Fünf Jahrzehnte Reisebüro Demirtas: Mit Flügen und Oliven fing alles an

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Ein eingespieltes Team: von links Roswitha Demirtas, Sohn Erol, Schwiegertochter Karin und Mitarbeiterin Petra Home.
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Die Familie Demirtas erinnert sich an Höhen und Tiefen und treue Kunden.

Aalen. Der Name Demirtas ist in Aalen geläufig. Ismail Demirtas war 1962 einer der ersten türkischen Gastarbeiter in Aalen, half über Jahrzehnte hinweg Generationen seiner Landsleute, in Aalen Fuß zu fassen. Seine Frau Roswitha, eine waschechte Schwäbin, inzwischen seit mehr als 50 Jahren mit Ismail verheiratet, und Sohn Erol schreiben auch Geschichte: Diesen Monat feiert ihr Reisebüro an der Stadtkirche das 50-jährige Bestehen. Fünf Jahrzehnte am selben Standort, ununterbrochen vom Inhaber geführt – auch in Aalen werden solche Betriebe zunehmend rar. Zumal die Unternehmensentwicklung auch ein Stück bundesdeutscher Geschichte widerspiegelt.

Wie alles begann: „Angefangen haben wir mit Flugtickets für die türkischen Gastarbeiter. Und mit Lebensmitteln aus der Türkei“, erinnert sich Roswitha Demirtas. Auf die Idee brachte sie ein Zeitungsbericht: „Ich hatte gelesen, dass in Hamburg Gastarbeiterflüge in die Türkei gestartet waren. Bis dahin fuhren die Türken, die hier lebten, ja immer noch die langen Strecken mit dem Auto.“

Roswitha Demirtas nahm Kontakt zu türkischen Airlines auf. Für die gelernte Bürokauffrau war das eine fremde Branche, in die sich da reinschaffte. In der ihr eigenen Art: umtriebig, neugierig, zielstrebig. Anfangs arbeitete sie noch halbtags bei „Baustahl“, bis das kleine Reisebüro wie viele andere Betriebe im deutschen Nachkriegswirtschaftswunder zu boomen begann. „Nach einiger Zeit brachten die türkischen Landsleute ihre deutschen Arbeitskollegen mit und animierten sie zu einem Urlaub in der Türkei.“

Die Mund-zu-Mund-Propaganda: Einen wirklichen Namen in Aalen machten sich Demirtas, als sie begannen, Gruppenreisen in die Türkei anzubieten, „mit örtlichen Reiseleitern und begleitet von meinem Mann und mir“, erinnert sich Roswitha Demirtas. „Ismail und ich, wir kannten ja die Türkei, wir hatten alles mit dem Auto schon bereist.“ Schließlich wollten mehr und mehr deutsche Kunden mit Demirtas auch in andere Länder fahren, Pauschalreisen waren gefragt, weitere Reiseveranstalter wurden ins Programm genommen.

Neue Herausforderungen: Im Januar 2002 ging das Geschäft offiziell an Sohn Erol, Jahrgang 1965, über. Er hatte das Handwerk von der Pike auf in einem Reisetouristikbüro in Schwäbisch Gmünd gelernt und war 1986 ins elterliche Geschäft mit eingestiegen. „Mit Lebensmitteln hatte ich nichts am Hut“, sagt Erol, also wurde dieser Zweig aufgegeben, fortan konzentrierte man sich rein auf Reisen.

Es lief. So sehr, dass die Demirtas zugriffen, als sich 1988 die Chance bot, das Geschäftshaus zu kaufen. Der Plan: abreißen und an gleicher Stelle neu bauen. Roswitha Demirtas: „Das war eine neue Herausforderung.“ Im Oktober 1989 der Abriss, vier Monate später war an derselben Stelle der Neubau fertig, damals eines der ersten Projekte des jungen Cemal Isin, der sich gerade mit einem Architekturbüro selbstständig machte.

Neue Räume, höhere Decken, im Obergeschoss eine kleine Wohnung, in die zunächst Sohn Erol mit Frau einzog - das gab Luft im Wortsinne. Und nicht nur das, erinnert sich die Seniorchefin: „Endlich hatten wir einen Keller. Wir brauchten doch Stauraum für die vielen Reisekataloge damals.“

Es ging bergauf. Eine Auszubildende kam dazu, 1995 dann die Mitarbeiterin Petra Home, die bis heute dort arbeitet, auch Erols Ehefrau ist mit an Bord. Inzwischen gibt es Herausforderungen, die man sich in den Anfangsjahren nicht hätte träumen lassen. Erol Demirtas: „Beratungsprotokolle, Datenschutzrichtlinien, Formblätter mit Pauschalreiserechtlinien, die man dem Kunden aushändigen muss, und, und, und …“ Gesetzlich werde man zu immer mehr bürokratischem und damit auch zeitlichem Aufwand verpflichtet. Erol Demirtas: „Der Job ist härter geworden und fordert oft auch Einsatz nach Feierabend und am Wochenende.“

Corona und mehr: Dann die Zäsur durch die Corona-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021. Reisen war kaum bis gar nicht möglich, „zudem mussten wir sehr vieles, was bei uns schon gebucht war, rückabwickeln“, berichtet Roswitha Demirtas. „Das ging teilweise zurück bis zu Buchungen, die im Herbst 2019 bei uns getätigt worden waren.“ Ein immenser organisatorischer und vor allem finanzieller Kraftakt. Gerettet habe sie, dass keine Mietabgaben fällig waren, und die Kundentreue „der Türken, weil die weiterhin nach Hause gereist sind“.

Die Philosophie: Seit 2001 ist Roswitha Demirtas im Ruhestand, was sie aber nicht hindert, hin und wieder einzuspringen, wenn Personalnot herrscht. Was ihr allerdings gewaltig gegen den Strich geht: Wenn die Menschen die fachliche Kompetenz ihres Reisebüros nutzen, um sich ausführlich beraten zu lassen – und ihren Urlaub dann aber auf Internetseiten fremder Unternehmen buchen. Roswitha Demirtas: „Unsere Philosophie ist: Denke global, buche lokal. Dann bleibt die Gewerbesteuer wenigstens in Aalen und kommt uns allen zugute. Und die Innenstadt blutet nicht weiter aus.“

Reisebüro Demirtas: Richtfest des neuen Gebäudes (Repro)
Seit 50 Jahren in Aalen - Reisebüro Demirtas.
Roswitha und Erol Demirtas in den neuen Geschäftsräumen kurz nach dem Einzug 1989. (Repro)
Das Reisebüro Demirtas, damals noch im Altbau. In die Geschäftsräume ging es Stufen hinunter. (Repro).
Ein eingespieltes Team: von links Roswitha Demirtas, Sohn Erol, Schwiegertochter Karin und Mitarbeiterin Petra Home.
Der Neubau war eines der ersten Projekte von Cemal Isin, der sich kurz zuvor mit seinem Architekturbüro selbstständig gemacht hatte. (Repro)
Abriss des Altbaus Ende 1988 (Repro)

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