Mögglinger erlebt die Wildnis der USA

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Ein Mögglinger ganz oben: Nach rund 1800 Meilen durch den Wald, war die Aussicht auf die White Mountains in New Hampshire für Matthias Bernlöhr der Höhepunkt seiner halbjährigen Reise durch Nordamerika. Insgesamt war er 2200 Meilen, also 3520 Kilometer, unterwegs.

Matthias Bernlöhr war ein halbes Jahr unterwegs, durchstreifte 14 Bundesstaaten, kämpfte gegen Hagel und Sturm und war mit Bären und Schlangen konfrontiert. Ein Interview von Moritz Kuhn.

Mögglingen

Ein halbes Jahr aus dem Alltag ausbrechen, um in der Wildnis Amerikas sich selbst zu finden. Matthias Bernlöhr aus Mögglingen hat sich diesen Traum verwirklicht. Mit nur 20 Kilogramm Rucksackgepäck wanderte er alleine los. Er erlebte Temperaturen von Minus 15 bis Plus 40 Grad, wilde Tiere und riskante Klettertouren. Im Interview erzählt der 32-jährige Software-Entwickler von seiner Zeit auf dem Appalachian Trail durch 14 US-Bundesstaaten.

Vom Büro auf den Trail, wie kam das?

Matthias Bernlöhr: Ich war schon immer viel draußen, habe einen Segelflugschein angefangen, gehe laufen und wandere in den Alpen. Auf den Trail bin ich vor drei oder vier Jahren durch eine Reportage aufmerksam geworden. Aber kurz nach dem Studium war eine sechsmonatige Reise undenkbar. Im Dezember 2016 bin ich an einen Punkt gekommen, an dem ich einfach nicht glücklich war. Mir hat zwar der Job Spaß gemacht, ich hatte viele Freunde – eigentlich war alles gut. Aber irgendwie musste ich einfach mal raus. Nach einer Wandertour durch das Ötztal stieß ich zufällig wieder auf den Appalachian Trail. Der Gedanke daran ging nicht mehr weg. Da wusste ich: Jetzt mach ich das.

Waren Sie alleine unterwegs?

Ich bin alleine gestartet. Dort sind aber so viele unterwegs, pro Jahr etwa 4000 Wanderer, da bist du im Normalfall nie alleine. Es bilden sich schnell "Trail Families". Leute, die gleich schnell unterwegs sind, finden automatisch zusammen. Die ersten drei Wochen war ich aber alleine unterwegs. Dann zwei Wochen mit einer Gruppe, die war mir aber zu langsam. Danach habe ich wieder jemanden kennengelernt. Mit ihm war ich sehr lange unterwegs, bis er vom Trail runter musste. Zum Schluss habe ich zwei Wanderer getroffen, mit denen ich den Rest der Strecke durchgezogen habe.

Was waren die schönsten Stopps?

Die zwei letzten Staaten, New Hampshire und Maine, waren die schönsten. Und mit Abstand das Beste waren die White Mountains in New Hampshire. Die haben so ein bisschen Alpen-Flair. Der Appalachian Trail nennt sich auch "The Green Tunnel", weil du meistens im Wald unterwegs bist. Ausblicke gibt es schon, aber die meiste Zeit bist du im Tunnel. Auf den White Mountains bist du überhalb der Baumgrenze und da sind die Ausblicke Wahnsinn.

Was waren die aufregendsten Situationen?

Laut den Einheimischen hatten wir das schlechteste Wetter seit 40 Jahren. Ich hatte alles von Schneesturm über Hagel bis zu starken Unwettern. Einmal lag ich nachts im Zelt, draußen Unwetter mit Hagel. Die Blitze waren so grell, dass es im Zelt so hell war, als hätte ich eine Lampe an. Man hat die ganze Zeit Bäume umstürzen hören. Ich war allein und hab nur gebetet "Bitte keinen Baum auf mein Zelt". Ich habe keine Minute geschlafen.

