Ärztinnen und Ärzte für Aalen gewinnen

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Wie die Gesundheitsversorgung in Aalen künftig gewährleistet werden kann.

Aalen. Ein Dorf ohne Ärztin ist wie Fachsen ohne Feld. Das ist einer der Werbeslogans, mit denen der Ort für eine neue Hausärztin oder einen neuen Hausarzt wirbt. Denn seit Dr. Bernd Musold Ende 2021 in den Ruhestand gegangen ist, gibt es im Welland keinen Allgemeinmediziner mehr. Rückmeldungen zur Werbekampagne hat es laut Ortsvorsteherin Sabine Kollmann gegeben. „Es laufen Gespräche“, sagt sie. Doch auch anderswo gibt es Mediziner, die in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen möchten. Im letzten Teil der Sommerserie Zukunftsthemen antworten die Fraktionen und Gruppen im Gemeinderat auf die Frage: Nicht mehr alle Stadtbezirke haben eine Hausärztin oder einen Hausarzt. Wie kann die hausärztliche Versorgung in der Gesamtstadt künftig sichergestellt werden?

Michael Fleischer (Grüne): Viele niedergelassene Ärzte sind über 60 Jahre alt, Nachwuchs lässt sich kaum finden. Zu viel Bürokratie, unattraktive Arbeitszeiten, hohe Verantwortung bei deutlich verschlechterten ökonomischen Bedingungen. Das geplante städtische „Aktivitätsprogramm ärztliche Versorgung“ schafft zwar Anreize für bereits niederlassungswillige Jungärzte, nach Aalen zu kommen, löst aber nicht das grundsätzliche Problem, sich unter aktuellen Bedingungen überhaupt niederlassen zu wollen. Der richtige Hebel hierfür wären unseres Erachtens MVZ in kommunaler Trägerschaft. Solche könnten flexible Arbeitszeiten, Wegfall der Bürokratie und deutliche Verringerung des ökonomischen Risikos bieten. Bei kommunalen Trägern würde im Gegensatz zu privaten auch der Gewinnmaximierungsanspruch wegfallen.

Thomas Wagenblast (CDU): Für die Bürgerschaft ist ein wichtiger Eckpunkt der ärztlichen Versorgung die Hausärztin oder der Hausarzt: Sie sind Vertrauenspersonen und begleiten viele Menschen mit medizinischem Rat über Jahrzehnte. Deshalb möchte die CDU-Fraktion sich mit Nachdruck dafür einsetzen, die hausärztliche Versorgung zu sichern. Dazu hat der Gemeinderat im Juni ein Programm aufgelegt: Wir müssen Flächen für Arztpraxen oder Medizinische Versorgungszentren in der Stadt- und Ortsentwicklung berücksichtigen. Um Ärztinnen und Ärzten einen Anreiz zur Niederlassung in unserer Stadt zu geben, möchten wir sie beim Punktesystem zur Vergabe von städtischen Wohnbauflächen berücksichtigen. Darüber hinaus brauchen wir auch ein Förderprogramm zur Schaffung von Praxisflächen. Hier kann unsere städtische Wohnungsbau helfen.

Hermann Schludi (SPD): Die hausärztliche Versorgung hat sich durch zahlreiche Praxisschließungen in den letzten Jahren spürbar verändert. Nun gilt es gemeinsam mit Kassenärztlicher Vereinigung, Landkreis und Kommune, diese Mammutaufgabe anzugehen. Verschiedene Instrumentarien sind bereits in Anwendung, wie vorrangiger Erwerb von Bauland für Ärzte oder auch Stipendien für Medizinstudierende, die sich im Ostalbkreis niederlassen wollen. Dafür werden geeignete Immobilien z.B. für ein MVZ, gemeinsam mit weiteren medizinischen Einrichtungen benötigt, die, wie aktuell in Wasseralfingen, auch durch private Investoren erstellt werden können. Nur durch Schaffung von nachhaltigen Infrastrukturen in Abstimmung aller Beteiligten ist es möglich, auch in Zukunft die hausärztliche Versorgung der Gesamtstadt sicherzustellen.

Thomas Rühl (Freie Wähler): Die bisherigen Maßnahmen sollen weitergeführt werden. Das heißt, die Kommunikation mit der Kassenärztlichen Vereinigung muss intensiviert und härter geführt werden. Die Werbemaßnahmen der Ortschaften und an den Ortseingängen zeigen erste Wirkung. Im Gemeinderat wurde dazu eine Änderung des Punktesystems zugunsten niederlassungswilliger Ärzte beschlossen. Man könnte auch daran denken, den Ärzten den Start in einer Ortschaft mit einer Darlehensvergabe zu günstigsten Konditionen zu erleichtern. Dazu müssten allerdings andere Darlehensgeber gefunden werden – der Stadt ist dies von Gesetzes wegen untersagt.

