Mein Traumberuf: 30 Jahre Oberbürgermeister

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Ulrich Pfeifle erzählt, warum er gerne 30 Jahre lang Oberbürgermeister der Stadt Aalen war. Dabei packt er viele spannende Erinnerungen aus. 
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Ulrich Pfeifle war 30 Jahre lang Oberbürgermeister von Aalen. Die beiden letzten Schultes machten nur eine Amtszeit. Am kommenden Sonntag, 4. Juli, wird eine neue Oberbürgermeisterin oder ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Pfeifle erzählt, wieso er drei Jahrzehnte gerne OB in Aalen war. Eine Liebeserklärung und eine Gebrauchsanweisung fürs OB-Amt. 

Ulrich Pfeifle: Immer wieder stoße ich auf Unverständnis bei meinen Mitmenschen, wenn ich auch heute noch, bereits eineinhalbe Jahrzehnte im Ruhestand, bekenne, dass ich 30 Jahre lang gerne OB war. Ja, dass ich es nie bereut habe und dass ich den Beruf heute sofort wieder machen würde, was allerdings zum Glück aus Altersgründen nicht möglich ist. Noch größer ist das Erstaunen, wenn ich sage, dass es zumindest im öffentlichen Bereich keinen schöneren Beruf gibt. Allerdings ist mir nunmehr auch klarer als damals: Man muss sich zu diesem Beruf im wahrsten Sinne des Wortes berufen fühlen und man muss schon gewisse Qualitäten mitbringen. Und wahr ist auch: heute ist dieses Amt noch schwerer durchzustehen als damals vor einigen Jahrzehnten.

Wenn nach 16 Jahren nunmehr bereits mein(e) dritte dritte Nachfolger/in auf meinen Chefsessel klettert, dann spricht dies schon Bände. Grundsätzlich sollte ein OB im Hinblick auf die Langfristigkeit kommunaler Entwicklungen, mindestens zwei Amtsperioden, also 16 Jahre im Amt sein.

Kleine Herrgöttle

Die Schwaben bezeichnen ihre Bürgermeister gerne als kleine Herrgöttle, so wie das früher bei den Chefärzten der Fall war. Und das kommt ja auch nicht von ungefähr. Die baden-württembergische Gemeindeordnung gibt dem Bürgermeister ein gehöriges Maß an Macht, wenn er sie denn richtig einsetzt.

Man muss schon gewisse Qualitäten für diesen Beruf mitbringen.“

Ulrich Pfeifle, Oberbürgermeister a.D.

Man ist zum einen Chef der Verwaltung: Im Falle Aalen waren dies immerhin weit über 1000 Menschen. Das heißt, man muss führen können und wollen. Das bedeutet: man muss immer vorangehen, dabei aber auch anderen, z.B. den Dezernenten oder Amtsleitern, Luft zum Atmen lassen. Die Balance ist mir, so glaube ich jedenfalls, ganz gut gelungen. Zusammen mit den Beigeordneten, dem Kämmerer und dem Pressesprecher, waren wir ein echtes Führungsteam. Gemeinderat und Presse wussten ganz genau, dass man uns nicht auseinanderdividieren konnte. Wir diskutierten sehr wohl um die richtigen Lösungen. Aber, wenn diese gefunden waren, dann vertraten wir diese auch unisono.

Zur Stadtverwaltung oder anders ausgedrückt zum Konzern Stadt gehörten und gehören in Aalen natürlich noch zahlreiche andere Organisationseinheiten wie z. B. Stadtwerke, Wohnungsbau Feuerwehr, Musikschule, Theater und vieles andere mehr. Auch deren Chef ist man, auch überall dort wird Führung erwartet. Führung heißt vor allem auch das klare Setzen von Zielen und Vorgaben. Und das wiederum erfordert Ideen. Gelegentlich dürfen es auch „Schnapsideen“ sein, vor allem, wenn sich im Nachhinein diese Schnapsideen als machbar und erfolgreich erweisen.

