Die U-Boot-Flucht: An den ganzen Gerüchten und Mythen um U 530 ist nichts dran!

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Der Aalener Otto Wermuth führte U 530 von Kiel über Norwegen bis vor New York und dann südlich bis nach Mar del Plata.

Dr. Axel Niestlé aus Dabendorf bei Berlin gilt weltweit als einer der größten Spezialisten, wenn es um den U-Boot-Krieg geht. Seit Kindheitstagen ist der Historiker von Unterseebooten fasziniert. In vielen Jahren hat der Buchautor mit akribischer Recherchearbeit die Schicksale von mehr als 5000 deutschen Marinesoldaten klären können.

Was war U 530 für ein U-Boot?

U 530 war ein Langstrecken-U-Boot vom Typ IX C/40 mit meistens rund 55 Mann Besatzung für ozeanische Operationen im gesamten Atlantik sowie vor den Küsten Afrikas und Amerikas. Im Vergleich zu heutigen Atom-U-Booten waren diese Boote jedoch nur Nussschalen, auf denen die Besatzung in drangvoller Enge lebte, kämpfte und in letzter Konsequenz auch ihr Leben ließ.

Was war die ursprüngliche Mission vor der US-Küste?

U 530 sollte unbemerkt von Deutschland aus über Norwegen und die Island-Passage quer über den Nordatlantik zur US-Küste in das Operationsgebiet vor New York marschieren, um dort alliierte Handelsschiffe und Konvois anzugreifen. Hierfür war das Boot mit insgesamt 14 Torpedos ausgerüstet.

Gab es Angriffe und/oder Versenkungen?

U 530 blieb auf dem gesamten Marsch zur US-Ostküste unbemerkt, weil es vorwiegend unter Wasser getaucht oder mit Hilfe des Schnorchel-Luftmastes, der einen Betrieb der Dieselmarschmotoren erlaubte, auf Sehrohrtiefe marschiert ist. Nachdem es Ende April 1945 vor New York eingetroffen war, griff das Boot bis Anfang Mai 1945 offenbar erfolglos verschiedene Konvois mit Torpedos an, ohne dabei von alliierten Sicherungsschiffen bemerkt zu werden.

War das Unterfangen nicht schon vom Auslaufen an aussichtslos und ein Himmelfahrtskommando?

Die schon vor Kriegsbeginn entworfenen Tauchboote vom Typ IX C/40 wurden 1944 durch den Einbau des Schnorchel-Luftmastes kampfwertgesteigert, blieben aber den ständig modernisierten alliierten U-Jagdstreitkräften zunehmend unterlegen. Die Chance für erfolgreiche Angriffe war mit den unter Wasser sehr langsamen Booten nur gering. Umgekehrt ging statistisch jedes zweite Boot bei den Einsätzen 1945 verloren. Einzig die Bindung von alliierten Luft- und Seestreitkräften konnte den Einsatz dieser Boote am Ende des Krieges noch rechtfertigen.

Warum ließ sich Otto Wermuth so viel Zeit für die Atlantiküberquerung?

Wermuth marschierte offenbar im Gegensatz zu anderen Booten und der Erwartung der U-Bootführung im offenen Atlantik zumeist getaucht oder auf Schnorcheltiefe. Da die Marschgeschwindigkeit der Typ IX-C/40-Boote unter Wasser bzw. beim Schnorchelbetrieb nur 2 bzw. 6 Knoten, also etwa 4 bzw. 11 km/h betrug, dauerte der Marsch über den Atlantik entsprechend länger, als wenn er mit 14 Knoten über Wasser marschiert wäre. So brauchte er rund 56 Tage von Süd-Norwegen bis New York.

Machte es Sinn, Zeit zu gewinnen? Hat Wermuth seine Besatzung so gerettet?

