Lesermeinung

Schrei nach Fantasie

Zu Aktionen der „Letzten Generation“ und der Berichterstattung : 

Suppen auf Kunstwerke (hinter Scheiben), Kleber auf Straßen, Blockaden vor Gebäuden – der Aufschrei ist riesig, die Wut immens, der Hass eine Wucht. Und nun ein Gedankenexperiment: was wäre, wenn all diese Energie, dieser gesellschaftliche Aufschrei vereint würde? Vereint zu einem Schrei nach Fantasie? So wie es der Autor Ralph Ruthe kürzlich treffend formulierte: „Ich denke ein großes Problem ist der Mangel an Fantasie. Was nützen all die Fakten, all die Daten, all die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden Prognosen für unsere Zukunft, wenn Typen wie Merz und Lindner es einfach nicht hinkriegen, sich den Horror, auf den wir da ungebremst zusteuern, bildlich vorzustellen?“

Ja, die Aktionen der „Letzen Generation“ sind nervig. Ja, sie verursachen Chaos. Und ja: diese Menschen besitzen die Fantasie, sich unsere Welt in 20 bis 30 Jahren und darüber hinaus vorzustellen. Was benötigen die Massen an Empörten, um nur ein Stück dieser Weitsicht zu erlangen? Jahrzehntealte Tagesschausendungen, die darauf aufmerksam machen: fail. Wissenschaftliche Erkenntnisse und Appelle noch und nöcher: fail. Naturkatastrophen in immer kürzeren Abständen und in immer näher rückenden geographischen Lagen: fail. Eine Jugend, die demonstrierend zu Tausenden auf die Straßen geht: fail. Und nun passiert das, was schon immer in der Menschheitsgeschichte passiert ist: ein Teil der Gesellschaft erhebt sich, legt den Finger in die Wunde und bohrt darin herum. Unangenehm. Schmerzhaft. Ohne Rücksicht auf (eigene) Verluste. Weil er nötig ist, der Schrei nach Fantasie.

Nadine Dinc

Aalen-Unterrombach

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