Früher selbst im Personalrat

Besonders spannend sind für den Verwaltungschef die einmal jährlich stattfindenden Personalversammlungen. In Aalen finden diese in der Stadthalle statt, die immer sehr gut besetzt war. Die Veranstaltung wird vom Personalrat einberufen und geleitet. Der OB darf eine Ansprache beliebiger Länge halten. Spannend ist natürlich der Verlauf der Diskussion. Daraus kann man als Verwaltungschef schon seine Schlüsse ziehen auf die Gesamtstimmung in der Belegschaft. Oft gab es überhaupt keine Wortmeldungen; wenn welche kamen, waren sie meist sehr harmlos. Es ging in aller Regel um irgendwelche sozialen Verbesserungen für die Beschäftigten. Eine aggressive Stimmung ist mir nie begegnet. Manchmal lästig waren lediglich die arg ausufernden Ausführungen der entsandten Gewerkschaftsvertreter. Das ging mir auf den Wecker, obwohl ich selbst Mitglied der ÖTV war, und bei meiner letzten Tätigkeit im Regierungspräsidium Tübingen sogar selbst dem Personaltat angehörte.

In meinen Anfangsjahren als Chef der Aalener Stadtverwaltung gab es noch große gemeinsame Betriebsausflüge. Das waren echte Events mit Sonderzug, z.B. an den Bodensee oder nach Oberstdorf. Wir sind in die jeweiligen Zielorte regelrecht eingefallen und okkupierten dort sämtliche Lokale. Auch im Zug mangelte es an nichts. Jedes Amt belegte seinen eigenen Wagen; es gab zwei Bistrowagen und für die Heimfahrt zwei Tanzwagen. Dies alles ist heute undenkbar, und trotzdem war es schade, dass im Lauf der Zeit die Betriebsausflüge immer kleiner wurden, und letztlich ganz dem Rotstift zum Opfer fielen.

Handschlag zur Begrüßung

Der große Betriebsausflug gab mir einmal im Jahr die Gelegenheit, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter per Handschlag zu begrüßen. Ich brauchte dafür praktisch die ganze Hinfahrt, bis ich den kompletten Zug mit allen Waggons durchgemacht hatte. Aber schön war‘s trotzdem. Eine zweite Art der Direktbegegnung mìt den Beschäftigten schuf ich in der Adventszeit. Da suchte ich als Überraschungsgast jedes Büro auf mit Dank und guten Wünschen zum Jahreswechsel.

Pfeile hält eine Lesung im Gutenbergcasino.

Neben der Aufgabe als Verwaltungschef ist man gleichzeitig Vorsitzender im Gemeinderat und all seinen Unterausschüssen: Das ist eine Aufgabe, die vielen Kollegen und Kolleginnen immer schwerer fällt. Nach der Gemeindeordnung ist ja der Gemeinderat das oberste Organ der Stadt. Er gibt, vor allem im Haushaltsplan, der Stadtverwaltung die Vorgaben. Dies ist, wie gesagt, das Ideal der Gemeindeordnung. De facto werden aber die allermeisten kommunalpolitischen Ideen genauso wie der dazugehörige Haushaltsplan im Schoße der Verwaltung geboren und dann dem Gemeinderat zur Beschlussfassung vorgelegt. Das geht auch gar nicht anders, weil die Mitglieder des Gemeinderates ja Feierabendpolitiker sind, die sich in aller Regel nur in ihrer Freizeit mit der Kommunalpolitik beschäftigen und gleichzeitig einer übermächtigen Verwaltung gegenüberstehen. Aus diesem Widerspruch heraus ergibt sich zwangsläufig viel Konfliktpotential zwischen Bürgermeister und Gemeinderat. Der Bürgermeister muss viel Fingerspitzengefühl entwickeln, um stets die richtige Balance im Gemeinderat zu finden. Gott sei Dank ist es mir fast immer gelungen, vor allem durch intensive Telefondiplomatie im Vorfeld der Sitzungen, unnötige Frontenbildungen zu verhindern. Dazu beigetragen hat sicher auch, dass ich nie nach parteipolitischen Mehrheiten suchte, sondern einzig und allein meinen Vorschlag durchbringen wollte. Und da war mir jeder gleich lieb, der zustimmte. Bevor bei den besonders langen Haushaltsplanberatungen die Stimmung zu kippen drohte, lud ich eine Sportlehrerin in den Gemeinderat ein, um mit uns ein paar Lockerungsübungen zu machen. Die Raucher gingen so lange nach draußen. Ansonsten mussten die stundenlangen Nachsitzungen im Ratskeller dazu herhalten, entstandene Blockbildungen wieder aufzulösen. Das gelang meistens. Nicht verschwiegen sei allerdings, dass es im Aalener Gemeinderat schon seit Jahrzehnten ein paar Dauerstreithälse gibt.

Unter die Leute mischen

Die dritte und für mich schönste Aufgabe des Bürgermeisters ist die Vertretung der Stadt inklusive der zahlreichen Repräsentationsaufgaben. Das heißt vor allem, man muss kommunikativ sein, man muss unter die Leute gehen. Das habe ich gerne und reichlich getan. Die Palette reicht von Geburtstagsbesuchen bei Hochbetagten bis zu Firmenbesuchen; von der Vertretung der Stadt in zahlreichen überregionalen Gremien bis zu Kontakten mit den Partnerstädten; von der Teilnahme an Kinderfesten bis zu Kulturveranstaltungen: von Grußworten im Bierzelt (möglichst kurz) bis zu Trauerreden; von Literaturpreisverleihungen bis zu Preisverleihungen beim Kleintierzuchtverein; von der Teilnahme an Sportveranstaltungen bis zur Übergabe von Feuerwehrfahrzeugen. Ich könnte die Liste beliebig fortsetzen. Sie ist so bunt wie das Leben. Dies alles ist ein enormer Zeitaufwand.

Wenn andere Menschen sich am Freitag um 12 Uhr in das Wochenende begeben, beginnt für den Bürgermeister der zweite Teil der Woche. Es gab, vor allem im Sommer, durchaus Wochenenden, an denen ich fünf oder mehr Termine wahrnahm Und das 30 Jahre lang und fast immer mit Freude! Wenn man dies nur widerwillig macht oder wenn die Familie, verständlicher Weise, dauernd mosert, dann sollte man die Finger von diesem Job lassen. Ich glaube, die Menschen in der Stadt haben gespürt, dass ich gerne und jederzeit für sie da war, und deshalb haben sie mich auch immer wieder gewählt, insgesamt vier Mal und das auch noch mit immer besseren Ergebnissen.

30 Jahre lang war Ulrich Pfeifle Oberbürgermeister in Aalen.

Natürlich spielen in diesem Beruf die Medien eine entscheidende Rolle. Ohne sie wären die Bürgerinnen und Bürger ja nur sehr rudimentär über das kommunale Geschehen informiert. Den Tageszeitungen kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Und dabei ganz wichtig ist die Qualität der Journalisten, mit denen man zu tun hat. Ich hatte Glück mit der Presse und zwar in zweierlei Hinsicht: es war und ist toll, dass es in Aalen zwei Zeitungen gibt, die miteinander im Wettbewerb stehen. Dadurch können sich beide keinen groben Schnitzer erlauben. Und beide hatten auch langgediente, erfahrene und qualifizierte Redakteure. Wenn ich es verdient hatte, hauten sie mich auch einmal kräftig in die Pfanne. Aber ich nahm das nicht krumm, sondern versuchte, es besser zu machen. Und nur drei Mal in 30 Jahren beschwerte ich mich bei der Presse. Da fühlte ich mich (zu Recht) schlicht ungerecht behandelt.

Umgang mit Medien

Bezüglich der Medien hat sich die Situation schon verändert. Die Zahl der Zeitungsabonnenten ist rückläufig; die neuen, fälschlicherweise so genannten sozialen Medien sind entstanden. Viele Zeitgenossen informieren sich nur noch dort und lassen ungefiltert ihren Frust ab. Dem ist man als Kommunalpolitiker relativ schutzlos ausgesetzt. Wenn einem früher irgendeine Aktion des Bürgermeisters nicht gepasst hat, dann musste man sich der Mühe unterziehen, einen Leserbrief zu schreiben und zu unterschreiben, ihn zur Post bringen und das Abdrucken abwarten. Heute hämmert man via Handy in Sekunden seinen Frust anonym raus. Aber Gott sei Dank gibt es auch heute noch zahlreiche Leserbriefschreiber und Gott sei Dank informieren auch heute noch die Zeitungen sehr breit über das kommunale Geschehen.

