Aalen City: Bei den Händlern brennt's

  • Weitere
    schließen
+
Die Geschäfte geschlossen, wochenlang kein Umsatz, die Lager pickepackevoll. Dass es einmal so weit kommen könnte, hätte Claus Albrecht, Seniorchef von Herrenmode Saturn, bis vor einem Jahr noch nicht gedacht.
  • schließen

Der Corona-Winter lässt Umsätze einfrieren. Aalener Händler stecken bereits in einer Liquiditätsklemme. Claus Albrecht leistet Pionierarbeit und fordert schnelle Hilfen von der Politik.

Aalen

Es ist fünf nach zwölf. "Viele Händler haben ihren Kreditrahmen schon ausgeschöpft und können ihre Ware nicht mehr bezahlen. Es brennt." Claus Albrecht, Seniorchef von Saturn Herrenmode am Spritzenhausplatz, öffnet die Türen zu den Lagerräumen des Modegeschäfts. Alles pickepackevoll mit bezahlter, aber unverkaufter aktueller Winterware. "Bei diesem Anblick bekommen Sie als Unternehmer Tränen in die Augen. Dass es einmal so weit kommt ..."

Für die Händler ist es die siebte Woche des Lockdown II, den die Politik verlängert hat bis – vorerst – Mitte Februar. Heißt: Mindestens neun Wochen lang wird dann keine Ware über den Ladentisch gegangen sein. Ein Corona-Winter, der Umsätze buchstäblich einfrieren lässt und viele Händler vor Liquiditätsprobleme stellt. Die Situation: Die Lager sind voll, gleichzeitig kommt die noch vor der Pandemie georderte Frühjahrsware an und will innerhalb von zehn Tagen bezahlt werden, will man vom Skonto profitieren.

"Deswegen ist es so wichtig, dass die Auszahlung der Hilfen für die Einzelhändler jetzt schnell in Gang kommt", sagt Albrecht, Vorsitzender im Bund der Selbstständigen. Damit meint er vor allem die von der Bundespolitik zugesagte Überbrückungshilfe III. "Ich bin sehr angetan von der Politik und davon, dass sie sich mit den Themen Fixkosten und Warenlager auseinandersetzt und für die finanziellen Hilfen großzügig Gelder zur Verfügung stellt", schickt der Unternehmer voraus.

Was ihn allerdings umtreibt, ist die Tatsache, dass es bis jetzt noch keine Antragsformulare gibt. Und dass eine Beantragung dieser Überbrückungshilfe III erst im Februar möglich ist. Die reguläre Auszahlung soll dann im März erfolgen. Bei der Überbrückungshilfe für den Einzelhandel geht es in erster Linie um eine anteilige Erstattung der Fixkosten sowie um die Möglichkeit, Verluste aufgrund von nicht-verkaufter Ware steuerlich abzusetzen. "Im ersten Lockdown gab es für die Händler eine Pauschale. Seither ist bei uns nichts mehr angekommen", berichtet Albrecht.

Umsatzverlust von 40 Prozent

Und noch dazu seien jetzt mit dem Dezember und dem Januar die zwei wichtigsten Monate des Jahres ausgefallen. "Die beiden Monate machen 20 Prozent des ganzjährigen Umsatzes aus und 40 Prozent des Saisonumsatzes", weiß Albrecht. Dadurch steckten viele Einzelhandelsunternehmen in einer Liquiditätsklemme. "Wenn die staatlichen Finanzierungshilfen erst im März ausgezahlt werden, kann das für den einen oder anderen Kollegen schon zu spät sein", spricht der Unternehmer Tacheles. Momentan vermisst Albrecht auch noch einen Vorschlag des Bundesfinanzministeriums, auf welcher Basis der Wert eines Warenlagers berechnet werden kann. Also ist er selbst tätig geworden, hat ein Positionspapier samt den für den Handel wichtigen Eckdaten verfasst. Hat damit sozusagen Pionierarbeit geleistet für die Politik in Berlin.

Deswegen ist es so wichtig, dass die Auszahlung der Hilfen für die Einzelhändler jetzt schnell in Gang kommt.

Claus Albrecht Unternehmer

Seine Modellrechnung beschreibt Albrecht wie folgt: Als Richtgröße (100 Prozent – Beispiel: eine Million Euro) für den Bestand des Warenwerts zum Einkaufspreis nimmt er das Ergebnis der Inventur zum 31. Dezember 2020. "Weil wir ja bis zum Saisonende geschlossen haben werden, wird sich an den Zahlen nichts ändern."

Davon zieht er 40 Prozent (400 000 Euro) des gesamten Warenlagers ab für die sogenannten Durchläufer; also Ware wie das klassische weiße Hemd oder den grauen Anzug. Ware, die auch im nächsten Winter noch aktuell ist.

Weiter zieht er zwei Mal 10 Prozent (insgesamt 200 000 Euro) ab für das unternehmerische Risiko: Damit bezeichnet Albrecht den Rest Saisonware, der gewöhnlich am Ende der Saison noch hängen bleibt, weil er nicht verkauft werden konnte.

Wertverlust von 60 Prozent

Für die restlichen 40 Prozent des Warenwerts zum Einkaufspreis (400 000 Euro) kalkuliert er einen Wertverlust von 60 Prozent (in diesem Beispiel wären das 240 000 Euro). Albrecht: "In dieser Prozenthöhe benötigen die Einzelhändler eine Überbrückungshilfe vom Staat."

Albrechts Positionspapier hat bereits seinen Weg gefunden nicht nur in die Hände der Landtags- und Bundestagsabgeordneten. Sondern Albrechts Aussage zufolge ist das Positionspapier über den Handelsverband Baden-Württemberg und die Erfahrungsaustauschgruppe der Händler auch schon beim Bundesfinanzministerium in Berlin angekommen. "Es muss jetzt gekämpft werden an allen Ecken und Enden. Damit die Leitsortimente in den Innenstädten nicht aussterben", verdeutlicht der Unternehmer sein leidenschaftliches Engagement für eine funktionierende City.

Die Geschäfte geschlossen, wochenlang kein Umsatz, die Lager pickepackevoll. Dass es einmal so weit kommen könnte, hätte Claus Albrecht, Seniorchef von Herrenmode Saturn, bis vor einem Jahr noch nicht gedacht.

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL