Versuchter Totschlag - Urteil heute erwartet

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Symbolbild

Eine 42-Jährige muss sich vor dem Schwurgericht wegen versuchten Totschlags verantworten. Sie sagt, sie habe ihre Ehre verteidigen wollen.

Ellwangen/Aalen

Weil sie aus Enttäuschung darüber, dass ihr Geliebter ihre Beziehung beendet hatte und sie „ihre Ehre wiederherstellen wollte“, auf ihn eingestochen hat, steht eine 42-jährige Deutsche seit Montag vor der 1. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Ellwangen.

Laut Anklage, vorgetragen vom Ersten Staatsanwalt Martin Hengstler, hatte die Angeklagte K. mit dem Geschädigten eine außereheliche Beziehung, die mit Unterbrechungen fast 18 Jahre dauerte. Dieser hatte sie am 19. November 2020 beendet, nachdem beide Familien davon erfahren hatten. Am 24. November fuhr K., mit zwei Küchenmessern bewaffnet, zur damaligen Bleibe des 48-Jährigen.

Dieser wohnte bei seinem Bruder, weil er zu Hause rausgeworfen worden war. Sie klingelte, drang in die Wohnung des Opfers im Obergeschoss ein, und versuchte, ihn zu stechen. Das erste Messer konnte er ihr entwenden, mit dem zweiten stach sie ihn in den Schulterbereich, seine aus dem Erdgeschoss zu Hilfe geeilte Schwägerin konnte ihr das Messer entwenden. Daraufhin suchte die Angeklagte in der Küche ein weiteres Messer, worauf die Schwägerin und ihr Sohn das Opfer in ihre Wohnung im Erdgeschoss brachten, diese verschlossen, und den Notruf betätigten. Dabei soll sie Angeklagte immer wieder gerufen haben: „Ich werde dich töten, und meine Ehre wieder herstellen.“ Die Anklage lautete auf versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung.

Der Wahlverteidiger, Mehmet Can aus Stuttgart, kündigte ein umfassendes Geständnis der Angeklagten an. Einen Tötungsvorsatz sah er nicht, er bat das Gericht zu einer Einschätzung, in welchem Rahmen die Strafe liegen könnte. Richter Fritsch sagte nach einer Beratung der Kammer, es handele sich um Vorsatz. Mit einem Geständnis, weil die Verletzung nicht so gravierend sei, der Tötungsversuch keinen Erfolg gezeitigt habe, könne die Freiheitsstrafe zwischen 33 und 42 Monaten liegen. Zwei der Polizeibeamten, die zum Tatort kamen, sagten, sie hätten die Angeklagte ruhig und zusammengesunken vor dem Haus sitzend gefunden, mit Blut an Händen und Kleidung. Das Opfer lag im Bad der Erdgeschosswohnung, die drei Messer wurden sichergestellt.

Can verlas, dass die Angeklagte in der Türkei in einer Großfamilie aufgewachsen sei, nach Schule und einer kurzen Ausbildung 1998 nach Deutschland gekommen und kurz darauf geheiratet habe. Sie habe eine Fehlgeburt erlitten, ihre Mutter sei kurz danach gestorben. Sie sei darauf in psychologischer Behandlung gewesen, und habe kurz nacheinander drei Kinder geboren.

Das Opfer und seine Familie waren mit ihrer Familie gut befreundet, er habe sie seit Jahren zu einer Beziehung gedrängt und immer wieder Kontakt zu ihr aufgenommen, obwohl sie gesagt habe, dass sie das nicht wolle. Die Beziehung habe etwa eineinhalb Jahre gedauert. Sechs Tage vor der Tat sei alles herausgekommen, und seine Familie habe sie beleidigt und beschimpft.

Die Tat und die Abläufe räumte sie ein. Mit dem dritten Messer habe sie sich selbst töten wollen, es aber nicht ausführen können. Auf die Frage des Richters, was das Ziel der Tat war, sagte sie: „Ich weiß es nicht.“ Der Staatsanwalt las aus einem Chat vor, sie habe am 18. November an seine Familie geschrieben: „Verabschiedet euch von ihm, ihr werdet ihn nie mehr sehen.“

Der Geschädigte und Nebenkläger sagte aus, dass bei dem Stich ein Nerv im linken Arm durchtrennt wurde. Dieser wurde zwar ersetzt, aber noch heute seien Zeigefinger und Daumen seiner linken Hand gefühllos und nur teilweise zu nutzen. Er wolle keine Bestrafung der Täterin, nehme auch ihre Entschuldigung an. Über ein Schmerzensgeld wolle er später entscheiden, je nachdem ob er wieder arbeiten könne.

Weitere Zeugen waren die Schwägerin des Opfers und ihr Sohn, deren Aussagen die wesentlichen Abläufe bestätigten. In Teilen wichen sie aber voneinander und von der ersten Aussage nach der Tat ab, wie der Verteidiger zu belegen versuchte.

Ein Kripobeamter schilderte die Ergebnisse der Auswertung der Chatverläufe beider Handys, die Abläufe während der Beziehung und vor der Tat. Die Beziehung war aufgeflogen, weil die Ehefrau und der Schwiegersohn des Opfers am 18. November aufgrund eines Verdachts ein Diktiergerät im Auto des Opfers platziert hatten und so ein Treffen der beiden „abhörten“. Ein Sachverständiger sah bei der Angeklagten keine verminderte Schuldfähigkeit. Am Dienstag werden die Plädoyers und das Urteil gesprochen.

So hat das Gericht am Dienstag entschieden

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