7 kuriose Chorgeschichten aus 70 Jahren MGV Röthardt

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Das Bild etnstand 1986. Sänger des MGV Röthardt fahren im gecharterten Bus auf Einladung eines finanzstarken Gönners für ein Ständchen nach Frankfurt.
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Sie sangen feucht fröhlich, wurden verhaftet, fast vom Blitz getroffen und ließen es sich bei der High-Society gut gehen. So aufregend ist das Chorleben. Von Lars Reckermann

2015 wurde es auf der Bühne feucht-fröhlich. Lustig ihr Brüder hatte der MGV Röthardt sein Konzert überschrieben.

Aalen-Röthardt. 70 Jahre Männergesangverein Röthardt. Sieben außergewöhnliche Geschichten, die dokumentieren, wie vielfältig Singen und Gemeinschaft in einem Verein sein kann. Chormitglied Helmut Lippstreu hat die Geschichte des Vereins in liebevoller Fleißarbeit zu einem beachtlichen Buch gebunden. Wir drucken zum Geburtstag sieben kuriose Ereignisse aus 70 Vereinsjahren ab.

1) 1956: Der Chor wird beleidigt. Ende des Monats Juni herrschte unter den Sängern helle Aufregung. Denn an der Tür zu ihrem Proberaum in der „Erzgrube“, direkt neben dem Schild des MGVRöthardt, hing ein Zettel, auf dem das Wort „Allbubia“ stand. Jedem von ihnen war klar, dass das Wort „Alles Buben“ bedeutete und dass damit alle MGV-Sänger gemeint waren. Heute würden die Röthardter Sänger einen solchen Spaß nicht so ernst nehmen, aber damals traf sie das Wort im Mark. Grund war, dass Sänger etablierter Gesangvereine den MGVRöthardt als „wilden Verein“ ansahen und dessen kleinen Chor auch schon mal belächelten. Dies deshalb, weil der Röthardter Chor nicht dem damaligen Eugen Jaekle Gau angehörte und es auch nicht wollte. Da dieses Ansehen am Ego der Röthardter Sänger nagte, kam es, wie es kommen musste: Die Sänger fühlten sich beleidigt und suchten nach dem Urheber. Als sie herausbekommen hatten, wer den Zettel geschrieben hatte – es war ein ihnen bekannter Schleifer aus Wasseralfingen –, übergaben sie die Angelegenheit einem Rechtsanwalt. Der machte kurzen Prozess und teilte dem Übeltäter schriftlich mit, dass er jedes einzelne Vereinsmitglied und auch die Gesamtheit der Mitglieder öffentlich schwer beleidigt habe. Dazu fuhr der Jurist „schweres Geschütz“ auf und drohte mit der Erhebung einer Beleidigungsklage und der Stellung eines Strafantrags. Es kam aber nicht so weit. Der Täter nahm das Angebot auf außergerichtliche Einigung an, entschuldigte sich schriftlich, übernahm die dem MGVRöthardt entstandenen Kosten und spendete dem Roten Kreuz als Buße einen Geldbetrag.

2) 1977: Oh Schreck, der Maibaum war weg. Der 1. Mai begann für die Sänger mit einem Schreck – ihr Maibaum, dem sie am Vorabend seine angebrochene Spitze „geschient“ und den sie mit zwei Kränzen und einer Girlande geschmückt hatten, war weg. Nur das Loch, in dem er gestanden hatte, zeugte noch von ihm. Vereinsmitglied Der Vize-Vorsitzende Paul Schabel klärte seine Freunde darüber auf, dass er die Fichte aus Sicherheitsgründen abgesägt und weggeschafft hatte. Und zwar deshalb, weil dessen Spitze herunterzufallen drohte, der Vereinsvorstand Franz Högg aber verweigert habe, den Baum mittels eines Kranwagens herausheben zu lassen, um die Spitze zu sichern. Der Vorstand, der über diese Eigenmächtigkeit seines „Vize“ nicht erfreut war, beruhigte sich bald wieder.

3) 1986: Ein Erlebnis, der Auftritt im Frankfurter Hotel Holliday Inn. Am 11. Oktober, veranstaltete der Chor in der TSV-Turnhalle einen begeisternden Unterhaltungsabend, den „Fröhlichen Feierabend“. Allein, ohne mitwirkende Chöre und ohne Orchester – das war eine Premiere im Verein – führten die Sänger das Publikum musikalisch an ferne Gestade und ließen sicherlich so manches Fernweh aufkommen. Das völlig neue Konzept punktete mit lockerer Atmosphäre, Schnee-Maschine, buntem Melodienreigen und Liedern rund um die Welt. Ein Couvert, das ein damaliges Vereinsmitglied und Frankfurter Geschäftsmann, bei der Generalprobe zum Konzert „Fröhlichen Feierabend“ auf den Tisch gelegt hatte, war mit „Für die Sänger“ beschrieben. Dessen Inhalt, ein größerer Geldbetrag, bescherte 21 Chormitgliedern am 2. November ein bis heute unübertroffenes Erlebnis: Sie charterten einen Bus und fuhren in die Börsenmetropole am Main zur Geburtstagsfeier des Geschäftsmann. Dort, im hoch aufragenden Hotel Holiday Inn, tauchten sie in eine für sie bis dahin unbekannte Welt ein, in eine High Society, in der alles bis zum Abwinken vorhanden war. Bigband-Mitglieder des Hessischen Rundfunks spielten und Schlagersänger Peter Petrel („Ich fahr so gerne Rad“) trat auf. Der MGVRöthardt begeisterte das Publikum.  Von diesem Erlebnis und dem Ruf „Campari-Orange für alle“, erzählen die Dabeigewesenen noch heute.

