Aalen verliert sein kindliches Herz

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Gerhard, Ulrike und Matthias Wanner schwelgen in Erinnerungen, wenn sie die Bilder aus der Geschichte ihres alteingesessenen Spielzeugladens betrachten, den jeder in Aalen kennt.

Mit dem letzten Tag von Spielzeug Wanner endet eine Ära. Das bittere Aus rührt zu Tränen. Kleine und Große trauern um ihr Paradies. Der Abschied tut weh. Aber es gibt etwas Hoffnung.

Aalen

Da steht ein kleiner Junge bei Spielzeug Wanner vor der Kasse. Acht, vielleicht neun Jahre alt. Er und zwei Schulkameraden haben auf dem Pausenhof ein mehr oder weniger ausgeklügeltes Geschäftsmodell ausbaldowert: "Wir wollen den Laden jetzt übernehmen!", sagt der Kleine zu Matthias Wanner (50). Andere Kinder fragten mit großen Augen: "Wie können wir denn jetzt noch eine Kindergeburtstagskiste packen?" Und ein besonders resolutes Mädchen drohte in strammer Greta-Thunberg-Manier sogar mit einem Sitzstreik vor dem legendären Traditionsgeschäft, das heute die Türen schließt – nach rund 120 Jahren. Zum Abschied sagt man leise Wanner ...

Es gibt Ladenschließungen, die nimmt man zur Kenntnis. Andere findet man bedauerlich bis schade. Bei Spielzeug Wanner ist es jedoch so, als sei da eine offene Wunde. Es trifft Kleine und Große zugleich, weil auch die Großen ja mal Kleine waren. Wir alle lieben Spielzeug. Unser ganzes Leben lang. Weil es uns an die unbeschwerte Zeit erinnert, in der es noch keine Steuererklärung und keine Knöllchen gab. An die Kindheit, in der man sein Piratenschiff von Playmobil auftakelt, das erste Modellflugzeug zusammenklebt, die Geschwister mit Lego-Steinen bewirft, Wendy und Barbie bürstet. Und nachts kuschelt man sich an den Steiff-Teddy, der kurz kalt wirkt, wenn man den Knopf im Ohr erwischt.

Die Aalener Innenstadt ohne Wanner? Dafür gibt's kein Trostpflaster. Tut richtig weh. Einfach jammerschade. "Das ist ein sehr emotionaler Tag für uns", sagt Gerhard Wanner (75). Und weiter: "Es war ganz schlimm, mit vielen schlaflosen Nächten, bis die Entscheidung endlich gefallen war. Das davor war schlimmer als jetzt. Es hilft ja alles nichts: Wir müssen da jetzt einfach durch…"

Schon seit 59 Jahren steht der Seniorchef in seinem Geschäft: "Das glaubt mir immer keiner." Jetzt endet – ja! – eine Ära. Eine Ära, die irgendwann um die Wende zum 20. Jahrhundert begonnen hatte. Als Frisörsalon. "Mein Großvater Karl hatte immer auch etwas Spielzeug für seine Kunden da, damit sie ihren Kindern und Enkeln etwas mit nach Haus bringen konnten", erzählt Wanner senior. Das Gründungsjahr ist nicht bekannt; aber in der "Denkschrift zur 50-jährigen Jubel-Feier des Gewerbe-Vereins Aalen" ist eine erste Wanner-Anzeige zu finden. Mit diesem Text wurden die Leute in der Kaiserzeit angelockt: "Masken, Nasen, Dominos, Mützen, Scherz und Radau-Artikel empfiehlt billigst K. Wanner, Spitzenhausplatz." Dort steht heute das Ifju-Haus. Auch den ersten Handelsregisterauszug von 1924 haben die Wanners noch. Da war ihr Kaufhaus schon eine feste Institution in Aalen.

Im Februar 1959 tat man das, was heute wohl nicht mehr passieren würde: Das Fachwerkhaus von "Bürsten-Bruker" wurde abgerissen; die heutige linke Hälfte von Spielzeug Wanner neu gebaut. "Die Firma Eislinger hat das rasend schnell dahingestellt", sagt der 75-Jährige. Schon im Oktober war der Bau fertig – und bot drinnen ein bunt gemischtes Sortiment: Bürsten gab's weiterhin, Haarwasser, Lederwaren und auch Spielzeug.

