Im "Bottich" gehen die Lichter nicht mehr an

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Der Bottich schließt nach 53 Jahren.
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Nach 53 Jahren schließt Aalens älteste Diskothek endgültig wegen der Corona-Pandemie. Ein Gespräch mit Pächter Wolfgang Fausel und seinem Bruder Peter.

Der „Bottich“ schließt endgültig

Die Brüder Fausel, Wolfgang rechts, Peter links, in der geschlossenen Diskothek.
Die Brüder Fausel, Wolfgang rechts, Peter links, in der geschlossenen Diskothek. © Greifeneder
Plakat, mit dem für die Rollrasen-Partynacht 2007 im Bottich geworben wurde.
Plakat, mit dem für die Rollrasen-Partynacht 2007 im Bottich geworben wurde. © Moll, Manfred
Blick in den Bottich im Jahr 2020, ohne Gäste
Blick in den Bottich im Jahr 2020, ohne Gäste © privat
DJ Franz (links) und DJ Uwe in der jüngsten Vergangenheit.
DJ Franz (links) und DJ Uwe in der jüngsten Vergangenheit. © privat
Ü-40-Faschingsball im Bottich. Immer ausverkauft.
Ü-40-Faschingsball im Bottich. Immer ausverkauft. © privat
LPs (links) und 7-Zoll-Singles, bevor Musik auf digitalen tonträgern gespeichert wurde.
LPs (links) und 7-Zoll-Singles, bevor Musik auf digitalen tonträgern gespeichert wurde. © privat
Volles Haus im Bottich anlässlich des 50-jährigen Bestehens bei der Jubiläumsparty im September 2018.
Volles Haus im Bottich anlässlich des 50-jährigen Bestehens bei der Jubiläumsparty im September 2018. © privat
Volles Haus zum 50-jährigen bestehen im September 2018
Volles Haus zum 50-jährigen bestehen im September 2018 © privat
Der Bottich um 1968.
Der Bottich um 1968.  © Archiv
Oxford Circus
Oxford Circus © Archiv: opo
Oxford Circus
Oxford Circus © Archiv: opo
Schiegel-Session
Schiegel-Session © Archiv: Oliver Giers
Schiegel-Session
Schiegel-Session © Archiv: Oliver Giers
Schiegel-Session
Schiegel-Session © Archiv: Oliver Giers

Aalen-Unterrombach

Die Plattenteller im „Bottich“ drehen sich nicht mehr, CD-Player stehen still. Dem Zapfhahn fehlen Bier und Druck. Das endgültige Aus der Diskothek ist besiegelt, 53 Jahre nach ihrer Eröffnung.

„Es wäre sowieso bald vorbei gewesen, auch ohne Corona“, murmelt Wolfgang Fausel, der Pächter. Mit seinem jüngeren Bruder Peter trifft man sich an Ort und Stelle. Fast sieht es so aus, als sollten am Abend wieder die bunten Lichter leuchten, sich die Disco-Kugeln an der Decke drehen. Doch Werkzeug liegt herum, Kabel hängen herab. Die ersten Strahler sind abmontiert.

 „Der Verkauf von Gebäude und Grundstück war absehbar“, sagt Fausel. „Ach“, entgegnet sein Bruder, „so genau weiß man das nicht. Ohne die Beschränkungen hätten wir wahrscheinlich noch ein paar Jahre weitermachen können.“

Beschränkungen . . . die Corona-Verordnung vom 29. Juli besagt, dass in den Innenräumen eines Lokals maximal 30 Prozent der ansonsten zulässigen Gäste sein dürfen. Das wären umgerechnet 60 Köpfe; mit 200 Gästen war der „Bottich“ voll. Und vor der Pandemie war er oft voll.

Die Brüder Fausel, Wolfgang rechts, Peter links, in der geschlossenen Diskothek.

Rückblende in die Siebzigerjahre: 200 Gäste, mindestens die Hälfte davon raucht. Man sieht kaum von der Tanzfläche bis zum Eingang. Aus den Lautsprecherboxen klingt Musik von Boney M., den Bee Gees oder Barry White. Die Einrichtung ist rustikal, massives Holz und dunkle Balken. Man sitzt tatsächlich in runden und ovalen Bottichen, ausgedienten große Fässern. Zwei davon sind unter der Decke platziert, man erreicht sie auf schmalen, steilen Treppen. An der 50 Meter langen Theke werden neben Cocktails und anderen Getränken Biere der Aalener Grünbaum-Brauerei ausgeschenkt; sie ist Eigentümerin des Gebäudes und des umgebenden Grundstücks. Waren die Siebziger die Glanzzeit des „Bottich“? – „Es war ein Auf und Ab, wie eine Sinuskurve“, meint Peter Fausel. „Aber in den letzten zehn Jahren war’s immer voll“, entgegnet sein Bruder. Vor 2020 zehn Jahre lang eine volle Diskothek? Das müsste den beiden erstmal jemand nachmachen. Viele andere einschlägige Lokale sind längst verschwunden. Aus Aalen etwa das „Skylight“, „Safe“, die Tenne, das Disco Pub und das Hollywood (heute Club del Mar). 