4) 1989: Polizei-Aktion stört die Teilnahme an den „Prager Chortagen“. Die Fahrt zu den „Prager Chortagen“ fand vom 23. bis 26. Februar statt. Der Chor nahm am dortigen Wettbewerb mit vier Liedern teil. Am 23. Februar war die Röthardter Reisegruppe auf dem Weg nach Prag. Die Fahrt verlief jedoch anders als geplant. Das „Anders“ begann, als der Bus hinter der Grenze eine der dort wartenden inoffiziellen Geldwechslerinnen wegen ihres günstigen Kurses zusteigen ließ. Beamte, die den Vorgang von einem Hubschrauber aus beobachtet hatten, setzten bei der Mittagsankunft in Pilsen etwas in Gang, was die Reisenden in große Angst versetzte: Die polizeiliche Mitnahme von Reiseleiter Lothar Daub und den Busfahrer, die Festsetzung der restlichen Gruppe im „Kulturhaus“ und die Ungewissheit aller, wie die Geschichte ausgehen würde. Stunde um Stunde verging, das Hoffen und Bangen der Wartenden schien kein Ende zu nehmen. Sogar über eine Protest-Aktion auf der Bühne dachten die Sänger nach. Gegen Abend wurden der Reiseleiter (es war einer der Sänger) und der Busfahrer, die durchgängig verhört worden waren, zurückgebracht. Dafür nahmen die Beamten zwei andere Personen zum Verhör mit. Es dauerte bis gegen 2 Uhr morgens, fast 14 Stunden, bis alle Festgehaltenen frei waren und der Bus die Fahrt nach Prag fortsetzen konnte. Auch am nächsten Tag versuchten tschechische Behörden über den Reiseleiter Einfluss auf die Reisegruppe zu bekommen, was dieser – nach Kontakt mit der Deutschen Botschaft in Prag – aber weitgehend abmildern konnte. Ungläubig erfuhren die Teilnehmer später, dass einer der vernehmenden Beamten dem Reiseleiter im späteren Verlauf heimlich einen Geldwechsel zu einem noch besseren Kurs angeboten hatte. Der Chor schlug sich beim Wettbewerb sehr gut und wurde mit dem „Silbernen Band“ ausgezeichnet.

5) 1995: Süffiges „Hochzeitsbier“ wurde unterschätzt. Immer wieder trafen sich die Sänger in einem im Rissental gelegenen Garten eines Sängers zu einer „Singstunde“ im Freien. So auch am 29. Juni 1995. Hochsommerliche Wärme, das von zwei neuen, vom Härtsfeld stammenden Sangesfreunden gestiftete „Hochzeitsbier“ der Aalener Löwenbrauerei, deftige Schmalzbrote und viel Gesang sorgten für einen stimmungsvollen Abend, der bis spät in die Nacht dauerte. Auf dem Heimweg merkten die letzten Sänger, die wieder zu den „jüngeren“ gehörten, dass sie die Wirkung des süffigen Bieres deutlich unterschätzt hatten. Weder diese Erkenntnis noch die einem Sänger auf dem steilen Weg nach Röthardt hinauf verlorengegangene Brille konnten sie davon abhalten, wieder im Rissentalweg zu halten und einer Sängerfrau erneut das „Ständchen“ zu singen. Sie mühten sich zwar redlich, aber der Gesang entsprach – dem „Hochzeitsbier“ geschuldet – zu der Zeit nicht mehr ihrem Können.

