Lesermeinung

Zur Mahnwache zur Reichspogromnacht in Ellwangen:

Am Montagabend standen etwa 50 Menschen am Fuchseck Ellwangen, schweigend in großem Kreis versammelt, rund um angezündete Kerzen, die in Form des Davidsterns aufgestellt waren. Zum Gedenken an den Tag vor 82 Jahren, als aus Deutschen, Mitbürgern, Nachbarn, Kollegen und Vereinskameraden dann verachtenswerte, verfolgungswerte und schließlich „ermordenswerte Juden“ wurden. Opfer und Mörder wurden geschaffen.

Früher, zu Schulzeiten, war dies oft ein Diskussionsthema bei uns. Wie konnte eigentlich so etwas geschehen? Die Zusammenhänge werden dann im Laufe des Erlebten klarer. Auch diesen Montag hatte ich erlebt, wie in unserer Fußballfreunde-WhatsApp-Gruppe sich alte Sportsfreunde sind, sich wegen des ehemaligen US-Präsidenten richtig zerstritten hatten.

Es gibt Kräfte, die mit immer ähnlichen perfiden, oft erfolgreichen Strategien, Hass und Zwietracht säen unter denen, die einig sein sollten, zumindest im Großen und Ganzen. Die Spalter an den Machthebeln und deren Unterstützer, die ganze Völker zu entzweien vermögen und aus friedlichen Bürgern „Wutbürger“ machen, scheinen mehr zu werden und weltweit mehr Macht zu gewinnen.

Insofern war diese Woche wieder eine gute Zeit für die Menschen, die zu der Hoffnung Anlass gibt, dass in einem maßgeblichen Teil der Welt wieder die Einsicht Einzug hält, dass nur gemeinsam, friedvoll und in demokratischen Prozessen die fast übergroßen Aufgaben der Weltbevölkerung gelöst werden können.

Man darf dafür beten, darüber sprechen und daran arbeiten, dass nie wieder Familien und Kinder, jedweder Nationalität, Kultur oder Religion Angst haben müssen vor diesem Hass, der aus Menschen Täter macht. Schweigen sollte man darüber nie. Außer eine gute halbe Stunde am Fuchseck, still – und trotzdem mächtig.

© Schwäbische Post 12.11.2020 19:50
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