1945: Wie sich Aalen neu stimmt

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CD wie Cover von Hand gemacht und selbst produziert: Soundkünstler und Hörpoet Martyn Schmidt hält sein Werk "kammerton a'a – Aalen nach dem Krieg" in den Händen.
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75 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs komponiert Martyn Schmidt ein Hörpoem mit den ersten demokratischen Melodien der Nachkriegsstadt Aalen.

Aalen

Ohne Ulrich Pfeifle gäb's jetzt keinen "kammerton a'a". So viel vorweg. Denn indirekt ist von Aalens Alt-OB die Inspiration ausgegangen für das gleichnamige Hörpoem mit dem Untertitel "Aalen nach dem Krieg". Komponiert, getextet und mithilfe von Aalener Stimmen stimmig gemacht hat diese Hörkunst Soundartist und Poet Martyn Schmidt, der gebürtig aus Wasseralfingen stammt.

"Meine Idee zu diesem Stück ist entstanden, nachdem ich Pfeifles Buch ‘Wenn ich's nicht selbst erlebt hätte' gelesen hatte", erzählt Schmidt. In den Geschichten und Geschichtchen aus seiner 30-jährigen Amtszeit als OB erwähnt Pfeifle auch Karl Otto Balluff, der auf Anordnung der amerikanischen Militärregierung am 9. Juli 1945 den seit 1934 amtierenden Aalener Bürgermeister Dr. Karl Schübel bis zum Jahr 1950 ablöst. Mit der Erhebung Aalens zur "Unmittelbaren Kreisstadt" wird Balluff 1947 erster Aalener Nachkriegs-Oberbürgermeister.

"Das hat mich irgendwie bewegt, dass da unmittelbar nach dem NS-Regime so ein aufrechter Mann an die Stadtspitze kam, der ursprünglich den Beruf eines Schreiners und Klaviermechanikers gelernt hatte. Und der nach seiner Rückkehr aus dem ersten Weltkrieg in die christlich geprägte Zentrumspartei eintrat", erzählt Martyn Schmidt.

Anfangs, so berichtet er weiter, habe er die CD ausschließlich als eine Erinnerung an Balluff geplant. "Entstanden ist aber letztlich im 75. Gedenkjahr des Kriegsendes ein poetisch-musikalisches Klanggedicht über die Stadt Aalen, die 1945 und in den Folgejahren gleich einem Klavier neu gestimmt und repariert wird."

Martyn Schmidt hat 80 Minuten mit 28 Kapiteln Klanggedicht zwischen dokumentarischer Soundart und kunstvollem Radiofeature auf CD gebrannt. Dazwischen O-Töne von Zeitzeugen, beispielsweise vom ehemaligen SchwäPo-Chefredakteur Erwin Hafner, und von Hermann Mößner, Sohn des früheren Klavierstimmers der ehemaligen Aalener Klavierfabrik Haegele. Die Aalener Literaturredakteurin Anne Kullmann liest das Gedicht "Mein blaues Klavier" der jüdischen Dichterin Else Laske-Schüler und der Ebnater Klavierbaumeister Klaus Striegel erzählt von der Historie des Aalener Haegele-Klaviers.

Vergessene Details der Aalener Nachkriegsgeschichte

Das Klangbild vermittelt einen Eindruck davon, wie die Stadt Aalen ab 1945 gleich einem Klavier neu gestimmt wird.

Martyn Schmidt Soundartist und Poet

Während der aufwendigen Recherche – auch mit Unterstützung des Aalener Stadtarchivars Dr. Georg Wendt – förderte Schmidt einige bereits vergessene Details der Aalener Nachkriegsgeschichte ans Tageslicht. Beispielsweise, dass die einstige Aalener Klavierfabrik Haegele in der Bahnhofstraße von Mai 1945 bis 1947 als ein Ort der Spruchkammerverfahren zur Entnazifizierung diente – ebenfalls wie die Räume des früheren Finanzamts in der Bahnhofstraße.

O-Töne und Interviews hinterlegt der Klangkünstler mit Hintergrundakustik – etwa vom heutigen Verkehrslärm auf der Bahnhofstraße dort, wo die Klavierfabrik Haegele einst ihren Sitz hatte. Oder er mischt das Knarzen eines Haegele-Klaviers mit den Arbeitsgeräuschen der Ebnater Klavierwerkstatt Striegel. Der Klangkünstler selbst ergänzt die Aufnahmen mit Wortbeiträgen; etwa mit der Rezitation einer Passage aus dem Klavierbau-Standartwerk "Taste und Hebelied des Klaviers" von Dr. Walter Pfeiffer.

Die CD endet mit den mahnenden Glockenklängen von der Schillerhöhe, die sich in die Abendklänge der darunter liegenden Stadt mischen. Martyn Schmidt: "Was bleibt, ist der Klang der Freiheit, der bis heute in die Resonanzräume von Frieden und Demokratie nachhallt."

Teilerlös für Advent der guten Tat: Nicht nur das Hörpoem "kammerton a'a" selbst, sondern auch der Einband, das Cover einer jeden CD, ist liebevoll von Hand gemacht. Die CD ist zum Preis von 22 Euro vorerst bei der Tourist-Info Aalen und der Buchhandlung Henne in Wasseralfingen erhältlich. Und auch beim Erbsensuppenverkauf in Dosen für die SchwäPo-Aktion Advent der guten Tat am Samstag, 19. Dezember, ab 9 Uhr vor dem Aalener Rathaus werden einige Exemplare zum Verkauf ausliegen. Denn: "Ein Teilerlös aus dem Dezemberverkauf der CD kommt der SchwäPo-Hilfsaktion zugute", verspricht Klangkünstler Martyn Schmidt.

Bestellungen per Mail sind möglich: martynschmidt@posteo.de oder auf www.martynschmidt.de

Der Heimat gewidmet

Martyn Schmidt, Jahrgang 1969, stammt aus Wasseralfingen. Der 51-Jährige ist Soundartist, Musiker und Lyriker. 2013 wurde ihm der von der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen geförderte 1. Preis für grenzüberschreitende Kunst verliehen.

Liebeserklärung an die Heimat: Martyn Schmidt greift in seinen Werken immer die Heimat als Thema auf, die Ostalb, Wasseralfingen und Aalen. In diesem Geiste komponierte er auch die Klanginstallation "scALA ad caelum", aufgeführt 2017 in der Aalener Stadtkirche. Aktuell arbeitet Martyn Schmidt an einer Vertonung des Wasseralfinger Sieger-Köder-Altars.

Klavierstimmer Eugen Mößner
Die frühere Aalener Klavierfabrik Haegele in der Bahnhofstraße. 1973 wurde das Unternehmen aufgegeben.

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