Aus der Sicht des Bootes zunächst mal nicht, da wegen der längeren Anmarschzeit die Dauer der Anwesenheit im Operationsgebiet kürzer wird, weil das Boot ja auch noch den ganzen Weg wieder zurückmarschieren muss. Aus der Funkentzifferung wussten die Alliierten auch vom Auslaufen von U 530. Aus den Positionen der aufgefangenen Wettermeldungen von U 530 Ende März/Anfang April 1945 und die vom BdU an U 530 befohlenen Kurspunkte im Atlantik war klar, dass U 530 zur amerikanischen Ostküste marschieren sollte. Lediglich das genaue Operationsgebiet blieb ihnen verborgen, weil der betreffende Funkspruch wegen des verwendeten Sonderschlüssels nicht entziffert werden konnte. Sobald klar war, dass U 530 – wie andere Boote auch – zur US-Ostküste marschieren sollte, wurden mehrere "Hunter-Killer"-U-Jagdgruppen aus einem Geleitflugzeugträger und zahlreichen Geleitzerstörern entlang des mutmaßlichen Marschweges im Atlantik positioniert, die die Boote abfangen und versenken sollten. Dabei koppelte man die voraussichtliche Marschgeschwindigkeit der U-Boote, damit die U-Jagdgruppen stets zeitgerecht im betreffenden Seegebiet suchen konnten bzw. mit den U-Booten mitlaufen konnten. So fielen allein im April 1945 im Atlantik fünf deutsche U-Boote amerikanischen Jägern zum Opfer. U 530 blieb jedoch unentdeckt und konnte sich der Suche entziehen. Wahrscheinlich half dabei, dass Wermuth trotz Ermahnung durch den BdU relativ langsam und vorsichtig weitgehend unter Wasser weitermarschierte und so vermutlich hinter den von den Alliierten vermuteten Standorten zurückstand. Unentdeckt bleiben und unkonventionelles Verhalten – das war 1945 die wichtigste Lebensversicherung für deutsche U-Boote, um der drohenden Vernichtung zu entgehen.

War die Mannschaft davon überzeugt, dass die Nachrichten zur Kapitulation stimmten?

Die Funkverbindung von Deutschland zu den U-Booten in See, insbesondere denen in entfernten Gebieten, war zum Ende des Krieges durch den Ausfall aller leistungsfähigen Funkstationen oft sehr schlecht und unzuverlässig. Die Lage an den verbliebenen Fronten konnte man seit dem Auslaufen aus Deutschland am 19. Februar 1945 nur unvollständig nachvollziehen. Aber dass der Krieg verloren war, dürfte den meisten an Bord nicht verborgen geblieben sein, auch wenn der Mikrokosmos des Bordlebens die Vorgänge in der Heimat in weite Ferne rückte. Aus den fragmentarischen deutschen Funkmeldungen und den Informationen aus amerikanischen Radiosendern, die man ja hören konnte, konnte kein Zweifel daran bestehen, dass das Deutsche Reich bedingungslos kapituliert hatte.

Was kann man zu Kommandant Otto Wermuth sagen? War er ein erfahrener Offizier mit seinen 24 Jahren?

Trotz seines fast jugendlichen Alters zählte Wermuth, der vor der Übernahme des Kommandos auf U 530 eineinhalb Jahre als Wachoffizier auf dem sehr erfolgreichen Frontboot U 103 gedient hatte, im Kriegsjahr 1945 schon zu den erfahrenen "alten Hasen" im U-Bootkrieg. Seine Fronterfahrung war definitiv ein Vorteil gegenüber den vielen anderen U-Boot-Kommandanten, denen diese fehlte.

Wie kam es zur Fluchtfahrt von U 530?

Als auf U 530 die Niederlage Deutschlands und die bedingungslose Kapitulation bekannt wurde, widersetzte man sich nach eingehenden Diskussionen unter der Besatzung der alliierten Aufforderung, aufzutauchen, seine Position über Funk zu melden und in einen alliierten Hafen einzulaufen. Zu diesem Zeitpunkt stand U 530 ja immer noch vor New York, sodass man einen amerikanischen Hafen hätte ansteuern müssen – mit der Folge, dass die gesamte Besatzung in Kriegsgefangenschaft geraten wäre. Die wollte aber die ganz klare Mehrheit der Männer an Bord unbedingt vermeiden. Ein Rückmarsch nach Deutschland war ebenso aussichtslos, zumal man immer damit rechnen musste, infolge des Nichtbefolgens der alliierten und deutschen Befehle noch ohne Vorwarnung versenkt zu werden. Also entschied man sich für Argentinien, von dem man sich Freiheit versprach.

Hat sich die Besatzung freiwillig entschieden?

Sicher gab es auch einige unter der Besatzung, die lieber zu Frau und Kindern oder ihrer Familie zurückgekehrt wären. Aber gegen den Willen einer Mehrheit unter der Besatzung wäre der lange Marsch nach Argentinien ganz sicher aussichtslos gewesen.

War die Flucht eine Chance, um der Kriegsgefangenschaft zu entgehen?

