11 000 Seemeilen in 130 Tagen: Die U-Boot-Flucht in die Freiheit, die keine war ...

  • Weitere
    schließen
+
Auf dieser Liste mit der internierten Besatzung von U 530 wurden auch Kommandant Wermuth und Matrose Nellen erfasst.

Vor 75 Jahren lief U 530 mit Kommandant Otto Wermuth aus Aalen am 10. Juli 1945 im Hafen von Mar del Plata ein – mehr als zwei Monate nach Kriegsende. Der damals 24-Jährige führte seine Besatzung von Kiel aus über Norwegen bis vor New York und dann noch nach Argentinien. Bis heute ranken sich viele absurde Gerüchte und Mythen um die "Feindfahrt", die zur Flucht wurde.

Aalen/Mar del Plata

Für die Fischer vor Mar del Plata muss es ein gespenstisches Bild gewesen sein, als sie ihre Netze einholten oder schon auf dem Heimweg waren. Mancher mag sich vor Grusel und Erstaunen die Augen gerieben haben. Im Morgengrauen des 10. Juli 1945 schippert da mit leiser, langsamer Fahrt - angetrieben nur durch Elektrokraft aus den Akkus im Maschinenraum - das arg ramponierte deutsche U-Boot U 530 an ihnen vorbei. Ein abgekämpftes Ungetüm, 76,76 Meter lang, läuft gegen 6.30 Uhr in den Hafen von Mar del Plata ein. Wie ein rostiger Stahlkoloss von Star-Künstler Richard Serra auf dem Seeweg ins Guggenheim-Museum…

Oben auf dem Turm steht Kommandant Oberleutnant zur See Otto Wermuth (24) aus Aalen inmitten seiner Offiziere Karl-Felix Schüller (22), Karl-Heinz Lenz (22), Georg Schlüter (32) und "LI" Peter Leffler (22), dem Leitenden Ingenieur auf U 530. Die völlig erschöpfte Besatzung (54 Mann) tritt in Reih und Glied zum letzten Flaggenappell auf Deck an. Nach 130 Tagen auf See. Mehr als zwei Monate nach der deutschen Kapitulation. Am Ende einer abenteuerlichen U-Bootfahrt über 11 000 Seemeilen.

Wenig später ist der Spuk vorbei, die Kriegsflagge mit dem Hakenkreuz verbrannt, das U-Boot in einem militärischen Akt an die argentinische Marine auf dem Panzerschiff "Belgrano" übergeben, samt der gefalteten zweiten Fahne. Wermuth und seine Crew hoffen auf Asyl im für sie neutralen Argentinien. Dass das bereits seit März nicht mehr so war, hatten sie unter Wasser und mit defektem Funk nicht mitbekommen …

Alle U-Boot-Männer werden in einer Liste erfasst. Der "Comandante" und die "Alferes" (Offiziere), die "Suboficiales" (Maate und Feldwebel) und die "Tropas" (Mannschaftsdienstgrade). Nur acht Kameraden sind älter als Otto Wermuth. Der jüngste Matrose an Bord, Günther Fischer, ist gerade mal 19 – und wie seine 53 Kameraden dank Wermuths Mut in Sicherheit statt tot auf dem Meeresgrund. Wie die Männer in jedem zweiten U-Boot der Kriegsmarine. Jeder Fronteinsatz war ein Himmelfahrtskommando.

Was war bis dahin geschehen auf der mehr als vier Monate langen "Feindfahrt" von U 530, die zur Fluchtfahrt geworden war?

Das U-Boot unter dem Kommandanten von der Ostalb ließ sich auffallend viel Zeit auf dem Weg ins befohlene Operationsgebiet vor New York. Zu viel Zeit, meinte der Befehlshaber der U-Boote (BdU). Und so setzte es am 1. April 1945, so nennen Seeleute das, einen "fetten Anschiss". Keiner an Bord von U 530 ahnte, dass der Feind auch das alles mithörte und die unmissverständliche BdU-Funkbotschaft von 17.11 Uhr trotz Enigmacodes schnell entschlüsselt und ins Englische übersetzt werden konnte. Die Marschleistung von U 530 im Nordatlantik sei "very poor", eben "sehr schwach", heißt es in der abgefangenen Rüffelnachricht aus dem BdU-Hauptquartier.