Mit 16 legte Gerhard Wanner 1960 als Lehrling bei seinem Vater Albert los. "Eigentlich schon freiwillig", erinnert sich der Einzelhändler vom alten Schlag. Es war eine Entscheidung fürs Leben. Der 1980 die folgte, nur noch auf Spielwaren zu setzen. Lange Zeit mit LEGO, Playmobil, Steiff & Co. im Erdgeschoss: "Das war mein Reich ..."

Sohn Matthias, der seit 2002 mit an Bord ist, entwickelte sich zum Spiele-Experten im Obergeschoss. Auf sein Urteil vertrauten Tausende bei dem Kauf, der Familienabende zum Erfolg oder Misserfolg machen kann. Da war der Kunde Dame und König zugleich – und durfte auch gerne Probe spielen. Sein Tipp: "Mein absolutes Lieblingsspiel ist Dog. Faszinierend, weil man alle Gefühlswallungen erlebt. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Eine moderne Mensch-ärgere-dich-nicht-Variante."

Das ist ein sehr emotionaler Tag für uns.

Gerhard Wanner

Das Ärgern steht für ihn trotz Schließung nicht im Vordergrund. "Warum immer nur nörgeln und das Negative suchen?" Denn da bleiben ganz viele schöne Erinnerungen: "Mir hat das immer großen Spaß gemacht. Es war toll, die Bestätigung zufriedener Kunden zu spüren. Glückliche Kinder zu sehen, die wir ja quasi mit großgezogen haben."

Warum man all das in der Vergangenheitsform erzählen muss? "Eigentlich ging die Krise mit dem Euro los", bilanziert Gerhard Wanner, "die Leute haben alles eins zu eins umgerechnet, und gefühlt wurde alles teurer". 2012 investierten die Wanners noch mal kräftig in eine Sanierung. Und damals wie jetzt: "Der Räumungsverkauf war sehr, sehr erfolgreich."

Die Preise zogen weiter nach oben, der übermächtige Internethandel wuchs und wuchs – und er wächst und wächst immer noch weiter: "Der Knackpunkt war so um 2009, 2010", analysiert Matthias Wanner. Bequem vom Sofa aus online bestellen. Und alles gratis wieder zurückschicken, was einem nicht passt. Ein knallharter, oft aussichtsloser Kampf für den Einzelhandel. "Und es gibt immer weniger Menschen, die normal kommunizieren wollen. Das haben wir auch im Geschäft gemerkt. Da wird die Kluft leider auch immer größer", sagt Wanner junior.

Waren es 2000 noch 29 (!) Mitarbeiter, so sind es zuletzt nur noch zehn gewesen. Das traurige Ende war ein schleichendes. Auch weil die rechte Wanner-Hälfte, das alte, denkmalgeschützte Stützel-Haus, viel Geld verschlingt. Ein Fass ohne Boden.

Was kommt jetzt? Am letzten Tag heißt es von 9 bis 16 Uhr, wehmütig Abschied zu nehmen. "Es wird noch einen Abend mit allen Mitarbeitern geben. Das war's dann", sagt Gerhard Wanner. Wirklich so ganz? Ein "Mini-Comeback" feiert Wanner am 14. Dezember mit dem "Kinderlädele am Karussell". Matthias Wanner: "Wir öffnen dann noch mal von 10 bis 13 Uhr. Kinder können Spielzeug und Selbstgebasteltes tauschen und verkaufen." Anmeldungen sind unter wanner.aalen@vedes.de möglich.

Ja, und dann gibt es da noch ein Fünkchen Hoffnung: "Wir haben uns sehr über den großen Zuspruch und die rührenden Reaktionen gefreut. Das ist uns zu Herzen gegangen. Und es gibt da eine Idee, die uns umtreibt. Wenn wir dazu ein tragfähiges Konzept hinbekommen, würden wir hier gerne etwas Neues mit Spielsachen aufbauen."

Eine vorsichtige Botschaft über die Kleine und Große sich freuen. Vielleicht ist es eines Tages ja wieder so, wie es eine gefühlte Ewigkeit lang war: Spielzeug kauft man "beim Wanner".

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