Im Mai 1945 glaubte man an Bord von U 530 noch, dass Argentinien weiterhin gegenüber dem Deutschen Reich neutral war, obwohl das Land auf alliierten Druck hin bereits am 27. März 1945 Deutschland den Krieg erklärt hatte. Unter dieser Bedingung war die Hoffnung auf Freiheit aussichtslos.

Um die Reise ranken sich einige Gerüchte und Mythen. Was ist da dran?

Nichts! Aber natürlich blieb unter den damaligen Bedingungen die Entstehung selbst der wildesten Gerüchte, vorzugsweise auf alliierter Seite, nicht aus. Man traute den verhassten deutschen U-Bootfahrern fast alles zu. Aber eigentlich waren die Männer von U 530 nur froh, dem Tod auf dem Meeresgrund entgangen zu sein.

Von Verpflegung bis Treibstoff: Wie ist so eine lange Reise über 129 Tage überhaupt möglich, was die Ressourcen angeht?

Die maximale Einsatzdauer ohne Versorgung in See betrug planmäßig 18 Wochen. Die längste ununterbrochene Einsatzfahrt eines U-Bootes dieses Typs mit Versorgung in See betrug 163 Tage. Der Tagesverbrauch an Treibstoff und Proviant auf den Schnorchelbooten im Jahr 1945 war geringer als in den Vorjahren, da die Boote nur langsam fuhren und die Besatzung während der langen Marschzeiten zumeist ohne große Aktivität blieb. Deshalb waren Einsatzfahrten der Typ-IX-C/40-Boote von mehr als 100 Tagen gängige Praxis.

Wie ist so etwas auszuhalten? Nur durch Disziplin?

Die langen Marschzeiten unter Wasser stellten an die Ausdauer und die Disziplin einer jeden U-Bootbesatzung höchste Ansprüche. Nur durch einen streng geregelten Alltag und besondere Qualitäten der Offiziere und Feldwebel an Bord konnte man sicherstellen, dass die "Waffe U-Boot" unter diesen Bedingungen einsatzfähig und kampfbereit blieb. Die sprichwörtliche Schicksalsgemeinschaft an Bord von U-Booten gilt hier in besonderem Maße.

Gab es eine Meuterei an Bord?

Nein. U-Bootbesatzungen funktionieren aufgrund der besonderen Bedingungen an Bord anders. Das Ego des Einzelnen geht in der Gemeinschaft an Bord auf, aus der er sich auch schlecht entfernen kann. Der Kommandant eines U-Bootes war allseits als unumstößliche Autorität anerkannt, selbst wenn manche Offiziere den hohen Ansprüchen nicht genügen konnten

Diente U 530 als Fluchtboot für hochrangige Nazis?

Schwer möglich, weil das Boot ja bereits am 3./4. März 1945 den deutschen Machtbereich verlassen hatte. Wer dann noch nicht an Bord war, konnte später nicht mehr zusteigen. Eigentlich ganz einfach, aber trotzdem hielt diese Tatsache die vielen selbst ernannten Experten in den Nachkriegsjahrzehnten nicht davon ab, abenteuerliche Vermutungen aufzustellen, ohne dass dabei jemals ernst zu nehmende Beweise vorgelegt werden konnten.

Was sagen Sie zu Vermutungen, dass ein Nervengasangriff auf New York geplant gewesen sei?

Solche Behauptungen fallen in die Kategorie "Spinnerei", zumal sich mir nicht erschließen will, wie man von einem U-Boot, das nur mit Torpedos ausgerüstet ist, einen Angriff mit solchen Stoffen starten will.

Warum war U 530 in einem so desolaten Zustand?

Nach mehr als vier Monaten auf See ist jedes U-Boot nicht mehr im allerbesten Zustand. Im Falle von U 530 hat die Besatzung allerdings vor dem Einlaufen in Argentinien u.a. auch noch die Dieselmotoren sabotiert, um gemäß den soldatischen Vorstellungen die Weiterverwendung durch andere Mächte zu verhindern. Bis dahin war das Boot jedoch als Seefahrzeug und Kampfmittel voll einsatzbereit. Andernfalls hätten Boot und Besatzung die beschwerliche Reise nach Argentinien sicherlich nicht erfolgreich meistern können.

Wo liegt der Unterschied zur Fahrt von U 977, das erst im August 1945 in Mar del Plata einlief?