Was einen klaren, aber etwas seltsamen Grund hatte: Das Langstrecken-U-Boot vom Typ IX C/40 war mit einem Schnorchel ausgestattet. Wermuth ließ es daher bei seinem ersten Kommando immer auf Seerohrtiefe unter Wasser fahren, tauchte also nicht auf, um die Akkus zu laden und frische Luft zu schnappen. Mahnend, aber nicht bitterböse, erinnerte der BdU den jungen Oberleutnant daran, man könne in dieser Region "nachts auch durchaus aufgetaucht fahren" und so viel mehr Strecke machen.

Dass ein U-Boot um einiges schneller unterwegs sein kann, bewies U 548, das eine Woche später in Norwegen gestartet war und U 530 sogar überholte auf dem Weg zur US-Ostküste vor Boston und New York.

Aber vielleicht war es diese Vorsicht, die Otto Wermuth und seinen 53 Kameraden das Leben rettete. War ihm klar, wie aussichtslos der Kampf geworden war? Wollte er Zeit gewinnen, um seine "Jungs" nicht doch noch sinnlos opfern zu müssen?

Mit einzelnen Ausnahmen entschieden wir uns für Argentinien.

Walter Gerhard Nellen Matrose auf U 530

Das eilige U 548 unter Kommandant Oberleutnant zur See Erich Krempl wurde am 19. April 1945 vom US-Zerstörer "USS Reuben James II" versenkt. Alle 58 Mann kamen ums Leben. Krempl wurde nur 23 Jahre alt, starb kurz vor seinem 24. Geburtstag. Otto Wermuth erlebte seinen 25. Geburtstag am 28. Juli 1945 in Südamerika.

Einen Tag später waren der Aalener und seine Männer offiziell Kriegsgefangene der USA. Genau das wollten die Deutschen mit ihrer waghalsigen Fluchtfahrt "ins neutrale Argentinien" eigentlich verhindern. Aber der Traum zerplatzte.

Viele Mythen, Gerüchte und Legenden ranken sich um Wermuths U 530 und U 977 mit Kommandant Heinz Schäffer (24), das sogar erst am 17. August 1945 in Mar del Plata eintraf. War Hitler samt Entourage an Bord? Andere Nazi-Größen und ihre Schätze? Nervengas oder andere Wundermittel und -waffen? Bestaunten die Seeleute durchs Seerohr tatsächlich die Wolkenkratzer und Lichter von New York? Fragen über Fragen – und ganz viel Seemannsgarn.

Mit Dokumenten und Quellen aus Argentinien, Deutschland, Russland, den USA und Großbritannien zeichnen wir die Fahrt von U 530 so exakt wie möglich nach und versuchen zu klären, was genau sich damals abgespielt hat. An den 130 harten Tagen auf See, meistens unter Wasser, in eine bedrückenden Enge. Wie es dort aussah und roch nach dem quälend langen Atlantikmarsch, das mag man sich kaum vorstellen …

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 hatte die Kriegsmarine die U-Boot-Basen in Frankreich verloren. Otto Wermuth lief daher am 19. Februar 1945 von Kiel zu seiner ersten Feindfahrt als "Alter" aus. Es ging zunächst im Verbund mit U 249 und U 1023 nach Horten im Oslo-Fjord, um sich dort mit dem Schnorchelsystem vertraut zu machen, das getauchte Boote vor Angriffen der alliierten U-Boot-Jäger zur See und aus der Luft schützen sollte. Am 3. März 1945 tankte U 530 in Kristiansand noch mal bis auf 225 Tonnen Dieselöl auf (laut "LI" Leffler 20 Tonnen weniger als möglich, um das Boot für die Trimmung stabiler zu machen) und stach in See. Der Proviant des Langstrecken-U-Bootes sollte für 17 Wochen reichen. "Trotz seines fast jugendlichen Alters galt Wermuth mit seinen nur 24 Jahren schon als alter Hase. Denn vor U 530 hatte er bereits länger als Wachoffizier auf dem sehr erfolgreichen Frontboot U 103 gedient", sagt der U-Boot-Historiker Dr. Axel Niestlé über den Kriegsmarineoffizier aus der Ludwigstraße im Aalener Hüttfeld.

