Kommentar

Uns leitet die Verantwortung

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Michael Länge über die aktuelle Stimmung in der Corona-Krise

Die Demo am Samstag auf Gmünds Marktplatz gegen eine Einschränkung der Grundrechte in der Corona-Krise hat in den sozialen Medien und auf der Website unserer Zeitung viele Reaktionen hervorgerufen. Ohne Wenn und Aber: Die Teilnehmer dieser Kundgebung haben ein Grundrecht ausgeübt: auf Versammlungsfreiheit. Das Risiko, das diejenigen eingingen, die ohne Maske und zu sechst, siebt oder acht auf dem Marktplatz standen, ohne Abstand zu halten, ist ihr eigenes. Der Haken daran: Es ist auch das anderer. Denn die Demonstranten könnten, in Begegnungen, auch andere gefährden.

Ein paar Meter weiter: Auf dem Wochenmarkt kaufen Menschen Obst, Gemüse, Blumen, Käse, Wurst. Mit Masken. Wie angeordnet.

Diese Beispiele zeigen: Die Reaktionen der Menschen auf die Corona-Krise bewegen sich zwischen Angst vor Krankheit und Angst vor Freiheitsverlust. Überspitzt: zwischen Obrigkeitshörigkeit und Grundrechteverlustsneurose. Aber: Dass wir diese Diskussion in Deutschland führen, ist gut. Sie ist, wie die fast bedingungslose Zustimmung für die Regierung am Anfang der Krise, Spiegel der Stimmung im Land. Auch in Gmünd.

In dieser Stimmung muss jeder seine Stimme finden. Auch der berichtende und bewertende Journalist, der sich mit kritischen Stimmen aus der Leserschaft auseinandersetzt. Wohlgemerkt: von beiden Seiten. Deshalb: Die erste Aufgabe des Redakteurs ist die Berichterstattung, um den Leser zu informieren, damit dieser sich eine eigene Meinung bilden kann. Seine zweite Aufgabe ist, einzuordnen, zu bewerten.

Was uns Journalisten dabei lenkt, ist in einem Wort gebündelt: Verantwortung. Den Menschen gegenüber, die Angst haben, um ihr Leben fürchten, und den Menschen gegenüber, die Krankheit und womöglich Tod nicht fürchten, weil ihnen ihre Freiheit wichtiger ist. Dies ist eine Gratwanderung, keine einfache. Denn: Wir wollen nicht verharmlosen. Aber auch keine Panik schüren.

Was bei unserer Arbeit herauskommt, darf jeder kritisieren. Im Gespräch mit uns. Durch Mails. Gerne auch durch Leserbeiträge.

Denn je mehr wir heute über die Abwägung diskutieren, die wir Tag für Tag auf den Prüfstand stellen, desto mehr Gewissheit schaffen wir, dass wir morgen, wenn die Krise vorbei ist, zur gewohnten Freiheit zurückkehren.

m.laenge@tagespost.de

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