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Keine Corona-Geschichte: die Tupperparty im Altenheim

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Maria Metzger
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Wie Maria Metzger, gefragte Altenpflege-Dozentin, Therapeutin und Buchautorin, die pandemiebedingte Pause genutzt hat.

Aalen

Wenn nicht gerade Corona-Pandemie ist, dann ist Maria Metzger viel unterwegs: Zwei Vormittage in der Woche in Altenheimen in Aalen, wo sie Therapiestunden abhält. An anderen Tagen, manchmal ganze Wochen lang, bildet sie Betreuungskräfte in Seniorenheimen aus und weiter: von München bis Bad Boll, von Stuttgart bis Bad Mergentheim. Sie gibt Seminare und Workshops in ambulanten und stationären Altenpflegeeinrichtungen, unterrichtet an der Pflegeschule in Aalen. Hält Vorträge oder vermittelt Entspannungstechniken wie Autogenes Training in ihrer Praxis in der Egerlandstraße.

Im März vergangenen Jahres brachte Corona einen harten Schnitt: alle Kurse und Seminare abgesagt. Virtuelles Unterrichten komme für sie nicht in Frage, sagt sie. Denn ihr Thema, „Biografiearbeit“, brauche ein lebendiges Gegenüber, direkten und spontanen Austausch, lebensecht, nicht virtuell.

Die gelernte Krankenschwester und zertifizierte Entspannungstherapeutin hat ihr Herzensthema zum Beruf gemacht: Menschen in Seniorenheimen geistig so lange wie möglich fit halten. Eines der Schlüsselinstrumente sei Kommunikation, sagt sie, „und die kommt oft ins Stocken in den Heimen“. Es tue ihr in der Seele weh, wenn sie alten Menschen in den Einrichtungen begegne, die teilnahmslos im Sessel säßen, schweigend, mit leerem Blick, manchmal über Stunden. Ansprache sei lebenswichtig, und zwar eine, die die Menschen wieder selbst zum Sprechen bringt.

„Türöffner“ nennt sie dabei kleine Geschichten, die Erinnerungen in den Menschen wachrufen. Vor zwölf Jahren hat die heute 61-Jährige deshalb angefangen, Kurzgeschichten für diese besondere Form der Aktivierung in der Gruppen- oder auch Einzelarbeit in den Seniorenheimen zu verfassen. Acht Bücher und ein Spiel hat sie mittlerweile auf den Markt gebracht, ist gefragte Autorin geworden im führenden Fachverlag der Altenpflege in Deutschland.

In den ersten Monaten der Corona-Zeit war zwar Leere in ihrem Kalender, aber dennoch keine Muße zum Bücher schreiben: ihr Mann im Homeoffice, die beiden erwachsenen Kinder zogen zur selbst gewählten Isolation vorübergehend wieder ins Elternhaus.

Maria Metzger genoss die Zeit – und tankte Energie für zwei neue Bücher. „Echte Kerle“ und „Flotte Lotte“ heißen sie; wieder Kurzgeschichten, aber frischer, moderner, aus den 1950er und 60er Jahren. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, „Samstag war Badetag“ oder „Der erste Schwarz-Weiß-Fernseher“ – „da werden in Männerrunden Erinnerungen an die Wirtschaftswunderjahre wach“, sagt die erfahrene Therapeutin. Im Frauenbuch „Flotte Lotte“ geht es um „Mini-Rock & Tupfenkleid“, um die „Avon-Beraterin“ oder „Die Hausparty“.

Ob ihre Geschichten auch ankommen, testet die Aalenerin am liebsten direkt vor Ort. Eine Betreuerin im Altenheim habe die Geschichte von der „Tupperparty“ vorgelesen, dazu sogar einen alten Tupperkatalog mitgebracht. „Da ging es hoch her wie selten in der Altenrunde“, lacht Maria Metzger: „Die Frauen erzählten, was sie damals gekauft und dann doch nie benutzt haben. Die Männern erinnerten sich an Abende, an denen sie am liebsten geflüchtet wären. Am Ende wurde die Betreuerin sogar gefragt, ob man denn bei ihr jetzt auch bestellen könne.“

Die Zusage für ein zehntes Buch vom Verlag hat sie in der Tasche. „Wahrscheinlich geht's um Urlaub.“

Und dann war da doch noch ein wenig freie Zeit in der Corona-Pandemie: Die Schwiegermama wurde 90. Was lag der warmherzigen Maria näher, als ein Buch für sie zu schreiben? Nur für sie. Inhalt: Stationen ihres 90-jährigen Lebens. Biografiearbeit – persönlicher geht's kaum. „Das bleibt aber in der Familie“, sagt Maria Metzger.

„Echte Kerle“ und „Flotte Lotte“. Beide Bücher erzählen Geschichten aus der Wirtschaftswunderzeit der Bundesrepublik. „Die Patienten in den Pflegeheimen sind nicht mehr nur die über 80-Jährigen, sondern zunehmend auch Jüngere, zum Beispiel chronisch Kranke oder Krebspatienten“, sagt Maria Metzger.

Mit jeweils rund einem Dutzend Geschichten, jede drei bis fünf DiN-A5-Seiten lang, will sie Erinnerungen an eine prägende Zeit wachrufen. Jede Geschichte beginnt mit drei biografischen Fragen zur Einführung. Die Bücher sind erschienen im Vincentz-Verlag und kosten jeweils 19,90 Euro.

Da ging es hoch her

Maria Metzger, Therapeutin und Autorin

Maria Metzger: Im Laufe der vergangenen Jahre hat sie etliche Bücher herausgebracht. Foto: Oliver Giers

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