Lesermeinungen

Kontakte in den „Osten“ müssen weiter wachsen

Zum Artikel „Warum die Einheit nicht vollendet ist“, erschienen in der Tagespost am 2. Oktober:

Meiner Meinung nach kann von einer Vollendung der „Deutschen Einheit“ absehbar keine Rede sein. Dazu sind – leider – zu viele Fehler gemacht worden! Die sogenannte „Deutsche Enheit“ hat ja eine Vorgeschichte!

Sie beginnt mit dem Bau der Mauer 1960/61. Ab diesem Zeitpunkt war das Verlassen der damaligen DDR auf „normalem“ Weg nicht mehr möglich! Genauso wenig wie der problemlose „Besuch“ von Familienangehörigen. Dazu brauchte es eine Genehmigung, die beantragt werden musste und dann vielleicht genehmigt wurde. Meine Frau und ich hatten die Möglichkeit erstmals 1974, in die DDR einzureisen. Ich erinnere mich an die „Umstände“, die da zu bewältigen waren und an die Situation, die wir vorfanden. Zum Teil berichten Sie von ähnlichen Verhältnissen. Der Wille zur Leistung war absolut. Allein die Möglichkeiten dazu, Leistung erbringen zu können, fehlte. Oftmals lag es am Material, das einfach nicht oder nicht in ausreichendem Maße da war. Daher war die „Hauptwährung“ der Tauschhandel und die „Westmark“. Wir waren nahezu alle zwei Jahre im „Osten“ und könnten von jeder Menge Erlebnisse berichten, auch darüber, (...) wie sich die Situation in der DDR von Mal zu Mal wirtschaftlich verschlechterte. Dazu gehört auch, dass die „Reparationsleistungen“ der DDR an die Sowjetunion eine (...) regelrechte Ausbeutung der DDR war. Dies alles und vieles andere mehr führte meines Erachtens dazu, dass sich die Bevölkerung schließlich dazu entschloss, einer Revolution zum zweiten Mal auszusetzen ( 17. Juni 1954). Dass damals Kanzler Kohl von „blühenden Landschaften“ sprach, war und ist für mich nicht richtig nachvollziehbar. Wer damals auch nur ein klein wenig die Situation in der DDR kannte, wusste, dass das nicht so gehen konnte. (...) Es war Gottes Führung, dass es die Institution Kirche gab, an die sich die Menschen wenden konnten und die (...) zu einer friedlichen Revolution ohne Blutvergießen beigetragen hat, mit Unterstützung einzelner Persönlichkeiten, die einsahen, dass es so nicht weitergehen konnte. Es war ja in Leipzig nicht abzusehen, wie der „Staatsapparat“ auf die Demonstration reagieren würde. Die VOPO stand bereit. Das sollten wir nicht vergessen! Gott sei Dank, dass es nicht zu einem Blutvergießen kam! Die Verbesserung der Lebenssituation der Bürger in der DDR war verständlich und notwendig. Die DDR war wirtschaftlich am Boden (...). Der „goldene Westen“ war gar nicht so „golden“ wie immer beschrieben und stellte harte Forderungen, auf die die Bevölkerung der DDR nicht eingestellt war (...). Meine/ unsere Verbindungen in den Osten sind bis zum Fall der Mauer durch Begegnungen gewachsen (...). Wir haben neue Freunde gewonnen und kennen uns im Osten, meine ich, ziemlich gut aus. Sicher haben Sie mit der „Lebensleistung“ einen Punkt angesprochen, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Aber was mich erst kürzlich bei einem Besuch in Thüringen erschüttert hat, ist die Aussage einer Bekannten, als sie sagte: „Wisst ihr, dass von dem Besuch von damals, als wir uns kennenlernten, es war eine Reisegruppe, ihr die Einzigen seid, die noch Kontakt zu unserer Gruppe habt!“ Das hat uns betroffen gemacht, dass hergestellt Verbindungen einfach aufgegeben werden. Das schafft keine Verbindung und keinen Kontakt. Ich hoffe nur, dass wir alle hier nicht wieder einen Fehler machen!

© Schwäbische Post 07.10.2020 20:43
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