Aber als das Geschäftsmodell der klassischen Disco zu schwächeln beginnt, entwickeln Wolfgang und Peter Fausel neue, erfolgreiche Ideen. Zum Beispiel machen sie 2004 die erste „Ü-40-Party“. Die Leute seien bis aus Stuttgart dafür in den Bottich gekommen, berichten sie. Sie machen den Ü-40-Faschingsball, immer ausverkauft. 2007 steigt eine coole Aktion: die Rollrasenparty. Natürlich mit Musik von Elton John. Der geadelte Musiker und Sänger durfte nicht im Aalener Stadion auftreten, weil der Rasen einen Wurzelpilz hatte; so die offizielle Begründung der Stadt. Sie machen eine ABBA-Nacht, eine Rock-Nacht auch mit Livemusik. Siggi Schwarz war mindestens fünfmal präsent. Sie machen eine „Tenne“- oder eine Disco-Pub-Nacht. Dass sich jemals „Pub“ und Bottich miteinander versöhnen könnten und dass dann DJ „Zucker“ und Co. im Bottich auflegen, darauf hätte in den Siebziger- und Achtzigerjahren niemand gewettet. Oder die Jazz-Jamsession, immer am zweiten Mittwoch im Monat. „Bei uns lief das ganze Spektrum der Musik“, sagen die Brüder Fausel.

Überhaupt: die Musik. Ihre Rolle kann in einem Tanzlokal kaum unterschätzt werden. „Die Musik bestimmt das Publikum“, meint Wolfgang Fausel. „So haben wir es gesteuert, dass unseres nicht zu jung war und dass zum Beispiel keine Rocker kamen. „Junge Männer machen oft Stress, da ist viel Testosteron unterwegs. Doch nach den ersten Jahren hatten wir keine einzige Schlägerei mehr“, erzählt er weiter. Mal abgesehen von der Musik: Was macht eigentlich eine gute Diskothek aus? „Gutes Personal“, sagen die beiden, „ein gutes Konzept und vor allem Beständigkeit. Die Leute wollen sich nicht alle Nase lang an etwas Neues gewöhnen.“ Der Bottich sei die drittälteste Diskothek Deutschlands, die mehr oder weniger unter gleichem Namen besteht.

Beständigkeit gilt auch fürs Personal, zum Beispiel denkt man an den langjährigen DJ „Bottich-Franz“, Franz Rieger, oder an Gino Picciolo, den Ober, der es sich nie anmerken ließ, dass das Kellnern für ihn eigentlich ein Nebenjob gewesen ist.

„Die guten Veranstaltungen würden wir eigentlich gern weitermachen, irgendwie“, sagen die beiden Brüder. Die „Onkelz-Nacht“ etwa, oder die Ü-40-Partys. „Aber wo und wie? Mit welchem Hygienekonzept? Die Pandemie lasse eine Entscheidung darüber noch nicht zu, sagen Wolfgang und Peter Fausel.

Was wird nun aber aus dem Gebäude und dem knapp 2500 Quadratmeter umfassenden Gelände? Es solle verkauft werden, heißt es. Um die Liegenschaften der Grünbaum-Brauerei kümmert sich der ehemalige Geschäftsführer Rainer Holz. Der Eigentümer Christian Schmid habe noch nicht darüber entschieden. Mehr könne man dazu im Moment leider nicht sagen, bedauert er.

Warum der Bottich so heißt wie er heißt

Mitte September 1968 ist die Diskothek „Bottich“ im Tanzsaal des früheren Gasthauses „Rössle“ in Unterrombach eröffnet worden. Namensgeber waren tatsächlich Bottiche, ausgediente Fässer, die zu Sitzgelegenheiten mit einem Tisch in der Mitte umgeschreinert worden waren. Wo die Gaststätte war, dehnte sich ein Bereich aus, wo man etwa Billard oder Flipper spielen konnte. 1977 wurde dieser Bereich abgetrennt und es eröffnete dort der Nachtclub „White Horse“, mit separatem Zugang von außen. 1981 wurde die Diskothek renoviert. Die Bottiche wurden abgebaut, die rustikale Einrichtung vorsichtig modernisiert, die Theke verlängert. So startete 1982 der „New Bottich“ in sein zweites Leben. Irgendwann wurde das „New“ wieder aufgeben, so neu war es nicht mehr – und in dieser Form hatte die Diskothek geöffnet, bis sie im März 2020 wegen der Corona-Pandemie zwangsgeschlossen wurde.

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