17 von 1087 Straßen sind in Aalen nach Frauen benannt

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Die Philosophin Edith Stein wurde in Auschwitz ermordet, weil sie jüdischer Herkunft war. Auf dem Bürgle ist eine Straße nach ihr benannt. Die Straße nebenan ist nach Friedrich Ebert benannt, dem ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik. 209 Straße
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1087 Straßen gibt es im Stadtgebiet. In Aalen wird der Wunsch laut, dass mehr davon weibliche Namen tragen. Aktuell werden „Am Tannenwäldle“ Straßennamen gesucht.

Aalen

Die Zahlen sind eindeutig. Genau 1087 Straßen gibt es im Aalener Stadtgebiet. 852 davon sind nach einem Gewann, einem Tier oder einer Pflanze benannt. Also zum Beispiel die Langertstraße, der Hermelinweg oder die Fliederstraße. 235 Straßen sind nach Personen oder Vornamen benannt. 209 davon männlich und 24 weiblich. Zwei Straßen sind quasi gemischt: Die Geschwister-Schabel-Straße und der Geschwister-Scholl-Platz.

Die Zahlen nennt die Stadtverwaltung auf Anfrage und stellt dazu eine Tabelle zur Verfügung, in der alle Straßennamen in Aalen verzeichnet sind. Dazu ist vermerkt, auf wen oder was die Namen zurückgehen. Ein genauerer Blick in diese Tabelle lohnt sich. Denn bei fünf der weiblichen Straßennamen (Annastraße, Amalienstraße, Helenenstraße, Karolinenstraße und Luisenstraße) ist da nur „weiblicher Vorname“ vermerkt. Anders als zum Beispiel bei der Olgastraße. Sie ist nach Königin Olga benannt. Zwei weitere Straßen, der Magdalenenweg und die Marienstraße, sind laut Tabelle nicht direkt nach einer den Heiligen, sondern nach der Magdalenenkapelle und nach der Marienkirche benannt. Zieht man diese sieben Straßen ab, bleiben also noch 17 Straßen, die tatsächlich nach Frauen benannt sind.

Diskussion im Rat: Dass nur so wenige Straßen im Stadtgebiet weibliche Namen tragen, wird in Aalen im Moment heiß diskutiert. Der Anstoß: Der Gemeinderat befasst sich damit, wie die Straßen im neuen Baugebiet „Am Tannwäldle“ heißen sollen. Die Verwaltung hat vorgeschlagen: „Am Tannenwäldle“ nach dem Gewann, „Paul-Bonatz-Straße“ nach dem Architekten, der für den Bau des Schubart-Gymnasiums verantwortlich war und „Günter-Behnisch-Straße“, nach dem Architekten, der die Aalener Hochschule entworfen hat.

Oberbürgermeister Frederick Brütting hat nach eigenen Angaben die Vorlage zurückgegeben ins zuständige Fachamt mit der Bitte, dem Rat doch auch einen Vorschlag für eine Frau zu unterbreiten, nach der eine Straße benannt werden könnte. Doch in der Kategorie „Architekten, die einen Bezug nach Aalen haben“ habe man keine Frau gefunden.

Hintergrund ist, dass Straßennamen in Aalen oft thematisch vergeben werden. In einer Siedlung finden sich die Dichter und die Dichterin (Droste-Hülshoff-Weg), in einer anderen die Maler und die Malerin (Gabriele-Münter-Weg), wieder in einer anderen die Komponisten. Unter ihnen ist keine Frau. Der Schumannweg ist nicht etwa nach Clara, sondern nach Robert Schumann benannt.

Vorschlag Lina Hähnle: So sollten es „Am Tannenwäldle“ die Architekten sein. Monika Brauch-Siedler (Grüne) machte in der Vorberatung im Ausschuss für Kultur, Bildung und Finanzen einen anderen Vorschlag, nämlich die Straße nach Lina Hähnle zu benennen. Sie hat 1899 in Stuttgart den „Bund für Vogelschutz“ gegründet, den Vorläufer des heutigen Nabu. Da es sich beim Tannenwälde um ein nachhaltiges Quartier handle, so argumentiert Brauch-Siedler, würde Lina Hähnle sehr gut passen. Entschieden ist bisher noch nichts. Laut Sitzungsvorlage steht das Thema am Donnerstag, 17. Januar, auf der Tagesordnung im Gemeinderat.