Auch das Instrument der Bürgerversammlung im klassischen Sinn hat sehr an Bedeutung verloren. Ich habe regelmäßig in der Aalener Stadthallte und in den Stadtbezirken sehr gut besuchte Bürgerversammlungen abgehalten. Dort legte ich allumfassend über meine Arbeit Rechenschaft ab, und zwar nicht nur vor Wahlen.

Ohne den großartigen Einsatz meiner Frau in all den Jahren wäre mein Beruf, zumindest so, wie ich ihn ausgeführt habe, nicht möglich gewesen.“

Ulrich Pfeifle, Oberbürgermeister a.D.

Was aber machte dieses manchmal fast übertriebene Engagement mit der Familie?

Auf einen einfachen Nenner gebracht: Der Beruf ist eine absolute Zumutung für die Familie. Ich hatte extrem wenig Zeit für meine Frau und die drei Kinder. Ohne den großartigen Einsatz meiner Frau in all den Jahren wäre mein Beruf, zumindest so, wie ich ihn ausgeführt habe, nicht möglich gewesen. Sie war der Fels in der Brandung. Sie war für die Kinder da, hat ihren Lehrerinnenberuf aufgegeben und ich muss heute unumwunden zugeben, dass ich einen nur sehr geringen Anteil an der Erziehung der Kinder hatte. Einige der Versäumnisse versuche ich heute bei unseren acht Enkeln aufzuholen.

Ein besonderer Leserbrief

Beim Niederschreiben dieser Erinnerungen ist mir ein in der Schwäbischen Post erschienener Leserbrief in die Hände gefallen. Er wurde am 21. Oktober 1983 veröffentlicht und stammte vom damaligen und heutigen Stadtrat Albrecht Schmid. Er verfasste den Brief nach der Teilnahme an meiner Wahlparty anlässlich meiner ersten Wiederwahl. Nach einleitenden Worten zu meiner Wahlparty beschreibt er sehr treffend und einfühlsam die Situation der Familie in einer Bürgermeisterfamilie. Dem ist nichts hinzuzufügen.

„Doch plötzlich verstummt im Saal die humorige Runde. Die drei Pfeifle-Kinder treten auf, sie haben einen seltsamen Gesellen dabei- einen sprechenden Roboter. Er ist höflich genug, sich vorzustellen: der neue Doppelgänger des OB. Dieser Maschinenmensch, trotz seiner monotonen Stimme, scheint ein guter Mensch zu sein. Sein Herz für Kinder scheint größer zu sein, als das der normalen Menschen. Er bietet sich an, die vielen Funktionen des OB, die ihn abends und am Wochenende aus dem Haus zwingen, zu übernehmen, denn die Kinder bräuchten ihren Vater. Eine Kette, die ihm die Kinder überstreiften, verleiht ihm zweifellos Würde.

Ein toller Spaß, ein Gag? Die Szene macht einen lachen, aber gleichzeitig nachdenklich. Wie brutal ergreift doch die Gesellschaft Besitz von ihren Volksvertretern? In welche Nöte stürzt die Gesellschaft ihre Prominenten, die vor lauter Repräsentationspflichten und Arbeit sich schuldig fühlen müssen, für ihre Kinder nicht genügend Zeit und Muße zu haben? Ist der Artikel 6 des Grundgesetzes, „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“ nicht auch so zu verstehen, dass ein Politiker auch Familienvater sein darf? Kinder können sich oft nicht wehren; doch manchmal sind sie so erfinderisch, dass wir uns ihren Signalen nicht entziehen können. Dem OB sei angeraten, dann, wenn seine Kinder ihn brauchen, den Roboter mit Amtskette zu entsenden. Ein Unmensch wäre, wer diesen Wink dann nicht versteht“.

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