felle von den Skiern für eine Talabfahrt, wie sie der Schwarzwald nur selten bietet.

Urlaub im Schwarzwald

Infos
Die Tour ist im Skitourenführer „Schwarzwald mit Vogesen“ des Rother Verlages beschrieben, samt GPS-Track. Dort sind noch etliche andere Routen im Schwarzwald vorgestellt.

Anforderung
500 Höhenmeter, knapp zwei Stunden. Technisch einfach. Orientierung: Viele Spuren, aber die können auch verwirren, weil jeder so seinen Spezialanstieg hat. Das gilt vor allem für die Passage nach dem 1.000-Meter-Bänkle. Deshalb besser Karten dabeihaben.

Anfahrt
Nach St. Peter, von dort über die L 112 und L 186 nach Sägendobel.

Einkehr
Das Café Schuler in Sägendobel hat keinen Wirtschaftsbetrieb mehr, im Ort gibt es noch den Gasthof Engel, auf dem Kandel das Berggasthaus Kandelhof.
Der Kandel hat auch ein kleines Skigebiet: www.kandellifte.de

© Schwäbische Post 29.12.2017 17:33
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