Ärztesprecher Hock warnt: Versorgung in Gefahr

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Immer weniger und immer ältere Ärzte sollen immer mehr Patienten betreuen, schildert Ärztesprecher Dr. Sebastian Hock.
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Warum sich der Sprecher der Aalener Ärzteschaft an Bundesgesundheitsminister Lauterbach wendet.

Aalen. „Die geplante Abschaffung der Neupatientenregelung im Termin- und Versorgungsgesetz (TSVG) trifft die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen im ländlichen Raum massiv“, erklärt Dr. Sebastian Hock, Vorsitzender der Ärzteschaft Aalen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) wolle „trotz massiv gestiegener Kosten und einer von den Krankenkassen geforderten Nullrunde bei den Honoraren“ auch noch die Neupatienten-Regelung kippen. Diese war erst vor zwei Jahren eingeführt worden, um für Neupatienten schneller Termine in Arztpraxen zu erhalten. In einem Gesetzentwurf zur GKV-Finanzierung sieht das Bundesgesundheitsministerium vor, die im TSVG verankerten finanziellen Anreize für die Versorgung von Neupatienten zu beenden. Dabei werden diese Patienten nicht „extra“ bezahlt. Sie müssen aber nicht ins Budget hineingerechnet werden. Dies bedeute, dass für Neupatienten das Honorar komplett bezahlt wird. Bei „Nicht-Neu-Patienten“ ist es ja derzeit so, dass bei „zu vielen“ Patienten gekürzt oder gestrichen wird. „Beim Bäcker würde dies bedeuten, ab 1000 verkauften Brötchen gibt es weniger und ab 2000 muss er sie gratis abgeben“, erläutert Hock. Damit Ärzte Neupatienten aufnehmen, sind die von dieser Regelung ausgenommen. Dass dies nun gestrichen werden soll, ärgert Hock „maßlos“, wie er sagt.

Die Situation der Ärzte sei jetzt schon schwierig: „Immer weniger und immer ältere Ärzte sollen immer mehr Patienten betreuen, außerdem noch die gesamten Flüchtlinge“, schildert Hock. Deswegen habe er sich in einem offenen Brief an den Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach gewandt - und zwar „mit großer Sorge um die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten“. Er möchte gar nicht jammern, dass Ärzte zu wenig verdienen. Aber er sieht in dem geplanten Gesetz einen weiteren möglichen Grund, dass Kollegen aufhören - und junge Ärzte keine Praxen aufmachen.

Bereits seit Jahren schon steckten die Ärzte in der ambulanten Versorgung „in einer schwierigen Situation fest“. Es werde „immer schwieriger, Kolleginnen und Kollegen für die ambulante Versorgung zu finden“. Gleiches gelte für das Praxispersonal: „Bürokratische Anforderungen rauben uns zudem kostbare Patientenzeit, und die Digitalisierung ist derzeit noch eher Hemmnis als Unterstützung“, erklärt Hock.

Trotzdem habe die Ärzteschaft „im Vertrauen auf den Bestand der gesetzlichen Regelungen das Terminangebot infolge des Terminservice- und Versorgungsgesetzes im Rahmen unserer Möglichkeiten ausgeweitet“. Auch das Sprechstundenangebot sei ausgedehnt worden, „was auch zu einer höheren Belastung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter führt“.

Herausforderung Pandemie

Durch die Pandemie seien weitere Herausforderungen hinzugekommen, die die Situation verschärft haben. „Wir mussten die Patientenströme entzerren, haben gesonderte Infektsprechstunden angeboten, die Hygienepläne unserer Praxen angepasst, pandemiebedingte Personalausfälle in der Praxis kompensiert, auch abends und an den Wochenenden geimpft wie verrückt, Patientinnen und Patienten in Gesprächen von der Impfung überzeugt, uns mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegen Drohungen zur Wehr gesetzt.“ Außerdem hätten die Ärzte mit der Versorgung der Corona-Patientinnen und -Patienten die Kliniken und die Kolleginnen und Kollegen dort vor Überlastung geschützt - neben der regulären Versorgung. „In dieser Zeit haben wir hautnah erlebt, wie alle in unseren Teams auf ganz unterschiedliche Weise weit über die Belastungsgrenze gearbeitet haben, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden“, berichtet Hock. Gleichwohl sei der Ärzteschaft „eine entsprechende Wertschätzung unserer Medizinischen Fachangestellten durch das Bundesministerium für Gesundheit mit einem Coronabonus versagt“ geblieben.

Herausforderung Krisenhäufung

„Selbstverständlich“ erreichten auch die politischen Ereignisse und Entwicklungen in der Welt die Praxen. Gerade angesichts der aktuellen Krisenhäufung und dadurch induzierter gesundheitlicher Beeinträchtigungen sei der Bedarf der Patientinnen und Patienten „an Zuwendung durch ihre Ärzte und Psychotherapeuten besonders hoch“.

Herausforderung Kosten

Steigende Energie-, Personal- und Materialkosten seien ebenfalls eine Herausforderung: „Sie bringen uns als Unternehmer und Arbeitgeber unter zusätzlichen wirtschaftlichen Druck“, was auch dazu beitrage, dass der Generationenwechsel in der ärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung „massiv erschwert“ werde.

In dieser auch für die Praxen sehr schwierigen Zeit treffe die Ärzte das Vorhaben, die von Lauterbach bei der Erstellung des TSVG vorangetriebene Neupatientenregelung aus dem TSVG zu streichen, „besonders hart“. Dies führe dazu, „dass wir keinen Weg sehen, wie wir die Versorgung der Patientinnen und Patienten auf dem bisherigen Niveau aufrechterhalten können“, warnt Hock.

Die Arbeitskraft und Ressourcen der Niedergelassenen und ihrer Praxisteams könnten „nicht immer weiter ausgezehrt werden, weil sie endlich sind“, so Hock und weiter: „Deshalb werden wir unser Angebot an unsere Patientinnen und Patienten reduzieren müssen.“ Daher appellierten die Ärzte „an Ihre Verantwortung, gerade auch für die Aufrechterhaltung der ambulanten medizinischen Versorgung, und bitten Sie dringend, die geplanten Änderungen zum TSVG im Gesetzentwurf für das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz zu streichen“, schließt Hock sein Schreiben an Lauterbach.  

⋌Jürgen Steck

Die sogenannte Neupatientenregelung soll nach einem Gesetzentwurf für zur Stabilisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung ab September wieder gekippt werden. Damit entfällt eine Art „Extra-Budget“ für Arztpraxen, die Neupatienten eine schnellere Terminvergabe ermöglichte. Für Patientinnen und Patienten könnte dies bedeuten: Es ist zukünftig wieder mit erheblich längeren Termin-Wartezeiten zu rechnen.

Dr. Sebastian Hock privat/Foto: photopositiv

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