Märchenhafte Realität

Das Mittelalter steckt voller Mythen, die noch heute Fragen aufwerfen und begeistern. Eine dieser rätselhaften Figuren des Mittelalters ist Jeanne d´Arc (1412 bis 1431) aus dem nordfranzösischen Dorf Domrémy an der Maas. Ihr Leben von einer Bauerntochter zu einer Nationalheiligen klingt märchenhaft und ist doch wahr. Deswegen lohnt es, diese Geschichte noch einmal zu erzählen.

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Apokalyptische Kindheitserfahrungen

Tatsächlich ließ nichts darauf schließen, dass aus dem Bauernmädchen aus der tiefsten Provinz einmal eine Heldin werden würde, auf die sich noch heute Franzosen jeder politischen Coleur beriefen und die als Teil des reichhaltigen Nationalmythos Frankreichs fortan den Franzosen bei jeder kriegerischen Auseinandersetzung Mut und Zuversicht einflößen konnte. Als sie aufwuchs, herrschte schon seit 1337 Krieg gegen die Engländer, die ihren Herrschaftsanspruch auf die französische Krone durchsetzen wollten. Fast der gesamte Norden von Frankreich war von den Engländern besetzt. Die Verheerungen des Landes durch die englische Soldateska und der Armee ihrer burgundischen Verbündeten sowie die Pest waren die Geißeln jener Zeit. Wie auch die Pest während des 30jährigen Krieges eine Zäsur war, die ein Drittel der Bevölkerung nicht überlebte, so war der „Schwarze Tod“, wie er damals genannt wurde, der tragische Höhepunkt einer apokalyptisch anmutenden Zeit. Jean d´Arc musste zweimal erleben, wie die Engländer ihr Dorf plünderten und den Flammen übergaben.

Die Visionen der Jean d´Arc

Aus den Quellen ist bekannt, dass Jeanne d´Arc eine eifrige Kirchgängerin war, die keine Messe ausließ. Wie sie selbst bekannte, hörte sie, während sich über ihr ein gleißendes Licht auftat, mit 13 Jahren zum ersten Mal Stimmen, die sie als die Stimmen der heiligen Katharina, Margareta und des Erzengels Michaels identifizierte. Während ihrer Visionen wurde ihr zugetragen, dass sie von Gott dazu auserwählt sei, Frankreich von den Engländern zu befreien und dem Dauphin, dem späteren Karl VII., zum Throne zu verhelfen. Bestärkt wurde sie dabei durch die uralte Merlin-Prophezeiung, dass eine Jungfrau aus dem Eichenwald später Frankreich retten würde, die sie auf sich bezog, zumal sie in dem „Feenbaum“ der Sage eine große Buche in Domrémy identifizierte, die ein beliebter Treffpunkt der Dorfbewohner gewesen war. Dass sie später unter anderem als heilige Jungfrau apostrophiert wurde, lag daran, dass sie sich zeit ihres jungen Lebens stets an die Merlin-Sage gehalten und ihre Jungfräulichkeit bewahrt hatte. Sie hielt in der Beziehung auch einen Konflikt mit ihrem Vater stand, der ihren zukünftigen Ehemann gemäß den Gepflogenheiten der damaligen Zeit für sie ausgesucht hatte.

Jean d´Arc betritt die Bühne der Geschichte

Die Visionen wurden immer drängender. Schließlich wurde das Bauernmädchen zum ersten Mal aktiv, als sie eindringlich um eine Audienz beim Kommandanten von Vaucouleurs ersuchte. Ihrer Hatnäckigkeit hatte sie es zu verdanken, dass diese ihr beim dritten Versuch gewährt wurde. Ihre Überzeugungskraft muss einen starken Eindruck auf den zunächst skeptischen Kommandanten gemacht haben, denn sie erreichte ihr Ziel, den Dauphin in Chinon aufzusuchen, um diesem von ihren Visionen zu berichten. Sie erhielt für die Reise eine kleine Eskorte zur Verfügung gestellt.

