Lesermeinung

Zum SchwäPo-Leitartikel "Die wahre Gefahr" vom 12. März:

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Der Autor Dieter Keller präsentiert im Leitartikel "Die wahre Gefahr" ein gängiges Narrativ, das ökonomische Fakten ignoriert und durch die fehlende gesamtwirtschaftliche Perspektive irreführend ist.

Der Autor Dieter Keller präsentiert im Leitartikel "Die wahre Gefahr" ein gängiges Narrativ, das ökonomische Fakten ignoriert und durch die fehlende gesamtwirtschaftliche Perspektive irreführend ist. Für einen Sparer ist die Geldentwertung ebenso wichtig wie der Zins. Am Ende zählt, was nach Abzug der Inflation übrig bleibt und das war seit 1949 in vielen Jahren ein Minus.

Nun sind seit einigen Jahren die Inflationsraten niedrig und die Zinsen noch niedriger. Daraus abzuleiten, dass die EZB "eine kalte Enteignung der Sparer, deren Altersversorgung immer weniger wert ist", betreibt, ist aus vielerlei Gründen unsinnig: Erstens gibt es in einer Marktwirtschaft keinen Anspruch auf Zins. Wenn die Unternehmen und Bürger das von den Notenbanken bereitgestellte Geld nicht ausgeben und somit das Angebot an Ersparnissen steigt, dann muss folgerichtig der Preis des Geldes, also die Zinsen sinken (...). Zweitens sinken auch außerhalb des Euroraums seit Jahren die Zinsen, in Japan spricht man schon von einer Nullzinsära. Drittens verfügen die unteren 40 Prozent der Bevölkerung nach Abzug der Schulden faktisch über gar kein Finanzvermögen und können damit auch nicht von Zinsen profitieren. Viertens ist die staatliche umlagefinanzierte Altersvorsorge klugerweise an die Höhe der Löhne und nicht an das Zinsniveau gekoppelt. (...) Der Mythos des Sparers als Opfer der Geldpolitik und niedriger Zinsen ignoriert, dass das Geldvermögen der Bundesbürger noch nie so hoch war wie heute. Dahinter verbirgt sich eine steigende Vermögenskonzentration, denn die reichsten zehn Prozent der Deutschen besitzen knapp 60 Prozent und das reichste Prozent 35 Prozent des gesamten Nettovermögens. (...) Deutsche sind nicht nur Sparer, sondern viel häufiger Erwerbstätige, Konsumenten und Steuerzahlende. Die Enteignungsthese verschweigt, dass die Niedrigzinspolitik dem deutschen Staat jährlich 45 Milliarden Euro durch geringere Zinsausgaben erspart (...).

Hans Gaffal

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