6) 1997: Ein Feuerstreifen zieht sich durch das „Waldfest“-Zelt. Im Jahre 1997 wurde beim „Waldfest“ ein zweigeteiltes Zelt aufgestellt. An ihm fehlte die zwischen dem Zelt und seinem Verkaufs-Anbau erforderliche Dachrinne. Sie war nicht auf dem Zeltwagen gewesen. Weil der Wetterbericht für den Samstag Regen angekündigt hatte, besorgte einer der Sänger vormittags von seinem Hof eine krumme und schiefe Dachrinne, die seine Sangesfreunde provisorisch anbrachten. Abends, als sich der Himmel verdunkelte und ein Gewitter aufzog, waren alle froh über dieses Teil, von dem jeder Sänger hoffte, dass es hielt und funktionierte. Und dann ging es schnell. Das Blitzen und Donnern kam näher, der Regen wurde stärker und prasselte so auf das Zeltdach, dass die Gespräche verstummten. Vom oberen Parkplatz kommend rauschte Wasser so durch das Anbau-Zelt, dass Christel Haas und Ruth Schiele sich auf ihre Getränkekisten flüchteten. Und weil die Dachrinne den Regen nicht fassen konnte, plätscherte es von oben in den Verkaufsbereich hinein. Jeder im Anbauzelt hoffte, dass es nicht noch schlimmer kommen würde. Es kam aber schlimmer: Ein tagheller Blitz und sein nahezu zeitgleiches Donnern erschreckten alle im Zelt. Es musste in der Nähe eingeschlagen haben, das war jedem sofort klar. Einen Wimpernschlag später fiel die Zeltbeleuchtung aus, und eine bläuliche Flamme zischte vom Parkplatz kommend auf dem talwärts abfließenden Wasser durch das Anbauzelt. Die Gäste im Zelt, die den Feuerstreifen nicht sehen konnten, wunderten sich nur, dass das Verkaufspersonal vom Bierstand bis zum Kuchenstand erschrocken in die Höhe sprang. Zu Schaden gekommen war niemand, und aller Schrecken war vergessen, als die Sicherungen eingeschaltet waren, das Licht anging und alle Geräte funktionierten. Danach sorgte die „Röttinger Blasmusik“ mit ihrer in dem Jahr neu ins Programm genommenen „Oldie-Hitparade“ wieder für Stimmung.

7) 2015: „Lustig ihr Brüder“ – eine Singstunde wird auf der Bühne der Sängerhalle zum unterhaltsamen Konzertabend. Mit dem „szenischen“ Konzert „Lustig ihr Brüder“ wollte der Chor dem Publikum einen unterhaltenden Einblick in das Vereinsleben vor, während und nach einer Singstunde geben. Am Abend des 17. Oktober bot sich den Besuchern in der Sängerhalle ein Bühnenbild, das eher nach einer Theatervorstellung aussah: Mit Bierfässern, alter Wirtshausmöblierung, nostalgischen Metall-Werbeaufhängern an den Wänden, Kleiderständern, Blumen auf den Tischen und einem rund sieben Meter langen Hopfentrieb an der Decke. Ohne die vielen Leihgaben der Löwenbrauerei Wasseralfingen wäre dieser stimmungsvolle Aufbau nicht möglich gewesen. In diesem Ambiente bot der Chor gute Laune, 19 „Trinklieder“. Das für die Zuhörer nicht ganz Offensichtliche am Ablauf war, dass die beiden Bedienungen jeweils im feschen Dirndl den Sängern Bier und Wein brachten, wie diese es von den Singstunden gewöhnt waren. Und weil die beiden jungen Frauen mit dem Nachschenken schon bald nicht mehr nachkamen, – die Gläser und Krüge sollten ja aus gutem Grund nur wenig Alkoholisches enthalten – servierten sie einfach eine größere Menge. So mussten sie zwar nicht mehr so oft laufen, aber die Männer wurden in ihren Rollen zunehmend ausgelassener und sangen fröhlicher, was den Trinkliedern nur guttat und den Geschmack des Publikums fand.

Helmut Lippstreu hat die Chronik des MGV Röthardt geschrieben. Das Buch ist über ihn käuflich zu erwerben.

Das Buch zu den Geschichten: Drei Jahre lang hat Helmut Lippstreu für sein Buch "Der Röthardt singt immer noch" recherchiert. Das Buch ist informativ, unterhaltsam und spannend. Für alle, die rund um den Braunenberg leben, ist es zudem ein Stück Heimatkunde. Es ist im DIN-A4-Format geschrieben, hat 330 Seiten und kostet 19,50 €. Es kann beim MGV Röthardt (per E-Mail an mgv-roethardt@gmx.de) oder beim Autor (Tel.: 07361/76795) bestellt werden.

Das Buch "Röthardt singt immer noch" hat Helmut Lippstreu geschrieben. Es ist beim MGV Röthardt käuflich zu erwerben.

Geburtstagskonzert am 21. Mai in Hofen

Das Jubiläumskonzert steht unter dem Motto „Röthardt singt immer noch“. Es bietet zum einen eine Auswahl von Liedern aus dem Repertoire der letzten siebzig Jahre, zum anderen einige italienische Lieder aus einem für den Herbst 2020 geplanten, aber ausgefallenen, Konzert.

Zeit:    21. Mai 2022, um 20 Uhr

Ort:    Glück-auf-Halle Hofen

Eintritt kostet im Vorverkauf 10 Euro, an der Abendkasse 12 Euro.

Im Vorverkauf sind Eintrittskarten bei Schreibwaren Rössler, bei der Metzgerei Vetter und bei jedem Sänger des MGV Röthardt erhältlich.

2010 gaben die Sänger des MGV Röthardt ein Handwerker-Konzert.
2015 wurde es auf der Bühne feucht-fröhlich. Lustig ihr Brüder hatte der MGV Röthardt sein Konzert überschrieben.
Die Sänger des MGV Röthardt vor dem Holiday Inn in Frankfurt. Das Bild entstand 1986.
Das Bild aus dem Jahr 2007 zeigt das Konzert des MGV Röthardt namens: „Vom Schwobaland zur Waterkant“.
"Heute hier und morgen dort" hieß das Konzert des MGV Röthardt im Jahre 2018.

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