Von Wermuth selbst ist außer den Protokollen über die Vernehmungen in der amerikanischen Kriegsgefangenschaft kaum etwas überliefert. Auch nach dem Krieg hat er offenbar nicht viel erzählt, obwohl er viel zu erzählen gehabt hätte nach der Tauchfahrt um die halbe Welt. Einer U-530-Bordkameradschaft blieb er ebenfalls fern. Er schwieg offensichtlich lieber. U-Boot-Historiker Niestlé erklärt das so: "Vielleicht hatte Wermuth nach den Kriegsjahren voller Tod und Verderben einfach für sich mit den Vorgängen abgeschlossen und sich voll und ganz den unbekannten Herausforderungen des Friedens verschrieben. Im Gegensatz zu vielen seiner Kameraden, die gefallen waren, hatte er wenigstens die Gelegenheit hierzu."

Aber jetzt ist ein Augenzeugenbericht aufgetaucht, den ein Matrose von U 530 bereits im Februar 1948 aufgeschrieben hatte und der viel Licht ins Dunkle bringt. Der U-Boot-Mann aus Homberg, das heute zu Duisburg gehört, erinnert sich sehr genau, glaubhaft und ohne Über- oder Untertreibungen an die gefährliche Fahrt unter Wermuths Führung: "Unser Operationsgebiet, welches wir Ende April 1945 erreichten, lag vor der Ostküste der Vereinigten Staaten", schrieb Walter Gerhard Nellen.

Dort lagen kurz vor Kriegsende neben U 530 auch U 190, U 866 und eben U 548 auf der Lauer, um Konvois anzugreifen. U 866 wurde wie U 548 vernichtet, U 190 ergab sich – und wurde dann nach dem Krieg symbolträchtig von den Kanadiern versenkt. Genau an der Stelle, an der U 190 den kanadischen Minenräumer "Esquimalt" mit einem Torpedo vernichtend getroffen hatte. 26 Seeleute kamen bei der Attacke ums Leben.

U 530 hatte für die Jagd vor New York 14 Torpedos an Bord. Ob sie komplett oder teilweise (neun Stück) erfolglos eingesetzt oder absichtlich versenkt bzw. ins Nichts verschossen wurden, auch um Platz zu schaffen, lässt sich auch nach Nellens Bericht nicht abschließend klären. Sicher ist: Erfolgreiche Sabotage durch Zwangsarbeiter machte die Geschosse immer unzuverlässiger. Und freiwillig übergeben wollte man Torpedos auch nicht. Das gebot die soldatische Pflicht. Kaum glaubhaft klingt aber die Version, dass Wermuth bei seiner Fronterfahrung mit 14 Torpedos nichts getroffen haben soll. Und das auch noch unentdeckt. Dann wäre er ein äußerst miserabler Schütze gewesen.

Otto Wermuth galt mit nur 24 schon als alter Hase.

Axel Niestlé U-Boot-Historiker

Wie ging die Reise dann weiter? Matrose Nellen, der damals 20 war, schrieb auf: "In den letzten Apriltagen brach unsere Funkverbindung ab. Aus den dann aufgenommenen, spärlichen und verstümmelten Nachrichten, die allen möglichen Quellen entstammten, entnahmen wir, dass Deutschland zusammengebrochen war."

Unklar bleibt, ob U 530 die klaren deutschen und alliierten Befehle zum Auftauchen und zur Aufgabe tatsächlich nicht bekommen hatte, für falsch bzw. zweifelhaft hielt – oder sie schlichtweg ignorierte. Das Besatzungsmitglied aus dem Ruhrgebiet beschreibt die Szenerie im Boot etwas vage: "Infolge Fehlens entsprechender Anweisungen und um der Gefangenschaft wenn irgend möglich zu entgehen, entschlossen wir uns, nicht zu kapitulieren." Man brauchte Zeit für Gedankenspiele: "Wir setzten uns zunächst einmal von der Küste ab und überlegten, was zu tun sei …"

Schnell kam man auf Portugal und Argentinien. "Mit einzelnen Ausnahmen entschieden wir uns für Argentinien", heißt es in den Erinnerungen des Matrosen, die sich mit Wermuths späteren Angaben in den Vernehmungen weitgehend decken. Und weiter: "Mitte Mai gingen wir auf unseren neuen Kurs, überquerten am 17. Juni 1945 den Äquator und standen in den ersten Julitagen querab der La-Plata-Mündung."

