Adieu, Ortsvorsteherin Heidi Matzik!

  • Weitere
    schließen
+
Nicht, dass sie darunter gelitten hätte. „Aber das Zutrauen, dass ein Mann als Ortsvorsteher alles schon noch besser kann, ist unterschwellig bei der Stadtverwaltung vorhanden“, sagt Heidi Matzik.
  • schließen

Sieben Jahre stand sie an der Spitze der Unterkochener Kommunalpolitik. Im Interview erzählt die 65-Jährige von ihrem Herzensauftrag und einem „großen Indianer-Juhu“.

Aalen-Unterkochen

In den vergangenen sieben Jahren hat sie die meiste Zeit Ihres Lebens im Unterkochener Rathaus verbracht; immer fokussiert auf Lösungen, die Unterkochen weiterbringen. Am 30. April wird Ortsvorsteherin Heidi Matzik zum letzten Mal ihren Schlüssel im Türschloss ihres Amtszimmers im ersten Obergeschoss des Unterkochener Rathauses umdrehen. Und sich dabei ganz sicher die eine oder andere Träne aus den Augen wischen. Weil sie ihr Amt immer als Herzensauftrag begriffen hat. Kurz vor ihrer offiziellen Verabschiedung im Unterkochener Ortschaftsrat hat sich Redakteurin Ulrike Wilpert mit Heidi Matzik unterhalten.

Ein Glas mit Lars - Heidi Matzik im Podcast mit Chefredakteur Lars Reckermann

Hier reinhören

Frau Matzik, was beziehungsweise wen werden Sie ab dem 1. Mai am meisten vermissen?

Heidi Matzik: Die Vielfältigkeit der Aufgaben und die Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen. Schlicht das große Ganze, das meiner Art entspricht: Auch wenn ganz schnell noch etwas hereinkommt, das man rasch bearbeiten muss, nicht vor der Aufgabe zu erschrecken, sondern den Fokus auf eine Lösung richten.

Was noch?

Den Ortschaftsrat als kleinstes kommunalpolitisches Element. Und das Rathaus, das die Türen öffnet für Menschen, die mit jedweder Fragestellung kommen. Und das Gefühl, ihnen helfen zu können. Mir war immer wichtig, dass die Menschen Unterstützung finden. Andernfalls kann es für sie in Politikverdrossenheit münden.

Ihre größte Herausforderung als Ortsvorsteherin?

Der Bau der Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge. Da sind die Wogen in Unterkochen sehr hochgegangen. Aber mir war es immer ein ganz großes Anliegen, dass die verunsicherten Anwohner wissen, dass sie jederzeit im Rathaus anrufen können, und dass wir uns kümmern. Besonders freue ich mich, dass heute vehemente Gegner der Gemeinschaftsunterkunft die Größe aufbringen, und sagen, unsere Befürchtungen haben sich nicht bestätigt.

Ergänzen Sie den Satz: Wenn ich an die Schätteretrasse und an den Albaufstieg denke ...

... bin ich zuversichtlich, dass doch eine Lösung gefunden werden kann, die für alle Beteiligten stimmig sein kann.

Sie haben einmal öffentlich bekannt, dass Sie die „eine oder andere Geschichte“ in der Vergangenheit geärgert hat. Welche zwei Beispiele fallen Ihnen dazu ein?

Die zum Teil ablehnende Haltung der Eltern gegen eine Überführung der Grundschule in die Kocherburg-Gemeinschaftsschule. Und der lange Vorlauf, bis der Parkplatz am Häselbachstadion tatsächlich verwirklicht werden konnte. Als es so weit war, bin ich tatsächlich in meinem Amtszimmer vor lauter Freude mit großem Indianer-Juhu um den Tisch gesprungen. Denn ich hatte größte Bedenken, dass die Durchfahrt für Rettungsdienste nicht mehr ausreicht, wenn die Autos entlang der Zufahrtsstraße zur Glashütte parken.

Vor allem die hartnäckigen Bürgerinitiativen gegen Albaufstieg und Radfahren auf der Schätteretrasse sorgen für Schlagzeilen. Wenn Sie den Unterkochenern einen hilfreichen Rat geben wollen, wie könnte der lauten?

Grundsätzlich finde ich Bürgerinitiativen positiv. Sie zeigen, dass die Menschen am Ort großes Interesse daran haben, den Ort zu gestalten. Aber wir haben mit dem Ortschaftsrat als politische Vertretung der Bürgerinnen und Bürger eine bodenständige Demokratie. Ich würde mir wünschen, dass die Bürgerinitiativen mit den Ortschaftsräten besser ins Gespräch kommen. Denn alle Entscheidungen sind letztlich eine Abwägung zum Wohle der Ortschaft. Und dabei bleibt immer – leider – ein Kern übrig, der für manche Menschen vielleicht eine Verschlechterung bedeutet.

Wenn Sie in die Glaskugel schauen könnten. Wo sehen Sie Unterkochen in 10 Jahren?

Ich sehe den Ort dann als einen ganz wichtigen Schulstandort. Denn unsere Gemeinschaftsschule geht, durch Corona verschärft, vorbildliche Wege in eine neue Zeit. Unterkochen wird weiterhin ein sehr starker Industriestandort mit vielen Arbeitsplätzen sein. Und aufgrund seiner attraktiven Landschaft und den touristischen Zielen wie Kocherursprung, Marienwallfahrtskirche, Ruine Kocherburg und den unglaublich schönen Wanderwegen wird sich Unterkochen noch viel mehr als eine kleine Perle der Stadt Aalen herausstellen.

Wird die Ebnater Steige, der Albaufstieg, bis dahin ausgebaut sein?

Nein, das sehe ich nicht. Das Modell Brenner mit der Tieferlegung der Straße am Fuße der Steigung hat ja nur städtebaulichen Charakter, um den Lärmschutz für die Anwohner zu verbessern. Eine dritte Spur, um Lkws zu überholen, würde zu massiv ins Gelände eingreifen. Das sehe ich schon kritisch, was den Naturschutz anbelangt. Unser aller Ziel muss stattdessen sein, die Menge des motorisierten Individualverkehrs einzudämmen.

Gab es Situationen, in denen Sie den Eindruck hatten, dass sich ein männlicher Ortsvorsteher bei der Stadtverwaltung leichter Gehör hätte verschaffen können?

Ja. Wenn ein männlicher Ortsvorsteher im Gemeinderat der Stadt sein Wort erhebt, ist es schon etwas anderes. Nicht, dass ich darunter gelitten hätte. Mir war es immer möglich, mich zu Wort zu melden. Aber das Zutrauen, dass ein Mann das schon noch besser kann, ist meiner Meinung nach unterschwellig bei der Stadtverwaltung noch immer vorhanden.

Das sind die beiden Nachfolger der SPD-Frau

Heidi Matzik hat am 30. April ihren letzten Tag als Ortsvorsteherin von Unterkochen. Zudem scheidet die SPD-Frau auch aus dem Gemeinderat der Stadt Aalen aus. Für sie wird Martina Lechner zum 1. Mai in den Aalener Gemeinderat nachrücken.

Florian Stütz als neuer Ortsvorsteher in Unterkochen ist vom Gemeinderat bereits mit deutlicher Mehrheit gewählt. Seine neue Aufgabe wird der 44-Jährige zum 1. Mai übernehmen.

Zurück zur Übersicht: Aalen

WEITERE ARTIKEL