Dr. Frank Gläser (AfD): Deutschland hat mit 4.5 Ärzten/1000 Einwohner im weltweiten Vergleich eine hohe und steigende Arztdichte. Der sog. Ärztemangel hat viele nichtmedizinische Ursachen. Die Hauptprobleme der Hausarztpraxen sind eine schlechte Arbeit-Freizeit-Bilanz, überbordende Bürokratie und die geringe Attraktivität ländlicher Bereiche. Es gibt vom Landkreis getragen schon einige Förderungen mit dem Ziel, angehende Ärzte für den Hausarztberuf zu gewinnen. In gleicher Richtung bewegen sich die Stadt und einzelne Gemeinden. Ein wichtiger Ausweg sind Medizinische Versorgungszentren (MVZ). Sie ermöglichen eine Entlastung von Bürokratie sowie geregelte und bei Bedarf auch familienfreundliche Arbeitszeiten und könnten damit auch die beträchtliche Reserve an nicht berufstätigen Ärztinnen mobilisieren helfen.

Inge Birkhold (Zählgemeinschaft Birkhold/Traub): Mit einem klugen medizinischen Gesamtkonzept, bestehend aus Klinik/en, Medizinischen Versorgungs- und Fachzentren in Trägerschaft von Ärzten, Kliniken, Genossenschaften, mit Ambulanzzentren, hausärztlichen Gemeinschaftspraxen und natürlich den Einzelpraxen, kann die Neuaufstellung des Gesundheitswesens gelingen. Und es gehören neue Modelle dazu, wie zum Beispiel ein Medi-Bus, der vor allem den ländlichen Raum regelmäßig mit medizinischen Dienstleistungen versorgt; oder auch mobile Gemeindeschwestern als Bindeglied zwischen Arzt und Patient. Es müssen dringend mehr Ärztinnen/Ärzte ausgebildet werden und das Medizinstipendium des Ostalbkreises kann von Kommunen aufgestockt werden, um eine dortige spätere Tätigkeit als Hausarzt/ärztin sicherzustellen.

Roland Hamm (Die Linke): Die demografische Entwicklung bei Ärzten, fehlende Praxisnachfolger*innen und Menschen, die plötzlich ohne Haus- oder fachärztliche Versorgung dastehen, zeigen, wir müssen handeln. Wir unterstützen die Initiative der Stadt mit Anreizen, Nachfolgelösungen für Arztpraxen zu finden. Ein Antrag der Linken Kreistagsfraktion für ein Stipendium wurde vom Kreistag beschlossen und hilft, junge Medizinstudent*innen künftig für die Region zu gewinnen. Ausreichend ist dies alles noch nicht. Wir plädieren deshalb für den konsequenten Aufbau von Medizinischen Gesundheitszentren zur Sicherung medizinischer Haus- und Facharzt Versorgung. Trägermodelle könnten Genossenschaften mit oder ohne kommunale Beteiligung sein, oder zu 100 Prozent in kommunaler Hand (wie in Mögglingen), oder weitere MVZs der Ostalbkliniken.

Arian Kriesch (FDP/Freie Wähler): Die öffentliche Aufmerksamkeit hat aktuell der drohende Wegfall des Ostalbklinikums in Aalen. Mindestens so wichtig ist, dass unsere Stadt mit den Teilorten attraktiver für Hausärzte und Fachärzte wird und dass es wieder eine bessere Versorgung mit Hebammen gibt. In allen diesen Bereichen fehlt der Nachwuchs. Immer mehr junge Ärztinnen und Ärzte sind nicht mehr bereit, die Selbstausbeutung der eigenen Praxis auf sich zu nehmen. Wenn nötig, brauchen wir daher mehr gut organisierte Ärztehäuser und Programme, die es attraktiver machen, sich in Aalen niederzulassen. Wir sollten uns von anderen Städten und Kreisen abschauen, ob und wie das funktionieren kann: z.B. durch die gezielte Rückgewinnung von in der Ostalb verwurzelten „ausgewanderten“ Ärzten oder gezielte Stipendien für Studierende.

Norbert Rehm (Aktive Bürger): Die hausärztliche Versorgung muss gewährleistet sein. Wir müssen für die Ärzte attraktiv werden: Hilfen bei der Suche nach Praxisräumen, Wohnung, Beseitigung der bürokratischen Hemmnisse usw. Medizinische Versorgungszentren können ein Teil der Lösung sein (Vertretungen, Teilzeitarbeit usw.). Im Zweifel muss die Kommune die Trägerschaft übernehmen. Eine vorausschauende Stadtentwicklung muss in Zukunft nicht nur Infrastruktur wie Kindergarten, Schule, Einkaufen, Verwaltung usw. vorsehen, sondern auch ärztliche Versorgung, Apotheke usw. Die fehlenden Angebote müssen von der Kommunalpolitik gebündelt werden: Im Zentrum der Gemeinde sollen sich einzelne Dienstleister – also auch Ärzte – einmieten und loslegen können. Hausärztliche Versorgung ist wichtiger als Zuschüsse für Fahrradwaschanlagen.

Inge Birkhold
Michael Fleischer
Thomas Wagenblast
Hermann Schludi
Thomas Rühl
Dr. Frank Gläser
Roland Hamm
Arian Kriesch
Norbert Rehm

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