Ditib-Facebook-Post richtig übersetzt?

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Ersin Üstün, Ditib Bopfingen
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Ob die Rede von „Besetzung der Tyrannen“ war, klärt ein vereidigter Übersetzer.

Aalen. Haben Bopfinger und Aalener Muslime die Israelis wirklich „Tyrannen“ genannt, von deren „Besetzung“ Jerusalem befreit werden muss? Ein Facebook-Beitrag der beiden Ditib-Gemeinden zum Nahostkonflikt war in die Kritik geraten. Über die richtige Übersetzung des türkischen Beitrags ins Deutsche gibt es verschiedene Meinungen. Die SchwäPo hat mit allen Beteiligten gesprochen und einen vereidigten Übersetzer gefragt.

Was war passiert? Am 11. Mai postet die türkisch-islamische Gemeinde Bopfingen auf Facebook zum Nahostkonflikt. Die Ditib Aalen teilt diesen Beitrag am selben Tag. Das wiederum greift das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in der Ausgabe vom vergangenen Samstag auf. Im Artikel geht es um Antisemitismus in Europa und wie in Deutschland damit umgegangen wird. „Der Spiegel“ zitiert einen Satz und übersetzt: „Befreie Jerusalem von der Besetzung der Tyrannen, mein Allah.“ Im türkischen Original lautet der Satz: „Kudüs’ü zalimlerin isgalinden kurtar Allah’im.“

Das sagt die Ditib Aalen: Die türkisch-islamische Gemeinde Aalen hatte dem „Spiegel“ daraufhin vorgeworfen, den Satz fehlerhaft übersetzt zu haben. „Zalim“ bedeute „grausam“ oder „gewaltsam“, nicht „Tyrannen“. Bahattin Ilhan, Vorstandsmitglied und Pressesprecher, übersetzt den Satz mit: „Befreie Jerusalem von den gewaltsamen Akten, lieber Gott!“

Das sagt „Der Spiegel“: Katrin Elger ist Redakteurin im Deutschland Ressort des „Spiegel“. Sie ist eine der Autorinnen des Artikels und erläutert, wie sie zur Übersetzung „Befreie Jerusalem von der Besetzung der Tyrannen, mein Allah“ gekommen ist. Sie selbst spreche Türkisch. Zur Sicherheit habe sie zusätzlich verschiedene Wörterbücher zur Rate gezogen und mit einem türkischen Muttersprachler Rücksprache gehalten.

Sie sagt: „‘Zalim‘ ist in diesem Zusammenhang nicht das Adjektiv, sondern das Objekt und ‚isgal‘ ist auch kein Akt, sondern eine Okkupation beziehungsweise Besetzung.“ Der SchwäPo schickt sie die Links zu den Online-Wörterbüchern, die sie benutzt hat. „Tyrann“, „Despot“ oder „Unterdrücker“ wird dort unter anderem als Übersetzung für „zalim“ angeboten.

Das sagt die Ditib Bopfingen: Ersin Üstün, Vorstandsmitglied und Pressesprecher der türkisch-islamischen Gemeinde Bopfingen, übersetzt „zalim“ mit „Übeltäter“. „Zalim“ könne zwar grundsätzlich „Tyrann“ bedeuten, nicht aber in diesem Zusammenhang. Im Kontext des kompletten Facebook-Posts sei diese Übersetzung falsch. Der Satz auf Deutsch lautet bei Ersin Üstün so: „Befreie Jerusalem und die heiligen Stätten von den Übeltätern.“ Er erläutert dazu: „Dabei sind ‚Übeltäter‘ all diejenigen, die die Religionen und Völker gegeneinander ausspielen und ein friedliches Miteinander verhindern.“ Die „heiligen Stätten“ werden ihm zufolge im Facebook-Post erwähnt, kurz bevor das Spiegel-Zitat beginnt, sollten aber miteinbezogen werden, um den Kontext klar zu machen.

Gefragt nach der „Besetzung“ aus der Spiegel-Übersetzung, sagt Üstün, dass der türkische Text diese Bedeutung enthalte, das Wort aber zu Missverständnissen führen könne. „Jerusalem und die Al-Aksa-Moschee haben für Muslime eine besondere Stellung“, sagt er. „Die heiligen Stätten müssen für Juden, Muslime und Christen gleichermaßen frei zugänglich sein und dürfen nicht von der einen oder anderen Gruppierung belagert werden.“ Nur das sei mit „Besetzung“ oder „Belagerung“ gemeint gewesen.

Das sagt der vereidigte Übersetzer: Ein vereidigter Übersetzer, der mit der Aalener Übersetzungsagentur „Language Partner“ zusammenarbeitet, sieht sich den Facebook-Post an und kommt zu dem Schluss: „Die Spiegel-Übersetzung ist richtig.“ Raum für Interpretation gebe es nicht viel. „Die Worte sind eindeutig“, sagt er. Auch im Kontext ergebe sich keine andere Bedeutung.

Jenseits der Übersetzung: Üstün von der Bopfinger Ditib möchte klarstellen: „Wir sind keine Antisemiten und lassen uns auch nicht mit solchen über einen Kamm scheren.“ Die Ditib stelle sich stets deutlich antisemitischen Tendenzen und Narrativen entgegen. „Als Religionsgemeinschaft haben wir immer jedwede Gewalt oder den Aufruf zu Gewalt verurteilt und stellen uns jeder Form von Hass und Hetze gegenüber Andersgläubigen auf der Welt entgegen“, sagt Üstün.

Auch Ilhan von der Aalener Ditib hatte gegenüber der SchwäPo betont, dass die Ditib nicht für Hass auf Andersgläubige, sondern für den Dialog zwischen den Religionen stehe. In Aalen setze sich die türkisch-islamische Gemeinde für Miteinander und gegenseitiges Verständnis ein. Den Facebook-Post haben beide Ditib-Gemeinden inzwischen gelöscht. Katharina Scholz

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