Sind Sie Tieren begegnet?

Ja! Ich habe auf dem Trail 19 Bären gesehen und hatte auch zwei nicht so tolle Begegnungen mit Bären. Beim einer wollte ich noch am selben Tag in der Stadt ankommen, weil mir das Essen ausging. Ich bin im Dunkeln los, habe um vier Uhr mit Stirnlampe gefrühstückt, alles gepackt und bin um fünf los. Es war sehr neblig und im Wald hört man die Schritte nicht. Ich bin um eine 180-Grad Kurve und auf einmal stand der Bär vor mir. Wir hätten uns High-Five geben können – Wahnsinn. Der war genau so erschrocken wie ich, wir haben uns einfach nur angeschaut. Er hat sich dann langsam umgedreht und ist weggelaufen. Und in New Jersey habe ich einen Bären getroffen, der definitiv an Menschen gewöhnt war. Er hat mich mit 50 Metern Abstand verfolgt und ließ sich nicht vertreiben. Bestimmt 20 Minuten lang ist er neben mir her gelaufen und hat mich beobachtet. Außerdem sah ich viele giftige Schlangen. Vor allem Klapperschlangen und den Nordamerikanischer Kupferkopf, eine Viper.

Worauf hätten Sie nicht verzichten können?

Du brauchst ein Zelt, einen Schlafsack und eine gewisse Grundkleidung, um dich warm zu halten. Während des Laufens ist es gar kein Problem, in der kurzen Hose zu laufen.

Was wären Tipps für jemanden, der die Reise auch machen möchte?

Sich Gedanken zu machen, was man braucht und das zu testen. Nicht blindlings Sachen zu kaufen. Wenn ich ein bestimmtes Paar Schuhe dabei hatte, das für mich super passt, muss es nicht heißen, dass es für andere auch passt. Die Ausrüstung der Leute unterscheidet sich extrem. Manche hatten eine Art Hängematte, statt einem Zelt. Das wäre für mich bei Regen nichts gewesen.

Sie hatten einen GPS-Tracker dabei. Ihre Route findet man auf Ihrem Internet-Blog. Wie kam es dazu?

Die Idee kam von meiner Mutter. Das Gerät funktioniert überall auf der Welt und hat einen SOS-Knopf und man ist doch alleine unterwegs. Handyempfang gibt's nicht. Falls was passiert, kann ich einen Notruf absetzen. Bei dem Tracking auf der Website kam der Informatiker in mir raus. Eigentlich wollte ich keinen Blog schreiben und auch das Tracking nicht nutzen. Bekannte hatten die Idee, die Reise damit online zu dokumentieren.

Was nehmen Sie von der Reise mit?

Wie man lernt, Kleinigkeiten zu schätzen. Eine Dusche zu haben. Eine richtige Mahlzeit, das schätzt man doch sonst überhaupt nicht mehr. Wir beschweren uns die ganze Zeit, aber wenn man mal drüber nachdenkt: Uns geht's so gut! Das war für mich der richtig große Aha-Effekt. Du triffst dort Leute aus jeglicher Schicht, vom Obdachlosem bis zum Milliardär, übertrieben gesagt. Leute von überall: Amerikaner, Asiaten, Australier, Europäer. Und es ist eine Gemeinschaft. Hier auf der Straße schauen die Leute sich nicht mal an. Dort redet jeder mit dir, du kannst deinen Rucksack überall stehen lassen, ohne Angst zu haben. Das ist etwas, das du in unserer Gemeinschaft heute nicht mehr findest.

Wer mehr über die Reise von Matthias Bernlöhr erfahren möchte, findet auf der Seite www.berniestraillife.com seinen Blog. Dort hat er seine Reise mit Bildern, Texten sowie der Route und Ausrüstung dokumentiert. Auf Instagram gibt es seine Bilder auf dem Profil bernies_trail_life.

Zwischenstopp nach 2000 Meilen.

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