Ihre starke Persönlichkeit und ihr Charisma verhalfen ihr auch in Chinon dazu, ihre Ziele zu erreichen. Als sie zum Dauphin vorgelassen wurde, erklärte sie diesem, dass er es schließlich sei, der in der Kathedrale von Reims zum König gekürt werden würde, und bat ihn darum, ihn im Kampf gegen die Engländer zu unterstützen. Drei Wochen dauerten die Überprüfungen, doch am Ende stand die Entscheidung des Kronrats, ihr erste Vollmachten auszustatten. Zunächst erhielt sie eine kleine Armee, um Proviant in die belagerte Stadt zu bringen. Dabei gelang es ihr, die Bewohner zum Aufstand gegen die Engländer aufzuwiegeln und eine Armee aufzustellen. Als ihr Ultimatum an die Engländer, die Belagerung von Orleans zu beenden, unerhört blieb, ritt sie dem französischen Heer in Ritterkleidung voran, ließ sich auch nicht von einer Verwundung durch einen Pfeil abhalten, was einen großen Eindruck auf die Franzosen machte, und siegte triumphal – die Belagerung von Orleans war gebrochen und die Engländer aus den Burgen südlich der Loire vertrieben. Jean d´Arc befand sich auf dem Höhepunkt ihres Ansehens. Bei der von ihr vorhergesagten Krönung des Dauphins zum König Karl VII. In Reims stand sie mit einem Schwert während der Zeremonie an ihrer Seite.

Vom Kriegsglück verlassen

Der König vertraute ihr, doch zog ihr hoher Einfluss bei Hofe die Missgunst der königlichen Berater auf sich. Hinzu kam, dass die Stimmen, die sie nun hörte, auf einmal einen warnenden Unterton annahmen und ihr eine Wende des Kriegsglücks prophezeiten. Als sie es trotzdem geschafft hatte, den neuen König zu einem Angriff auf das seit 1415 besetzte Paris zu bewegen, traf das ein, wovor sie die Stimmen der Heiligen gewarnt hatten. Der Angriff schlug fehl, Jean d´Arc wurde von den Burgundern gefangengenommen und für 10.000 Franken Lösegeld an die Engländer ausgeliefert. Diese machten ihr einen Ketzerprozess

Gefangenschaft, Inquisition, Tod

Zunächst wurde Jean d´Arc in dem Turm Bouvreuil für fünf Monate eingesperrt, währenddessen sie sich peinliche Befragungen unterziehen musste. Auch Misshandlungen erlitt sie während ihrer Gefangenschaft. Die Aussagen ihrer Verhöre sind erhalten geblieben. Die Quellen weisen sie als eine höchst standhafte junge Frau aus, die sich selbst den rhetorisch beschlagenen und gewieften Klerikern gewachsen zeigte. Zwar gab sie aus Angst vor dem Feuertod schließlich ihre „Schuld“ zu, um dem Scheiterhaufen zu entgehen. Doch als sie später, zu lebenslanger Haft verurteilt, widerrief, wurde sie endgültig am 30. Mai 1431 auf dem Scheiterhaufen auf dem Marktplatz von Rouen verbrannt. Kurz nach dem Ende des 100jährigen Krieges, als die Franzosen die Engländer erfolgreich vom Festland zurückdrängen konnten, kam es zu einer Revision des Toderurteils von 1531 und zu ihrer Rehabilitierung. 1909 erfolgte die Seligsprechung der römisch-katholischen Kirche und 1920 ihre Heiligsprechung. Jean d´Arc ist heute Schutzpatronin von Frankreich. Ihr Leben inspirierte zahlreiche berühmte Literaten wie Brecht, Schiller, Shakespeare, Shaw, Twain, Voltaire und viele andere zu eigenen Verdichtungen, die Eingang in die Weltliteratur fanden. Bis heute ist sie eine prägende Gestalt des französischen Nationalmythos geblieben.

Bildquelle: Pixabay https://cdn.pixabay.com/photo/2017/09/02/22/29/orleans-2708724_960_720.jpg

© Schwäbische Post 17.12.2018 11:29
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