U 977 vom kleineren U-Boot-Typ VII C hatte den deutschen Machtbereich in Norwegen erst am 2. Mai 1945 verlassen und marschierte nach der Kapitulation und der Ausschiffung eines kleineren Teils der Besatzung an der norwegischen Küste ab Mitte Mai 1945 direkt um Nordengland herum durch den Atlantik nach Argentinien. Deshalb hätte zumindest theoretisch eine Möglichkeit bestanden, dass andere Personen für die Reise an Bord waren. Aber mit der Ausnahme von U 234, das bekannte Passagiere und Ladung nach Japan transportieren sollte, waren auf U 977 und U 530 keine bordfremden Personen mit unterwegs. Aber trotzdem ist die Gerüchteküche wie im Falle von U 530 immer wieder zu voller Blüte gekommen ...

Warum hat Kommandant Wermuth alles zerstören lassen?

Die soldatische Ehre gebietet, dass man dem Gegner nicht grundlos Waffen und Geräte überlässt. Alliierte Soldaten haben in vergleichbarer Situation ähnlich gehandelt.

Wie erklärt sich die lange Reise von US-Gewässern bis Mar del Plata?

Um unerkannt zu bleiben und mit den verbliebenen Beständen an Brennstoff und Verpflegung so zu haushalten, dass man alle Optionen möglichst lange behielt, ist U 530 genauso sparsam nach Süden marschiert wie es zuvor schon den Atlantik in Richtung US-Ostküste überquert hat. Die Entfernungen sind vergleichbar, sodass hier letztlich keine Auffälligkeit erkennbar ist.

Warum gab es für den Funkverkehr von U 530 einen Sonderschlüssel und eine Unterstellung nach Berlin?

Ab Ende 1944 erhielten alle deutschen U-Boote im Fronteinsatz für den Funkverkehr mit der U-Bootführung einen individuellen "Sonderschlüssel" zugewiesen, mit dessen Hilfe der ohnehin schon im geheimen ENIGMA-Verfahren verschlüsselte Funkverkehr der Boote nochmals überschlüsselt wurde, um die Möglichkeit des Mitlesens durch den Gegner weiter zu erschweren. Insofern entsprach das Vorgehen der gängigen Praxis im Jahr 1945. Tatsächlich gelang es den Alliierten bis Kriegsende nur in Ausnahmefällen, die durch Sonderschlüssel gesicherten Funksprüche zu entziffern. Einsatzmäßig unterstand U 530, wie jedes andere Boot im Atlantik auch, in operativer Hinsicht einzig dem Befehlshaber der Unterseeboote – BdU – bzw. dessen Operationsstab. Wie andere Wehrmachtsteile auch, meldete der BdU täglich die wichtigsten Ereignisse in seinem Befehlsbereich an den jeweiligen Verbindungsoffizier im Führerhauptquartier zur Unterrichtung von Hitler. Eine operative Führung oder Einflussnahme auf U 530 von anderen Dienststellen ist in den vorhandenen Akten nicht vermerkt bzw. wahrscheinlich.

Wie erklären Sie Wermuths Zugeknöpftheit bei den Vernehmungen und auch später nach dem Krieg?

Der soldatische Eid zur Verschwiegenheit gegenüber dem Feind im Falle der Gefangennahme behielt auch nach der Kapitulation seine Bedeutung. Es gibt keine Verpflichtung zur Kollaboration mit dem Gegner. Wenn Wermuth diesen Weg gewollt hätte, wäre die Reise nach Argentinien überflüssig gewesen. Zudem spielte sicherlich auch die Enttäuschung, nach der langen Reise doch noch als Kriegsgefangener an die USA übergeben worden zu sein, eine Rolle bei der Reserviertheit von Wermuth gegenüber dem ehemaligen Gegner. Die absurden Gerüchte über U 530 nach dem Einlaufen in Argentinien dürften ein Übriges beigetragen haben. Und vielleicht hatte Wermuth nach den Kriegsjahren voller Tod und Verderben einfach für sich mit den Vorgängen abgeschlossen und sich den unbekannten Herausforderungen des Friedens verschrieben. Im Gegensatz zu vielen seiner Kameraden, die gefallen waren, hatte er wenigstens die Gelegenheit hierzu …

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Ein Foto von U 530 im Kriegseinsatz, von einem anderen Unterseeboot aus fotografiert. Auf dem Bild sieht man links auf dem Turm noch die Flakbewaffnung. Die Crew versenkte später alles im Atlantik.Fotos: privat, Niestlé

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