Jugendreferent: „Wir haben euch außen vor gelassen“

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Marios Pergialis

Marios Pergialis schreibt einen offenen Brief an junge Leute in Corona-Zeiten.

Schwäbisch Gmünd. Dekanatsjugendreferent Marios Pergialis wendet sich in einem offenen Brief an „alle Jugendlichen und solche, die es mal waren“:

„#jugendgehtbaden - Es tut uns leid. Wirklich. Wir Erwachsenen haben in den letzten Jahren vieles gemacht und vieles gelassen. Vor allem haben wir euch gelassen. Aber nicht in Ruhe, wie es sich gehört. Nein, wir haben euch außen vor gelassen. Vielleicht auch aus dem Blick verloren.

Wir haben so getan, als wärt ihr nichts anderes als Schülerinnen und Schüler. Hauptsache der Unterricht läuft wieder, dann wird es euch schon gut gehen. Wir haben so getan, als wäre die Jugend eine Phase, die man ohne Probleme aufholen oder nachholen kann. Wir wissen, wie viel ihr leistet. Wir wissen, dass ihr euch an die Maßnahmen haltet. Dass euch andere Menschen wichtig sind. Dass es euch innerlich zerreißt, weil ihr mit Freunden weggehen wollt, aber es nicht tut, um euer Umfeld zu schützen. Aber es schert uns nicht. Wir wollen lieber arbeiten gehen und Geld verdienen. Da haben wir mal etwas Pause vom Familienalltag. Unsere Ökonomie und unser eigenes Wohl sind uns wichtiger als eure gesunde Jugend.

Wir haben in der Pandemie gesagt: Wir müssen die Alten und Kranken schützen. Wir haben aber vergessen, dass wir auch euch schützen müssen. Am meisten vielleicht vor uns. Wo sind die Orte, wo ihr die Familien verlassen könnt, um mit Freunden abzuhängen. Wo sollt ihr hin, wenn ihr die Türe zuschlagt und sagt: „Vater! Es reicht. Ich verpiss mich“. Wo sind eure Räume für Sport, Freizeit, Nichtstun, Abhängen?

Wir machen euch vor, wie man schlecht diskutiert und wie sich Gesellschaft und Politik an globalen Geschehen zerreiben. Wir zeigen euch keine gute Zukunft, in die es sich hineinzuwachsen lohnt.

Wir verrennen uns in Zahlen, Tests, Statistiken, Parallelwelten, Verschwörungen, Schuldzuweisungen. Wir nennen euch einen Infektionsherd. Als wärt ihr ein brodelnder Kessel, bei dem es nur eine Frage der Zeit ist, wann er explodiert. Über viele Monate hinweg sagen wir euch immer wieder: Alles das, was eure Jugend ausmacht, ist eigentlich verzichtbar. Mit Freunden im Park sitzen. Über die eigenen Grenzen gehen. Feiern. Chillen. Die Freizeit genießen. Kann man auch mal lassen …

Wir sagen euch wirklich permanent: Ihr seid nicht wichtig! Eine ganze Generation, die nicht systemrelevant ist. Warum solltet ihr es in Zukunft anders machen?

Wir leben in einer Pandemie und müssen auf uns achtgeben. Und wir Erwachsenen haben es nicht geschafft, das bei euch zu erfüllen. Jetzt sind wir auf euren guten Willen angewiesen, denn ihr hättet genug Gründe, um zu sagen: Leckt uns am Arsch. Für Geimpfte gibt es Lockerungen. Aber welche Personengruppe muss dann weiter zuhause bleiben, weil hier fast niemand geimpft ist?

Wir wollen euch zumindest etwas Gehör verschaffen. Wenn es euch nicht gut geht, dann ruft und schreit. Macht euch bemerkbar. Sucht euch Verbündete.

Denkt um die Ecke, aber nicht quer. Sagt, auf was ihr verzichtet und was euch von Herzen fehlt. Vielleicht öffnet uns das die Augen, dass wir auch mit euch solidarisch sein müssen. Denn eure Zeit ist jetzt wertvoll. Erwachsen seid ihr noch lange genug.

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