Der erste Schuss muss sitzen

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Dr. Michael Müdsam vor seinem Spezialfahrzeug, das dem Tierarzt gute Dienste leistet, wenn er zu einem verunglückten Tier durchkommen muss – oder auf die Gefahr aufmerksam macht, wenn ein ausgebüxtes Tier dingfest gemacht werden muss.
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Vom Zebu-Bullen bis zum Känguru ist Tierarzt Dr. Michael Müdsam schon so einiges begegnet. Warum es für eine Betäubung keinen zweiten Versuch gibt.

Schwäbisch Gmünd-Rechberg

Frag, was es nicht gibt", sagt Tierarzt Dr. Michael Müdsam. Abgetauchte Kühe, ein aggressiver Zebu-Bulle in freier Wildbahn, ein nach einem Zusammenstoß mit einem Auto schwerverletztes Pferd, auch mal ein Känguru oder ein Waschbär gehören zu seinen Begegnungen: Immer dann, wenn's im Umgang mit ausgebüxten oder wilden Tieren unberechenbar wird, ist der Tierarzt aus Rechberg gefragt. Seit 2001 betreibt er von dort aus seine Praxis. "Seither holen mich Feuerwehr und Polizei für entlaufene Tiere und zur Notrettung", erzählt der 59-Jährige.

"Ich will jemanden vor Ort haben, der weiß, wann man nicht schießt", habe der damalige Gmünder Ordnungsamtsleiter Rüdiger Maas gesagt, ein Jäger wie Müdsam. Gerade deswegen, aber auch, um die nötigen Waffen verwenden zu dürfen, habe er eine anspruchsvolle Prüfung abgelegt, sagt der Veterinär. Er schätzt die Kombination seines Wissens als Tierarzt, Waffenexperte und Prüfer in der Jagdkommission als einzigartig ein.

Im Gegensatz zu Zootierärzten, die Tiere in überschaubaren Gehegen in der Regel mit Pfeilen aus dem Blasrohr ruhig stellen, verwendet Müdsam Betäubungspfeile mit Aufschlagzünder. Das heißt, der Pfeil kommt mit mehr Kraft auf und hält wahrscheinlicher im Ziel. "Ich bin draußen, bei mir muss der erste Schuss sitzen", sagt Müdsam. Sonst ist das Tier weg – oder hat ihn über den Haufen gerannt. "Und ab 300 Kilo ist es nicht mehr lustig." Manchmal reicht eine Betäubung nicht aus. So habe der Besitzer eines ausgebüxten, 700 bis 800 Kilo schweren Zebu-Bullen in Lorch geraten: "Sofort erschießen, der geht schon im Stall auf uns los."

Einem Tierleben ein Ende setzen – manchmal geht das nicht anders. "Ich tue mich unheimlich schwer, ein Tier zu erschießen", betont Müdsam, "aber wenn es verletzt ist und leidet, habe ich kein Problem". Bei einem Einsatz am Drackensteiner Hang etwa sei das nötig gewesen. Dort musste er unter einem eingestürzten Stallgebäude eingeklemmte Wasserbüffel erschießen. Ein Pferd, das nach dem Zusammenstoß mit einem Auto schwerstverletzt auf der B 29 bei Mögglingen lag, konnte er nur noch einschläfern. Doch "zu 80 Prozent" ließen sich entlaufene Tiere per Betäubung einfangen. Die ausgebüxte Kuh etwa, die 14 Tage lang den Verkehr auf der im Wald gelegenen, kurvenreichen Strecke zwischen Hohenstaufen und Göppingen gefährdet hat. Ein Hubschrauberpilot der Polizei habe mit Hilfe einer Wärmebildkamera über Funk den Tierarzt durchs Unterholz direkt zur Kuh geführt.

Dass Müdsam möglichst zügig zum Einsatzort gelangt, dabei hilft ihm sein Auto mit Sonderzulassung: Er darf mit Blaulicht fahren. In sieben Jahren waren's etwa 30 Einsätze. Bei dem schwerstverletzten Pferd auf der völlig verstopften B 29 "wäre ich ohne Blaulicht nie angekommen."

Ab 300 Kilo ist es nicht mehr lustig.

Michael Müdsam, Tierarzt

Die schlimmste Blaulichtfahrt

Ums Schnellsein geht's ihm dabei nicht, sondern ums Durchkommen und ums Absichern einer Einsatzstelle. Einmal sollte er der Polizei direkt zu einem Einsatz folgen – in rasendem Tempo, wie sich herausstellte. "Das war die schlimmste Blaulichtfahrt meines Lebens – nie wieder."

In der Regel versuchen die Halter aber selbst, ihre Tiere einzufangen. Wenn sie Müdsam dazu rufen, organisiert der bereits vor seiner Ankunft eine Helferschar, die dann – alles ganz ruhig – dabei hilft, das betreffende Tier dingfest zu machen.

Übertriebener Heldenmut ist unerwünscht, macht Müdsam klar. Wenn's für Unbeteiligte gefährlich werden könnte, weil die Umgebung für einen gefahrlosen Schuss keine freie Sicht bietet, oder wenn wegen frei laufender Tiere Straßen oder Bahnlinien gesperrt werden müssen, braucht's die Hilfe der Polizei. "Man muss auch mal zu einem Einsatz gehen und, wenn's zu gefährlich ist, sagen: Das schaff' ich so nicht."

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