Vorschlag Brigitte Geßler: Die Aalener Soroptimistinnen bringen einen weiteren Vorschlag ins Spiel: Brigitte Geßler. Sie hat auf dem Rötenberg das Jugend- und Nachbarschaftszentrum aufgebaut, wie es damals noch hieß, und dort Kinder und Jugendliche bei den Hausaufgaben betreut oder bei Bewerbungen geholfen. So erzählt es Marietta Hageney, die 2012, als Geßler verstarb, Präsidentin des SI-Clubs Aalen war. Speziell habe sie sich auch bei Familien auf dem Rötenberg dafür eingesetzt, dass Mädchen ins Nachbarschaftszentrum kommen durften. „Auch manche Zwangsverheiratung hat sie verhindert“, sagt Hageney über Geßler. Eine Gynäkologin mit türkischen Wurzeln, die auf dem Rötenberg groß geworden ist, sei ihr noch heute dankbar und ist überzeugt, dass sie ohne die Hilfe Geßlers nie geworden wäre, was sie heute ist. „Brigitte Geßler hat den Rötenberg-Mädchen gezeigt, Träume zu haben und sie festzuhalten“, sagt Hageney.

Wie die Diskussion um die weiblichen Straßennamen in den sozialen Medien teilweise geführt wird, kritisiert sie. „Habt ihr keine wichtigeren Themen?“, heißt es da oft. „Das ist wichtig!“, ist sich Hageney sicher. Frauen müssten in allen Bereichen noch sichtbarer werden. Da gehörten auch Straßennamen dazu.

Existierende weibliche Straßennamen in Aalen

1087 Straßen gibt es in Aalen. 233 davon sind nach Personen oder Vornamen benannt. 209 männlich und 24 weiblich. Fünf Straßen tragen weibliche Vornamen: Annastraße, Amalienstraße, Helenenstraße, Karolinenstraße und Luisenstraße

Zwei Straßen sind nach einer Kapelle oder nach einer Kirche benannt: Magdalenweg und Marienstraße

Diese 17 Straßen sind nach einer Frau benannt: Auguste-Kessler-Straße, Barbarastraße, Bertha-von-Suttner-Weg, Caroline-Fürgang-Straße, Droste-Hülshoff-Weg, Edith-Stein-Weg, Elisabethenstraße, Fanny-Kahn-Weg, Gabriele-Münter-Weg, Hannah-Arendt-Straße, Hilde-Domin-Straße, Katharinenstraße, Lise-Meitner-Straße, Luise-Hartmann-Straße, Olgastraße, Paulinenstraße und die Schwester-Ingona-Straße.

Vorgeschlagene weibliche Straßennamen für Aalen

Umfrage: Braucht Aalen mehr weibliche Straßennamen? Über diese Frage konnten die SchwäPo-Leserinnen und -Leser online abstimmen. Beteiligt haben sich 386 Menschen. 218 (56,48 Prozent) sind dafür. Dagegen 148 (38,34 Prozent). 20 (5,18 Prozent) haben keine Meinung dazu.

Vorschläge: Auf Facebook und Instagram sind zahlreiche Vorschläge bei uns eingegangen. Hier eine Auswahl: Brigitte Geßler (Gründerin Nachbarschaftszentrum Rötenberg), Bahide Arslan (ermordet beim Brandanschlag von Mölln), Franziska Tiburtius (Ärztin), Helene Lange, Elisabeth Selbert (Politikerinnen), Friederike Nadig (eine der Mütter des Grundgesetzes), Frida Kahlo, Käthe Kollwitz (Malerinnen), Elly Beinhorn, Melli Beese (Pilotinnen), Rosa Parks (Bürgerrechtlerin), Bertha Benz (Automobil-Pionierin), Angela Merkel (Bundeskanzlerin)

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