Editorial

Ein Mutmacher von Patient Nr. 438525

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von Damian Imöhl Chefredakteur Schwäbische Post + Gmünder Tagespost

Castor und ich in der Reha. So nenne ich meinen Krebs: Castor. Wie den Bruder von Pollux. Ich wache mit Gedanken an ihn auf. Und schlafe mit Gedanken an ihn ein. Meistens viel später als gewünscht. Um dann nachts aufzuschrecken – und schon wieder an ihn denken zu müssen. Mal länger. Mal kürzer. Das einzig Gute am erschöpfenden Gedankenkarussell ist, dass es einen irgendwann zwangsweise wieder einschlafen lässt.

Castor ist ein harter Hund. Aber er hat sich einen zähen Burschen ausgesucht, der gerne fröhlich ist. Und der kann dank Reha jetzt Sachen, bei denen er früher mit den Augen gerollt hat. Yoga zum Beispiel. Und Qi Gong. Ich habe sogar Wassertreten nach Kneipp gemacht, eine "entspannende Lichttherapie" und brav frischen Salat gegessen. Schalke 04 mag ich aber immer noch nicht.

Jedes Schrittchen nach vorne gibt Mut und weitere Kraft. Jedes Gespräch mit Schicksalsgenossen hilft. In der Pechskala stehe ich ziemlich weit oben. Klar. In der Glücksskala aber auch. Was wäre gewesen, wenn der Appendix nicht aufgebrochen wäre, um sein tückisches Geheimnis kurz vor Weihnachten preiszugeben? Und in der Kämpfertabelle bin ich eh titelreif. Champions League. Mindestens. Da kennt man sich aus als Bochum-Fan ...

Nach der dritten harten OP und dem Albtraum über Ostern war der Postkasten an der SHW-Bushaltestelle in Wasseralfingen mein Marathonziel, als ich wieder daheim war. Mein Kap Horn. Mein Nord- und Südpol. Gut 100 schmerzhafte Meter hin. Und wieder zurück. Fix und fertig nach gerade mal etwas mehr als 200 Schritten.

Jetzt habe ich das Hundertfache geschafft! 20 Kilometer bis zum Kaiser-Wilhelms-Denkmal bei Porta Westfalica und retour mit meiner ehrgeizigen Reha-Wandergruppe. Zur Belohnung gab's Currywurst, Pommes, Mayo. So gerührt war ich zuletzt, als ich mit sieben kaputten Pilgerfußnägeln weniger beim Heiligen Jakobus in Galicien angehumpelt kam ...

Da will ich wieder hin, habe ich mir und dem lieben Gott geschworen, auf den ich ganz schön sauer gewesen bin. Aber dann am liebsten zu Pferd. Es gibt noch so viele Träume, die ich leben möchte: Arabisch lernen, die Examensarbeit von Thomas Edward Lawrence abreisen, endlich Pokalsieger werden, mich mit denen vertragen, die ich verloren habe im Leben. Und ich möchte mit der Schwester "meines" Ostalb-Matrosen Franz Xaver Mayer nach England. An die Stelle vor der Südwestküste Englands, an der U 1169 im März 1945 in einem Minenfeld gesunken ist. Versprochen ist versprochen!

Als "Reha-kles" lernt man viel über Leben und Tod – vor allem aber Hoffnung und Kampfgeist. Viele bewundernswerte Menschen geben einem Mut und Zuversicht zurück. Wie der Pfarrer an meinem Tisch mit doppelter Krebsdiagnose. Weil wegen Corona eigentlich nichts ging, hat er spontan Gottesdienst mit uns gefeiert. Das war was fürs Herz und die Seele! Und im weitesten aller Sinne pragmatisch-ökumenisch ist's auch noch gewesen. "Ohne meinen Glauben könnte ich das alles nicht durchstehen", hat er gepredigt, "und ich wünsche jedem von euch ein kleines Wunder".

Glauben zu können ist ein Geschenk. Mir gibt das sehr viel Stärke in diesem Kampf. Dabei, harte Entscheidungen zu fällen, die es nun mal zu fällen gilt und allmählich in mir reifen. Wie man mit seinen Geheimnissen, Wunden, Narben und Handicaps umgeht. Auch, wenn's weh tut. Klar, man versucht, wieder der Alte zu sein. Und zumindest mein schräger Humor hat Castor schon mal überlebt. Extrem beruhigend; das ist doch schon mal was. Aber so ehrlich muss man sein: Man wird nie mehr ganz der Alte, sondern auch ein Neuer. Damit muss man leben. Punkt.

Was ich für mich bereits sicher beschlossen habe: Wenn Castor mich lässt, werde ich alles, – alles!!! – was ich erlebt habe und weiß über diesen Horror ganz offen den Menschen zur Verfügung stellen, denen mein Wissen vielleicht helfen kann in der totalen Lebenskrise. Keine Geheimniskrämerei. Wann auch immer und wie das sein wird.

Mein Traum war es insgeheim, unseren verdienten Landrat Klaus Pavel verabschieden zu können bei uns im Haus. Das habe ich wegen Castor leider nicht ganz gepackt. Was mich traurig macht. Aber vielleicht kommt der Landrat a.D. ja auf einen Teller Erbsensuppe bei mir vorbei am 1. Advent? Und Sie bitte auch!

Herzlichst, Ihr

Damian Imöhl

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