Geschichten rund um eine 90-jährige Ritterburg

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Die von Karl Ackermann für die Nachbarsbuben gebastelte Burg mit der Jahreszahl 1932 - das Geburtstjahr des Autors.
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Ohne Abi keine Offizierslaufbahn - was der Aalener Karl Ackermann als Berufssoldat erlebt hat.

Aalen. Wie alle Jahre in der Weihnachtszeit: Da steht sie wieder. Die stolze Burg mit Tunnel und Zugbrücke. Inmitten der großen Märklin-Anlage auf dem Stubenboden. Aus Sperrholz kunstfertig gebastelt hat sie just vor 90 Jahren Karl Ackermann. Der war damals nach einer Schlosserlehre arbeitslos, wie viele andere in der Weltwirtschaftskrise. Erwin Hafner, Autor dieses Zeitungsbeitrags, erinnert sich: „Deshalb wollte mein Vater dem Nachbarsbuben ein paar Mark verdienen lassen.“

Wie aber sollte es mit dem Karl weitergehen? Kurz entschlossen bewarb er sich freiwillig bei der damaligen Reichswehr, dem 100 000-Mann-Heer der Weimarer Republik. Sein Ziel: Er wollte Offizier werden. Doch er hatte kein Abitur. Ohne dieses - und das gilt auch heute noch - war ihm diese Laufbahn verwehrt. Das wurmte den Karl sein ganzes Soldatenleben lang.

Dann kam der Krieg. Ackermann kämpfte vom ersten Tag an bis zum Ende als Hauptfeldwebel an allen Fronten. Immer wieder schwer verletzt, erhielt er das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse, das Sturmabzeichen, die Nahkampfspange. Aber anstelle des begehrten Ritterkreuzes „nur“ das selten verliehene Deutsche Kreuz in Gold. „Weil den Halsorden in der Regel die Vorgesetzten erhielten. Obwohl ich“, so ärgerte er sich, „an vorderster Front die Drecksarbeit verrichtete.“

Erwin Hafner berichtet: In seinen wenigen Urlauben kam er „auf eine Zigarette“ zu uns ins Nachbarhaus. Wenn er dann von seinen haarsträubenden Erlebnissen erzählte, saß ich wie gebannt vor ihm. Haften geblieben ist mir, wie er traurig von den jungen Kerlen berichtete, die meist direkt aus der Schule mit nur kurzer Grundausbildung als Ersatz für die Gefallenen ins Feuer geschickt wurden. Ihm war klar, dass die meisten von ihnen die ersten vier Wochen kaum überleben würden. „Weil sie unerfahren nicht über den siebten Sinn der alten Fronthasen verfügten, die genau wussten, wann und wie sie in Deckung gehen mussten.

Erwin Hafner betont: „Karl war nie Nazi.“ Und auf die Frage, ob er noch an den Endsieg glaube, habe Ackermann gemeint: „Seit Stalingrad nicht mehr. Es sei denn, es kommt doch noch die viel propagierte Wunderwaffe“ (Atom!)

Erwin Hafner erzählt weiter über Karl Ackermann: „Dann ging 1944 sein Traum doch noch in Erfüllung. Weil das Offizierskorps immer mehr schrumpfte, gab es plötzlich den sogenannten Tapferkeitsoffizier. Kaum einer wie er, erfüllte auch ohne Abi, alle Erfordernisse besser.“

Tod, Leid und Trauer waren dem Frontsoldaten nicht fremd. Aber nach einer Nachricht aus der Heimat brach für den Aalener eine Welt zusammen. Seine wenig zuvor angetraute Frau Christel kam 1942 zusammen mit vier Schwestern und der Mutter beim ersten Bombenangriff auf Recklinghausen ums Leben. Ackermann meldete sich spontan freiwillig zurück an die vorderste Front ...

Auf dem Rückzug im Osten lernte der Karl in Schlesien seine spätere zweite Frau Dora Newerla kennen. Das Kriegsende überlebte er - in Aalen. Schwer verwundet, den Arm in der Schlinge, sollte er hier genesen.

Dann standen plötzlich die Amis vor der Stadt. Trotz seiner Verwundung erhielt er den Befehl, eine der drei Aalener Volkssturmkompanien zu übernehmen. Er bezog am nördlichen Stadtrand (heute Stadtwerke) Stellung. Und ergab sich in aussichtsloser Lage in die Gefangenschaft - nach Frankreich. Weil dort seine Verwundung nicht behandelt wurde, kehrte er mit einem verkrüppelten Arm zurück.

Aber Vater Staat kümmerte sich um seine Berufssoldaten. Nie Nazi und nie in der NS-Partei erhielt er eine Anstellung bei der Landes-Wasserversorgung in Langenau. In Reutlingen, wo er im Ruhestand bei seiner Tochter lebte, starb er 1998 im Alter von 85 Jahren. Erwin Hafner

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