Lesermeinung

Zur US-Wahl

Die deutsche Berichterstattung über die US-Wahlen war kurzsichtig und negativistisch und grenzte an Inkompetenz. (..)

Illinois und Georgia sind meine alte Heimat und innere Spaltung. Mein seelisches Bindeglied war der Fernverkehr der Eisenbahnen. Bis auf die Ost- und Westküsten zerrissen mächtige Lobbies und Machtzentren dieses Netzwerk alter Technik, während ich studierte. Nach der Promotion flog ich nach einem Beschluss des Oberschulamts Stuttgart nach Aalen. Es klingt komisch, aber die Karte des Fernverkehrs auf US-Bahnen (Amtrak) sieht der rot-blaugefärbten Karte der Wahlgewinner erstaunlich ähnlich. Eine ähnliche Karte von den high- vs. lowtech Bundesstaaten, von Vollbeschäftigung vs. Arbeitslosigkeit (vor Corona), von überwiegend weißen vs. farbigen Mehrheiten sieht auch so aus.

(...) Ganze Landstriche sind mit den rostenden Fabriken alter Technik verseucht. Zwischen Pennsylvania und Colorado fühlt man sich übergangen und dankt Trump dafür, dass er den Industriebossen Ärger androhte, sollten sie die Produktion nach Mexiko verlagern. Der Liberalismus lehnt den Sozialismus wegen Kreativlosigkeit ab, schützt aber nicht vor Katastrophen.

Die amerikanischen Verfassungsgeber (..) dachten über das späte 18. Jahrhundert hinaus. Ihrem demokratischen Ideal gemäß, vergaben sie die Plätze im einen Teil des Parlaments nach der Mehrheit der Wähler. Um ihre Unterschiede auszugleichen, fiel ihnen die Gleichvertretung der Bundesstaaten im anderen Teil ein. Das war wenig, aber die Wirtschaft war erst dabei, sich als Wissenschaft zu verstehen. Die formale Demokratie gibt dem Wahlgewinner recht. Existentielle Gegensätze wie Perspektivlosigkeit und Rassismus gefährden das Ideal.

Eine konservative Macht – die bald 250 Jahre alte demokratische Tradition – schützt Amerikas institutionalisierte Revolution im Schneckentempo. Auf den Azubi im Weißen Haus folgt nun der Bestqualifizierte aller Zeiten. Trump und Biden sind in einem Alter, wo die Wörter nicht so schnell kommen wie die Gedanken. Wer nur an sich denkt, tobt dagegen an. Wer sich selbst überwindet, wird weise. Mit Biden geht es ehrlicher, friedvoller und daher erfolgreicher voran.

© Schwäbische Post 15.11.2020 19:31
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