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Das Gegenteil von Spotify

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Martin Simon
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Über Erinnerungen an und die immer noch brennende Lust auf Vinyl.

Da stehen sie: Alphabetisch sortiert – wegen schnellem Zugriff und so. Hunderte. Rund, schwarz, Vinyl. Das definitive Gegenteil von Spotify. Boomer-Nostalgie? Ja, Kinder, ihr habt ja recht. Aber dafür werdet ihr nie erfahren, wie es ist, im „Radio für den wilden Süden“ ein Lied zu hören, zu Günthers Plattenladen zu rennen, vorzuträllern, Textfetzen zu addieren. Und zu siegen. Denn der Mann wusste stets, was und von wem das war. Ganz ohne Internet. Dann die Platte finden, in Zeitungspapier wickeln, wegen Ölkrise und der Sommerhitze, damit sich die nun ja viel dünnere 33er auf dem Heimweg nur nicht verbiegt. Endlich im Zimmer. Auflegen. Booklet aufklappen. Wie das duftet. Texte schmökern, solange die Nadel das Vinyl küsst. Musik. Ohne Fernbedienung, wie später bei CDs, und daher Stück für Stück anhören, nacheinander. 30 Minuten später aufstehen, umdrehen. Musikhören - ernsthaft betrieben - war schon immer ein Fulltime-Job. Ihr könnt nicht erahnen, wie es ist, wenn sich die Song-Reihenfolge ins Hirn brennt, wie die Texte, weil tausendmal gehört. Und auch die Erkenntnis nicht, dass Nummer 6 viel besser ist, als jede Single-Auskoppelung. Günthers Job machen längst Google oder Shazam. Und auf Spotify lande ich dann bei den Songs mit den meisten Klicks - oft nur bis zum Refrain. Ja, Kinder, ich werde alt, denn „old school“ fand ich irgendwie viel spaßiger. Martin Simon

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