Maßband, Schere, Zopf: Haare spenden für Krebspatientinnen

  • Weitere
    schließen
+
Schnipp schnapp: knapp 30 Zentimeter Haar sind nun ab. Dieses wird Marcia Rottler an eine Organisation spenden, die das Haar zu einer Perücke verarbeitet.
  • schließen

Chemotherapiepatientinnen leiden unter dem Verlust ihres Haars. Wer ihnen helfen will, braucht dafür nur eine Schere und einen langen Zopf – und etwas Mut.

Aalen/Schwäbisch Gmünd

Noch einmal durchatmen. Dann ist es Zeit, der Haarpracht auf Wiedersehen zu sagen. Schnipp schnapp, schnipp schnapp, die Schere klappert und in Sekunden ist der knapp 30 Zentimeter lange Zopf ab. Geschafft – jetzt kann das Haar gespendet werden.

Komisch ist's schon etwas, ohne das gewohnte Gewicht auf dem Kopf. Aber zugleich auch angenehm. Schließlich wird der Zopf an Frauen und Kinder, die Krebs haben gespendet. In einen Umschlag verpackt und los: Der knapp 30 Zentimeter lange Zopf tritt nun per Post die Reise zu einer Organisation an, die auf diese Spenden spezialisiert ist.

Krankheit wird sichtbar

Doch warum ist es für Krebspatientinnen wichtig, wieder Haare auf dem Kopf zu haben? Das kann Nina Baxmann beantworten. Sie betreibt mit ihrem Mann Thomas die Haarästhetik Baxmann in Schwäbisch Gmünd. Dort entstehen Zweithaarperücken.

"Bei der Diagnose Krebs haben Frauen meist zwei Gedanken: Ich sterbe und ich verliere meine Haare", sagt die gelernte Friseurmeisterin. Haare stehen für Weiblichkeit, Schönheit und rahmen das Gesicht ein, wie Nina Baxmann sagt. Wenn der Rahmen fehle, verändere sich das Gesicht. Und: "Eine Glatze macht die Krankheit für jeden sichtbar." Mit einer Perücke könne Frau selbst entscheiden, ob sie ihrem Gegenüber etwas über ihre Krankheit erzählt.

Männer und Perücke?

Eine Glatze macht die Krankheit sichtbar.

Nina Baxmann Zweithaarspezialistin

Viele Chemotherapiepatientinnen seien Kunden bei den Baxmanns. Bei Frauen übernehme die Krankenkasse einen Teil der Perückenkosten, bei Männern nicht. "Eine Glatze gilt bei einem Mann nicht als Beeinträchtigung", sagt die Friseurmeisterin. Und wie viel kostet eine Perücke? Kunsthaarperücken gebe es ab 600 Euro, Echthaar ab 1400 Euro. Es gelte: je feiner, desto teurer.

Zwei Woche nach der ersten Chemo beginne durchschnittlich der Haarausfall, erzählt Baxmann. Nach einer weiteren Woche könne die Haarpracht oft schon weg sein. "Die Kundinnen sind dem Haarausfall eigentlich ausgeliefert und müssen diesem zuschauen." Umso wichtiger sei es, dass die Patientinnen rechtzeitig die Perücke bestellen. "Wir schneiden die restlichen Haare bei einem Termin ab und passen die Perücke an." Glätten, Föhnen, Flechten: Mit einer Echthaarperücke sei dies alles kein Problem.

Ob eine Perücke aus gespendetem Haar ist oder nicht, lasse sich nicht immer nachvollziehen. "Manche Hersteller verarbeiten die Spende ganz normal, bei anderen weiß man, dass die Haare gespendet wurden", erklärt die Friseurin.

Los geht's mit einem Flaum

Ein dreiviertel Jahr gehen die Kundinnen im Durchschnitt gemeinsam mit ihrer Perücke durch den Alltag. "Oft wachsen die Haare wieder nach der letzten Chemo", sagt Nina Baxmann. Es beginne meist mit einem Flaum. Dann komme das "richtige" Haar. "Das kann in Struktur und Farbe anders sein. Wenn die Haare ursprünglich glatt waren, können sie auch lockig werden", erklärt sie.

Zopf: 25, 30 oder 45 Zentimeter?

Unterschiedliche Organisationen sammeln Haare und leiten diese weiter. Die Zopflänge variiert von Organisation zu Organisation, mal sind es 20, mal 25, mal 30 oder 45 Zentimeter Haarlänge, die benötigt wird. Allgemein gilt: Das Haar sollte nicht zu sehr chemisch behandelt sein und zum Verschicken an beiden Enden fixiert werden.

Der Salon "Hofielen" in Gmünd sammelt Haarspenden für den Verein "Die Haarspender". Dieser Verein setzt sich laut Internetseite für Kinder ein. Für eine Perücke werden demnach drei bis fünf gespendete Zöpfe und etwa 360 Euro benötigt. Für Kinder sei die neue Frisur kostenlos.

Auch bei "Style in Artists" in Aalen kann das Haar abgegeben werden. Sie arbeiten mit der Firma Riesewick zusammen. Dort werden Zöpfe ab 25 Zentimetern länge angenommen. Das Haar geht laut Rieswick an die Deutsche Krebshilfe, die Vereine "Horizont" und "It's for kids". Die Empfänger zahlen demnach nichts für die Spende.

Per Post verschickt werden kann das Haar an den Bundesverband Deutscher Zweithaarspezialisten. Dieser sammelt die Zöpfe und verkauft diese an Haarwarenhersteller. Der Erlös werde wiederum an eine gemeinnützige Organisation gespendet.

Die Adressen für eine Haarspende gibt's im Netz unter: www.haare-spenden.de, die www.haarspender.at oder www.bvz-rapunzel.de

Zurück zur Übersicht: Aalen

WEITERE ARTIKEL