Der Plan, das U-Boot zu versenken und beim berühmten Badeort Miramar nördlich des Hafens von Bahia Blanca an Land zu gehen und um Asyl zu bitten, scheiterte laut Nellen am schlechten Wetter und zu starker Brandung. "Wir steuerten nun den nächsten Hafen Mar del Plata an, den wir in den Abendstunden des 9.7.1945 erreichten."

Alle übrigen Waffen, die Munition, das Kriegstagebuch, alle geheimen Unterlagen und auch die Enigma waren da schon vernichtet. "(Wir) machten in diesen letzten Stunden (auch) das Boot als solches unbrauchbar, indem wir die Dieselmotoren zerstörten und liefen im Morgengrauen des 10.7.1945 mit elektrischer Kraft in den Hafen von Mar del Plata ein."

Die Enttäuschung war groß, als die 54 Deutschen dort erfuhren, wie Argentinien zu ihnen stand, um sie dann zu internieren. Aber sie überlebten den Krieg: "Die Aufnahme … war korrekt. Wir weilten drei Wochen in diesem Land; unsere Tage waren ausgefüllt mit großen und kleinen Beweisen argentinischer Freundschaft", zeichnet Nellen ein freundliches Bild. Und schreibt dann über den Tag nach Otto Wermuths 25. Geburtstag: "Am 29.7.1945 übernahm uns die US-Navy auf dem Flughafen von Buenos Aires in ihren Gewahrsam und brachte uns mit vier Maschinen der Marineluftwaffe in einer viertägigen Reise über Rio de Janeiro, Pernambuco (und) Trinidad nach Miami, Florida."

Nach dem Einlaufen von U 530 in Mar del Plata brodelte die Gerüchteküche. Auch über eine Nazi-Entourage mit Hitler und Eva Braun wurde spekuliert. Über geheime Sondermissionen, Endsieg-Wunderwaffen und Nazi-Führer an Bord verlor Matrose Nellen jedoch kein Wort. Was den Schluss zulässt: Es gab keine Geheimnisse. Denn ein Geheimnis hat nirgends weniger Platz als auf einem U-Boot mit 54 Männern auf allerengstem Raum, die alle bis zu ihrem Lebensende eisern hätten schweigen müssen …

Otto Wermuth starb im Februar 2011, wenige Tage nach seiner Frau Hanna, im Alter von 90 Jahren. Beide liegen auf dem Aalener Waldfriedhof.

Am 10. Juli, genau 75 Jahre nach dem Ende der berüchtigten 11 000-Seemeilenfahrt von U 530, lesen Sie: Wer war der Aalener, der das U-Boot sicher nach Argentinien führte? Was sagte Otto Wermuth in den Vernehmungen? Ist doch was dran an Mythen und Gerüchten? Und wie lebte der stille Kriegsveteran nach dem Krieg in seiner schwäbischen Heimat?

Damian Imöhl und Erwin Hafner

Der Aalener Otto Wermuth führte U 530 von Kiel über Norwegen bis vor New York und dann südlich bis nach Mar del Plata.
Das ramponierte Unterseeboot war stark angerostet, wirkte ohne Deckgeschütze und mit eingedrücktem Turm wie ein Geisterschiff, als es in Mar del Plata einlief. Alle Waffen und die Munition hatte Wermuths Crew versenkt.
Die Alliierten hörten auch diesen Rüffel-Funkspruch an U 530 ab: Kommandant Wermuth sollte mutiger sein und schneller fahren.
Stählerne Kriegsbeute: U 530 (hinten) und U 977 wurden in Argentinien von der US Navy übernommen, in die USA geschleppt und bei Torpedoversuchen versenkt. Hier liegen die beiden U-Boote einem Zwischenstopp in Rio de Janeiro an der berühmten IlhaFiscal. Grafik/Fotos: Carmen Apprich, Axel Niestlé, afn, opo, DI

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL