Lesermeinung

Probleme liegen im System

Zu: „Lage an Kinderkliniken „dramatisch“, Schwäpo vom 2. Dezember:

So wie Weihnachten kommt offensichtlich auch die alljährliche

winterliche Infektwelle mal wieder völlig unerwartet. Plötzlich ist allerorten das Jammern groß, dass die Kinderkliniken überlastet sind und die kleinen Patienten, ihre Eltern und das Personal leiden. Dabei weiß jeder, der sich auch nur halbwegs für das Medizinsystem interessiert, dass die Lage der Kinderkliniken schon lange mehr als dramatisch ist. Bundesweit, für Schwestern, Ärzte und Patienten und das ganze Jahr über. Und die Ursachen dafür sind auch schon lange bekannt und hätten mit ein bisschen gutem Willen und dem nötigen Geld auch schon lange angegangen werden können.

Wer die gesonderte Ausbildung zur Kinderkrankenschwester aus finanziellen Gründen streicht und die Lohnentwicklung im Pflegebereich nicht der gestiegenen Arbeitsbelastung anpasst, (...) wer trotz des demographischen Wandels und der veränderten Arbeitseinstellung der jungen Generation die Zahl der Medizinstudienplätze nicht entsprechend erhöht und für eine ausgeglichene Mischung der Studierenden sorgt, der hat dann halt am Schluss auch zu wenig Ärztinnen und Ärzte in Klinik und Praxis zur Verfügung.

Wer ein Vergütungssystem kreiert, das nur noch die Intensivbehandlung kleiner Frühgeborener adäquat bezahlt, und gleichzeitig die Klinikträger zwingt, mehr auf die Wirtschaftlichkeit als auf die

Patientenbehandlung zu achten, der braucht sich dann auch nicht zu wundern, dass Klinikverwaltungen bundesweit die normalen Kinderabteilungen notgedrungen totsparen und plötzlich überall Betten und Personal fehlen. Wenn das System zu laut knirscht, dann werden plötzlich alle aufmerksam und versprechen ganz schnell ganz tolle Lösungen, nur damit man Handlungsfähigkeit demonstriert hat. (...) Und wenn das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit sich dann einem neuen Thema zugewandt hat, dann sitzen die wirklich Betroffenen wieder alleine im Dunkeln und warten auf die nächste Infektwelle, und die nächste, und die nächste.

Dr. med. Thilo Heising

Aalen

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