Lesermeinung

Keine Angst vor Andersgläubigen

Zur aktuellen Debatte rund um den Kongress „Leben.Würde“.

Die aktuelle Debatte zum Kongress „Leben.Würde!“ auf dem Schönblick polarisiert. Wenn ich mir Thesen und öffentliche Auftritte selbsternannter „Lebensschützer“ anschaue, lässt mich das Gefühl nicht los, dass Evangelikale vor allem von einer großen Angst befallen sind. Wenn sie ihre eigene Wahrheit, ihr geschlossenes Weltbild in einer sich immer wieder wandelnden Welt nicht vollständig erhalten können, droht ihr Geschäftsmodell zu entgleiten. Als liberaler Christ bin ich der Auffassung, dass man keine Angst vor Andersgläubigen haben muss. Mein Glaube wird selbstverständlich nicht dadurch gefährdet, dass Andere anders oder gar nicht glauben. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass ein kritischer Diskurs gegen Fundamentalismus notwendig ist.

Denn uneingeschränkte Toleranz führt nur zum Verschwinden von Toleranz, wusste bereits Karl Popper. Wenn die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausgedehnt wird, wenn die Gesellschaft nicht bereit ist, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten sowie die pluralistische Demokratie letztendlich vernichtet und die Toleranz mit ihnen, so der bekannte Philosoph. Um sich diesem Toleranz-Paradoxon zu entziehen, benutzen Rechtsnationalisten in so gut wie jeder Sitzungswoche im Bundestag, aber auch Evangelikale in gesellschaftspolitischen Debatten, die Methode der „Täter-Opfer-Umkehr“. Aus Opfern, in diesem Fall Frauen im Schwangerschaftskonflikt, machen die selbsternannten „Lebensschützer“, Täterinnen. Diese perfide Methode missbillige ich vor allem aus christlicher Perspektive zutiefst. Und bevor ich ebenfalls Opfer von „Victim Blaming“ werde: Auch ich, auch liberale Christen freuen sich über jedes geborene Kind! Aber Frauen sollen in einer Demokratie die Möglichkeit haben selbstbestimmt über ihre Schwangerschaft, ihren eigenen Körper entscheiden zu können. Wer ihnen dieses Recht nicht gewähren möchte, entmündigt sie. Ob Popper gegenüber diesen Menschen Toleranz empfehlen würde?

Alexander Relea-Linder

Schwäbisch Gmünd

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