Eine zerbombte Heimat im Herzen

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Abdulkader Kirawan betreibt seit Juli vergangenen Jahres den arabischen Lebensmittelhandel „KirawanMarkt“ auf dem ehemaligen Rieger-Areal, mitten in Aalen.
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Innenstadt Der Kirawan-Markt ist Aalens erster arabischer Lebensmittelladen. Was den Inhaber bewegt hat mit seiner Familie aus dem syrischen Idlib zu fliehen.

Aalen

Zugegeben, die Versuchung ist groß. Hier, im Lebensmittelladen von Abdulkader Kirawan die coronakonforme Mund- und Nasenmaske für einen klitzekleinen Augenblick ein wenig mit Daumen und Zeigefinger vom Gesicht wegzuziehen, ist gar zu verlockend; um ihn wenigstens einmal tief zu inhalieren, den Zauber von Gewürzen und Lebensmitteln aus dem Morgenland. Im Juli vergangenen Jahres hat der aus Syrien Geflüchtete am Eck Caroline-Fürgang-Straße/Luise-Harmann-Straße seinen Kirawan-Markt eröffnet. „In Aalen ist es der erste arabische Lebensmittelladen“, sagt er in gut verständlichem Deutsch.

Beim Betreten des Ladens fällt der erste Blick auf die Vielfalt des orientalischen Gebäcks, auf Süßigkeiten aus Honig, Pistazien und Mandeln. „Das ist Maamoul“, sagt Kirawan und greift nach einer Verpackung im Regal. Diese Gries-Kekse mit einer Füllung aus Datteln, Pistazien oder Walnüssen sind traditionell für das Zuckerfest nach dem langen Fastenmonat Ramadan bestimmt, das in diesem Jahr am Abend des 12. Mai beginnt.

Saftflaschen mit arabischer Aufschrift, Schachbrettspiele mit kunstvollen Intarsien, Oliven in Acht-Kilo-Eimern, Bulgur in der Großfamilienpackung, Hülsenfrüchte, getrocknet in Tüten oder eingemacht in Dosen – von weißen Bohnen über Linsen und Kichererbsen, Letztere auch in der pürierten Variante, dem sogenannten Hummus ...und, und, und ... Beim Anblick der überquellenden Regale vergisst man die Zeit und taucht ein in die Welt der Familie Kirawan, die ihr seit über fünf Jahren keine Heimat mehr ist.

Gerade genug für die Schleuser

Im Dezember 2015 hat Vater Abdulkader mit seiner Frau und seinen drei Söhnen das sichere Deutschland erreicht. 25 Tage dauerte ihre gemeinsame Flucht aus ihrer syrischen Heimatstadt Idlib, rund 50 Kilometer südwestlich von Aleppo gelegen. Aufgemacht Richtung Westen hatten sie sich nur mit dem, was sie am Leib trugen und mit ein wenig Erspartem. Gerade genug, um die Schleuser bezahlen zu können, die sie an der türkischen Küste in eines der unsicheren Schlauchboote gesetzt hatten, um über das östliche Mittelmeer nach Europa zu kommen. Der jüngste Sohn, Nasrullah, war damals gerade sieben Jahre alt. Ob er Angst gehabt habe? „Ja schon“, erzählt er in perfektem Deutsch. „Besonders auf dem Meer, in der Nacht. Wir waren alle zusammen mit vielen anderen Menschen eingequetscht auf dem Schlauchboot.“ Zwölf Stunden dauerte die nächtliche Überfahrt. Sie endete gut, zum Glück. Eine Alternative? Nein, die hätte es nicht gegeben.

„Haus und Geschäft, alles kaputt, zerbombt“, erzählt Abdulkader Kirawan, der eigenen Angaben zufolge in Idlib ein Motorradgeschäft mit Werkstatt geführt hat. Zudem habe er in der 165 000-Einwohnerstadt im Nordwesten Syriens für seine beiden großen, damals schon erwachsenen Söhne (heute 24 und 25 Jahre alt) in ein Friseurgeschäft und einen Computerladen investiert.

Bei der Erinnerung an seinen vierten Sohn Ali bricht dem Vater plötzlich die Stimme weg. Ali war zwölf Jahre alt, als er 2012 bei einem Raketenangriff mitten in der Stadt, nur 100 Meter vom Haus der Familie entfernt, getötet wurde. „Zusammen mit vielen Kindern, mit vielen Frauen, die ebenfalls auf der Straße waren“, erzählt Abdulkader. „Warum? Warum machen sie das? Ich weiß nicht.“ Weder Hass noch Wut klingen aus seinen Worten – nur tiefe Trauer und Ohnmacht.

Derzeit wohnt die Familie noch im bayerischen Dillingen. Der 25-jährige Sohn hat bereits geheiratet und ist Vater eines Kindes. „Er arbeitet als Friseur und macht nebenher die Meisterschule“, erzählt der Vater stolz. Auch der Zweitälteste lebt selbstständig, in zwei Monaten wird er mit seiner Ausbildung fertig sein.

Von der Ladeneröffnung in Aalen hatte sich Abdulkader Kirawan erhofft, einen größeren Kundenkreis als in Dillingen bedienen zu können. „Aber Corona gibt mit keine Chance.“ Aufgrund des Lockdowns ist die Innenstadt leer, kaum einer kommt an seinem Laden vorbei. Die Einnahmen decken gerade die Ladenmiete.

Momentan pendelt der Familienvater täglich von Dillingen nach Aalen und zurück. Die Familie will schon längst in die Kocherstadt umziehen, aber die Wohnungssuche war lange Zeit aussichtslos. Jetzt flackert ein kleiner Hoffnungsschimmer in Kirawans Augen auf: Gemeinsam mit seiner Frau und seinem jüngsten Sohn hat der anerkannte Flüchtling Aussicht auf eine Wohnung im Zentrum. Denn eins steht für ihn fest: Seinen Kirawan-Markt will er nicht so schnell aufgeben. „Ich will arbeiten!“

Haus und

Abdulkader Kirawan, Lebensmittelhändler

Der syrische Bürgerkrieg tobt seit zehn Jahren

Die Stadt Idlib hat sich im syrischen Bürgerkrieg zum letzten größeren Rückzugsort der oppositionellen Kräfte entwickelt und ist seit Anfang 2020 Schauplatz einer großangelegten Militäroffensive der syrischen Streitkräfte.

Zehn Jahre Bürgerkrieg: Der Beginn der Aufstände gegen Syriens Machthaber Baschar al-Assad hatte sich Mitte März zum zehnten Mal gejährt. In dem Bürgerkrieg starben nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte fast 390 000 Menschen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist demnach seit Kriegsbeginn geflohen und rund 200 000 Menschen gelten als vermisst.
Quelle: tagesschau

Kirawan mit seinem jüngsten Sohn Nasrullah (12).
Hier, im Erdgeschoss, befindet sich der Kirawan-Markt.

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