Lesermeinung

Salonfähige Diskriminierung

Zum Thema: Wetzgau turnt ohne Olympiasieger

Um es klar zu sagen: Der von Wladimir Putin zu verantwortende kriegerische Angriff auf die Ukraine ist aufs Schärfste zu verurteilen. (...). Zutiefst bestürzend aber ist, was hierzulande in den letzten Tagen teilweise zu beobachten ist: Eine Diffamierung, Diskriminierung und Ausgrenzung alles (vermeintlich) Russischen – nichts anderes als offener Rassismus. Nur drei von unzähligen Beispielen: Wie soll man es nennen, wenn ein Turner des TV Wetzgau allein wegen seiner russischen Herkunft vom Bundesligateam ausgeschlossen, ein russischer Stardirigent bei den Münchner Philharmonikern vom Münchner OB entlassen wird oder ein Restaurant die Bewirtung von Russen ablehnt? (...). Ob Flüchtlingszustrom 2015/16, Dieselskandal, Klimawandel, Corona oder Ukraine-Krieg – in der ersten Aufgeregtheit werden die Positionen in einer Atmosphäre des Hypermoralismus in Gut und Böse eingeteilt. Für Zwischentöne oder Differenzierungen bleibt weder Zeit noch Raum. (...).

Bei jedem Thema wird einer Gruppe von Menschen mit aller Härte klargemacht, dass sie keinen Platz mehr in der gesellschaftlichen Mitte hat: Heute sind es Russen, gestern waren es Ungeimpfte, morgen sind es vielleicht die „Klimasünder“. So erodieren Zusammenhalt in und Identifikation mit unserem Land. Mit jedem Thema verliert unsere Gesellschaft die jeweils als Paria identifizierte Gruppe, bis sie in unzählige Parallelgesellschaften zerlegt ist. Die moralinsauren Eiferer werden eines Tages verständnislos vor dem Trümmerhaufen stehen, der sich einmal Zivilgesellschaft nannte und den sie mit ihrem Tun zu verantworten haben. Wenn wir Stil und Umgang miteinander nicht schnellstens korrigieren, sind das die wahrlich düsteren Aussichten.

⋌Friedrich Lange, Mögglingen

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