Ingrid Meiler baut Brücken mit Worten und mit Taten

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Die Buchautorin Ingrid Mailer hat einen Roman über Gehörlose geschrieben. Foto: OLIVER GIERS

Die gebürtige Oberkochenerin hat mit „Die göttliche Farbe blau“ einen Roman geschrieben, der zwischen verschiedenen Welten vermitteln soll. Von Dagmar Oltersdorf

Oberkochen/Giengen

Sie ist kreativer Tausendsassa. Weltreisende. Engagierte Mutter und Flüchtlingshelferin. Seitdem die Grund- und Hauptschullehrerin Ingrid Meiler im Alter von 61 Jahren dank ihrer gesammelten Sabbatjahre in den Ruhestand ging, hat sie vieles gemacht. Offenbar nur nicht geruht. Nun hat die gebürtige Oberkochenerin einen Roman geschrieben: „Die göttliche Farbe Blau“, so der Titel. Es steckt auch eine Menge eigenes Leben darin.

„Ich bin schon seit meiner frühen Jugend kreativ“, erzählt Ingrid Meiler. In Schwäbisch Gmünd studiert sie Textiles Werken und Sport auf Lehramt - da hat sie bereits einen Preis für eine Batikarbeit in der Tasche. Sie strickt Pullover aus Wollresten, denn nichts wird einfach weggeschmissen im Hause Schröder in der Oberkochener Sonnenbergstraße. „Ich komme aus einer kinderreichen Familie und habe sechs Brüder und eine Schwester“, sagt Ingrid Meiler. Die Mutter geht mit den Kindern viel in den Wald, sammelt mit ihnen Pilze, wandert in der Umgebung von Oberkochen - auch deshalb gibt es bei allen Schröders eine Verbindung zur Natur, sagt die 68-Jährige. „Das alles hat uns geprägt, wir sind alle ein wenig Grün angehaucht.“

Geschichtenschreiberin auch für einen Flüchtling aus Gambia

Ingrid Meiler macht Abitur in Oberkochen und schreibt schon in dieser Zeit viel - vor allem Briefe an die Großeltern, Tanten, Cousinen und Cousins. Es folgen Studium, Heirat, die Geburt eines Sohnes, Scheidung, eine Anstellung in Giengen und der Umzug dorthin. Die nun alleinerziehende Mutter unterrichtet Textiles Werken und Sport und kümmert sich um ihren seit dem vierten Lebensjahr gehörlosen Sohn, der sportlich sehr erfolgreich ist. Er spielt Tennis und fährt Ski, ist Mitglied in der der Gehörlosennationalmannschaft - Reisen inklusive. Aber auch Probleme wegen seiner Gehörlosigkeit. Später, als ihr Sohn aus dem Gröbsten heraus ist, „outet“ sie sich erstmals in der Schranne Giengen als Autorin einer Chronik über das Gebäude, schreibt über den Oberkochener Clemens Grupp, beteiligt sich an einem Schreibwettbewerb und gewinnt einen Preis. Nebenbei ist sie sozial engagiert.

„Ab 2014 wurde ich dann so etwas wie eine Mutter für neun Flüchtlinge aus Gambia, die zu uns nach Giengen in die LEA kamen“, erzählt Ingrid Meiler. Zu ihnen gehört auch Lamin, „der ganz unten war“, wie sie sagt. Viereinhalb Jahre habe es gedauert, bis er in Deutschland angekommen sei. Die ehrenamtliche Helferin schreibt mit ihm seine Geschichte auf: „Flucht aus Gambia“, heißt das Büchlein, das sie dazu herausgibt. Das Cover gestaltet sie selbst: ein Lebensbaum mit Elementen der Flagge Gambias. „Es war mir sehr wichtig, darauf aufmerksam zu machen, was diese Flüchtlinge durchgemacht haben“, sagt Ingrid Meiler dazu.

Fast vierzig Jahre ist die Lehrerin im Schuldienst, als sie in den Ruhestand geht und sich 2015 auf ihre erste Weltreise begibt. Zwei weitere Weltreisen folgen - Indien bereist sie insgesamt dreimal.

Die vorerst letzte und dritte Weltreise beginnt im Januar 2020 in Kuba. Während dieser strandet Ingrid Meiler wegen des Pandemie-Lockdowns auf Samoa. Erst nach wochenlangem Ausharren unter gar nicht mehr so paradiesischen Umständen gelangt sie abenteuerlich zunächst mit einer Propellermaschine über die Cook-Inseln und Sidney im April schließlich wieder in Frankfurt.

Brücken schlagen zwischen Welten, Kulturen und Religionen

Ingrid Meiler reist alleine. Immer. Sie fotografiert, dreht kleine Videos, hält Vorträge, veröffentlicht ihre Eindrücke auf ihrem eigenen Youtube-Kanal. „Ich möchte auch andere Frauen ermutigen und zeigen, dass man das machen kann“, sagt die zierliche Ruheständlerin, die nebenbei beispielsweise auch aus Strandgut wie Glasscherben aus Saintes-Maries-de-la-mer in Skulpturen eine neue Bestimmung gibt und Mitglied im Aalener Kunstverein ist.

Als Ingrid Meiler nach ihrer dritten Weltreise wieder zuhause ist, verharrt die 68-Jährige aber nicht im Lockdown. Sie schreibt ihren ersten Roman - wohlwissend, dass das durchaus eine Herausforderung ist: wörtliche Rede, Spannung, klare Gliederung, als das sei ja anspruchsvoll zu verbinden, so die Autorin. Am Ende steht „Die göttliche Farbe blau“ - so der Titel es Romans, der im September 2021 erschienen ist.

Er erzählt eine Geschichte, mit der die Autorin gleich mehrfach Brücken schlagen will: Die zwischen der Welt der Hörenden und der Gehörlosen, die zwischen unterschiedlichen Kulturen und die zwischen den Religionen - ihre Hauptfiguren sind Tim, der nicht hören kann, und die indische Tänzerin Kamala und ihre Liebe der Beiden.

„Völkerverständigung und ein friedliches Miteinander, das war mir schon immer wichtig“, sagt Ingrid Meiler. „Da steckt mein ganzes Leben drin, auch meine Wertvorstellungen.“ Ihr Sohn sei sehr berührt gewesen, erzählt Ingrid Meiler, die nun auch Romanautorin ist.

Info: „Die göttliche Farbe blau“ ist bei BoD - Books on Demand in Norderstedt erschienen. ISBN: 978-3-754-31873-7. 240 Seiten, 12,99 Euro.

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